Dauerverletzter Badstuber "Ich bin glücklicher als vorher"

629 Tage lang war Holger Badstuber verletzt. Sein Verein Bayern München und die deutsche Nationalmannschaft feierten in dieser Zeit die größten Erfolge seit Jahrzehnten. Das Magazin "11 Freunde" hat mit Badstuber über seine lange Leidenszeit gesprochen.

Verletzter Badstuber (im Sommer 2013): Bei den Triumphen der Kollegen nur Zuschauer
DPA

Verletzter Badstuber (im Sommer 2013): Bei den Triumphen der Kollegen nur Zuschauer


Glück? Das Gespräch ist fast zu Ende, als Holger Badstuber plötzlich innehält. "Glück?", wiederholt er und die Stimme überschlägt sich ein bisschen, was ihn so überrascht, dass ihm ein Lächeln übers nachdenkliche Gesicht huscht. "Was ist Glück?" Für einen Fußballer von seiner Güte, der ausgerechnet in den Monaten, die zu den erfolgreichsten der deutschen Fußballgeschichte zählen, an der schwersten Verletzung laborierte, die einen Profi im Allgemeinen ereilen kann? "Glück", setzt Badstuber nach einer Pause an, "ist ein kurzzeitiger Zustand, aber sicher nicht das Wichtigste auf der Welt."

629 Tage hatte er bis zu seinem Comeback im Sommer kein Pflichtspiel gemacht. Am 1. Dezember 2012 war im Heimspiel gegen den BVB sein rechtes Bein weggeknickt, bei einem Zusammenprall mit Mario Götze, der damals noch in Dortmund spielte. Kaum am Boden signalisierte Badstuber bereits, dass etwas passiert war. Die Diagnose: Kreuzbandriss.

Es war der Beginn einer Leidenszeit. Während der Genesung traten unerwartete Komplikationen auf. Rückschläge, die bei ihm das Bewusstsein reifen ließen, dass man das Glück zwingen muss, damit es zu einem kommt.

Rückkehr nach einem halben Jahr - das war Badstubers Ziel

Nach der Verletzung verbrachte Badstuber täglich bis zu acht Stunden mit Rehamaßnahmen. Wenn alles mit rechten Dingen zuginge, würde er dann nach einem halben Jahr wieder auf dem Platz stehen können. Während unten auf dem Trainingsplatz die Elf von Jupp Heynckes zu einer historischen Mannschaft zusammenwuchs, die mit fröhlichem Teamgeist auf das epochale Triple hinarbeitete, schuftete er in Blickentfernung im Kraftraum.

Doch der Heilungsprozess verlief nicht zufriedenstellend. Bereits im März 2013 - der FC Bayern war kurz davor, frühester Meister in der Bundesligageschichte zu werden - musste er erneut unters Messer. Eine schmerzhafte Gelenkspiegelung, die ergab, dass sich das Narbengewebe im Knie entzündet hatte. Es folgten weitere Monate der Ungewissheit, derweil der FC Bayern auf dem Weg ins Champions-League-Finale Juventus und Barça Lehrstunden erteilte.

Der Erkenntnisgewinn, den der verletzte Verteidiger aus dieser Phase zog: "Ich musste Geduld lernen, das war die schwierigste Übung für mich."

Der ursprüngliche Zeitplan für sein Comeback war längst überholt. Im Mai fällte er mit seinen engsten Vertrauten und den Bayern-Medizinern die Entscheidung, dass aufgrund der andauernden Beschwerden ein Strategiewechsel notwendig sei. Es war zu einer sogenannten Re-Ruptur gekommen. Dieser erneute Riss kommt bei rund zehn Prozent aller Kreuzbandverletzungen vor, oft weil umliegende Muskeln und Bänder im Knie in Mitleidenschaft gezogen wurden.

