Kritik an der Relegation Rettungsring für Bundesligisten

Wolfsburg darf jubeln: Wieder hat sich der Bundesligist in der Relegation gerettet. Kiels Mittelfeldspieler Dominic Peitz kritisiert den Modus - der Zweitligist wird der ersten Liga wohl lange nicht mehr so nah kommen.

Jubelnde Wolfsburger in Kiel
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Jubelnde Wolfsburger in Kiel

Aus Kiel berichtet


Es war der VfL Wolfsburg, der die Relegation für sich entschieden hatte. Nicht Holstein Kiel. Diese Tatsache musste man sich nach dem Schlusspfiff immer wieder ins Gedächtnis rufen. Denn die Bilder, die man im proppevollen Holstein Stadion sah, die wollten so rein gar nicht zum Ergebnis passen.

Die West-Tribüne, der Stehplatzbereich der Kieler Fans, hüpfte auf und nieder, die beiden anderen Tribünenseiten klatschten und sangen, die Stimme des Stadionsprechers überschlug sich. Und das ganze Stadion sang der Gästekurve ein trotziges Liedchen: "Und ihr wollt erste Liga sein?"

So ganz gerecht war das nicht. Denn die Wolfsburger waren nicht nur im Hinspiel, das sie mit 3:1 gewonnen hatten, die bessere Mannschaft. Auch beim 1:0-Sieg im Rückspiel hatten sie so gespielt, wie man spielen muss, wenn man das Hinspiel gewonnen hat: Abwartend, aber konzentriert .

"Wenn hier einer gescheitert ist, dann ist es Wolfsburg"

Dass die individuelle Qualität des Wolfsburger Kaders - wie in beiden Spielen klar zu erkennen - eine andere ist als die der Kieler könnte aber eben auch daran liegen, dass deren Etat dann eben doch ein bisschen größer ist. 60 statt 6 Millionen sind die Zahlen, die da kolportiert werden. Man kann die Dinge da also auch etwas grundsätzlicher angehen.

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Kiels Relegation gegen Wolfsburg: Das Wunder bleibt aus

Etwa so wie Dominik Peitz. Der eloquente Hüne im Kieler Mittelfeld kam als Erster in die Interviewzone, und er hatte viel zu sagen. Die Frage, wie es ihm angesichts des Scheiterns in der Relegation gehe, war genau das richtige Stichwort: "