"Die Schmerzen in der Hüfte waren extrem"

Was genau bei Badstuber den Ausschlag für das erneute Reißen hervorrief, ist unklar. Klar aber ist: Er wechselte den Operateur und wandte sich an Dr. Richard Steadman in Vail, Colorado, den "Paganini des Endoskops". Eine 71 Jahre alte Knie-Koryphäe, die schon Kohorten von Spitzensportlern vor der Invalidität bewahrt hatte. Auch Lothar Matthäus hatte sich 1993 als erster deutsche Profi vom Texaner operieren lassen.

Als der FC Bayern in London die Champions League gewann, lag Holger Badstuber also auf einem Krankenhausbett im fernen Colorado - und litt. In einer viereinhalbstündigen Operation hatte Dr. Steadman Gewebe aus seinem Hüftknochen entfernt, um die Löcher der Arthroskopie in seinem Knie zu stopfen und für eine erneute Transplantation der Patellasehne zu präparieren. Der Körper des damals 24-Jährigen war eine Baustelle. "Ich war nie ein Weichei. Ich bin Abwehrspieler, ich teile aus, also muss ich auch einstecken können", erinnert sich Holger Badstuber, "aber diese Verletzung war auch in Bezug auf das Schmerzempfinden eine neue Erfahrung. Die Schmerzen beim Verheilen der Hüftnarbe waren schon extrem."

Durch die erneute OP sanken die Chancen auf eine vollständige Genesung. Eine Faustregel besagt: Spätestens nach der dritten Kreuzbandtransplantation gelangen auch Top-Operateure an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Mit diesen Aussichten erlebte Badstuber vor dem TV-Gerät in den fernen USA, wie seine Mitspieler die Krone des europäischen Fußballs gewannen - und den DFB-Pokal bald darauf. Die Reminiszenz an den kranken Kollegen, das Badstuber-Trikot, das die Spieler in London bei den Feierlichkeiten in die Kamera hielten, bekam er zunächst gar nicht mit. Doch: "Dass Mitspieler in so einer extremen Situation an mich dachten, hat mich sehr berührt."

Zum Grübeln blieb ihm derweil nicht viel Zeit. Zurück in München klingelte Anfang Juni 2013 plötzlich sein Handy. Am anderen Ende radebrechte Pep Guardiola und fragte Wochen vor seiner offiziellen Amtsübernahme als Coach nach Badstubers Wohlbefinden. Ein erster Lichtblick.

Erinnerungen an den Zivildienst in einer Behindertenschule

Die Schmerzen wurden nun jeden Tag weniger, die Kreuzbandtransplantation von Dr. Steadman im September 2013 schlug endlich an. Als Badstuber die Tage nach der OP im Rollstuhl verbrachte, musste er oft an seine Zeit im Zivildienst zurückdenken, die er in einer Behindertenschule absolviert hatte. Ihm ging durch den Kopf: "Mal ehrlich: Es gibt schlimmere Schicksale als meins." Sami Khedira, ebenfalls kreuzbandgeschädigt, war in dieser Phase dermaßen von Badstubers Beharrlichkeit beeindruckt, dass sich der Mann von Real Madrid den Münchner zum Vorbild bei seiner eigenen Genesung nahm.

Khedira schaffte den Sprung zur WM. Badstuber erlebte die Vorrunde im Urlaub auf einer griechischen Insel, den Titelgewinn der DFB-Elf in München vor dem Fernseher. Wieder ein großes Endspiel ohne ihn. Das dritte in Folge. Beim "Finale dahoam" 2012 hatte er wegen einer Gelb-Sperre pausieren müssen. Als Philipp Lahm den Pokal in den Nachthimmel von Maracanã stemmte, schickte er einigen befreundeten Spielern aus dem Kader eine Gratulations-SMS. Im losbrechenden Jubel-Orkan habe er den Kollegen nicht mit seinem Anruf auf den Wecker gehen wollen. Am nächsten Morgen stand er wie immer in den zurückliegenden anderthalb Jahren früh auf, traf sich mit seinem Fitnesstrainer, absolvierte eine Sondereinheit und nahm anschließend am Training des Rumpfkaders an der Säbener Straße teil.

Bei Saisonbeginn schien es, als hätten sich die Entbehrungen gelohnt. Der FC Bayern hat in allen Mannschaftsteilen nachgerüstet, doch Badstuber war zum Saisonstart in der Dreierkette gesetzt - und er machte seine Sache gut. Es mutet fast makaber an, dass er in der Situation ein Stück weit Nutznießer der Verletzung wurde, die Javi Martínez sich im Supercup-Finale zuzog. Kreuzbandriss.

629 Tage ohne Pflichtspiel. In seiner Erinnerung schmilzt die Zeit wie ein Eisberg zu einer kleinen Pfütze zusammen. "Die mentale Stärke ist in mir drin", sagt Badstuber, "ich wusste, dass es eine lange Zeit dauern würde, aber dass immer die Chance besteht, dass ich zurückkomme." Auch wenn er weiß, dass Glück nur ein kurzzeitiger Zustand ist, kann er sagen: "Ich bin glücklicher als vor der Verletzung. Weil ich vieles mehr schätzen kann. Weil ich Vertraute hinzugewonnen habe. Und weil ich als Persönlichkeit gereift bin."

Guardiola spricht inzwischen sogar fließend deutsch. Zu seinen Co-Trainern soll er vor kurzem gesagt haben: "Der beste Spieler, den ich je hatte, heißt Holger Badstuber."

Lesen Sie die ungekürzte Version des Textes in der aktuellen "11FREUNDE".

Anmerkung: Im Bundesligaspiel gegen den VfB Stuttgart hat sich Holger Badstuber am 13. September erneut eine Verletzung zugezogen: Nach einem Muskelsehnenriss musste er ein weiteres Mal operiert werden. Er fällt voraussichtlich bis zum Ende der Hinrunde aus.

Mehr zum Thema


insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hujfredo 27.10.2014
1. Soso Herr guardiola
"der beste Spieler den ich je hatte" ein schönes Kompliment was seine Stärke verfehlt weil guardiola das bereits über Schweinsteiger und mehrfach über lahm gesagt hat... Ich käme mir als Spieler reichlich blöd vor
axelmueller1976 27.10.2014
2. Kopf hoch Holger Du schaffst das
Zitat von hujfredo"der beste Spieler den ich je hatte" ein schönes Kompliment was seine Stärke verfehlt weil guardiola das bereits über Schweinsteiger und mehrfach über lahm gesagt hat... Ich käme mir als Spieler reichlich blöd vor
Wer so hartnäckig ist und an sich arbeitet hat den Erfolg verdient. Gute Besserung Holger.
HugoDacor 27.10.2014
3. Gute Besserung
Gute Besserung und alle Achtung an einen Fussballprofi der solche Schicksalschläge so wegsteckt. Keine Spur von Selbstmitleid, kein Hadern mit dem Schicksal, das zeugt von Reife und menschlicher Größe. @Axel: Glückwunsch zum ersten vernünftigen Beitrag, den ich von Ihnen gelesen habe. Aus Respekt vor Badstuber enthalte ich mich jeden Kommentars zur Trainingsintensität bei den Bayern.
dschiseskreist 27.10.2014
4. Und jetzt...
Stellt euch dieses Schicksal mal ohne Millionen auf dem Konto vor.... Trotzdem alles gut Herr Badstuber.
der_ba_be 27.10.2014
5.
Ich kann mich täuschen und hab gerade auch keine große Lust zu googeln, aber wenn ich mich recht erinnere war Schweinsteiger für Guardiola "einer der besten Spieler" und Lahm "der intelligenteste" mit denen er je gearbeitet hat. in sofern hat er da schon differenziert und das Kompliment hat nichts an seinem Wert verloren. Zumal ich ohnehin davon ausgehe, das dieses Kompliment jeweils positionsbezogen gemeint ist...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.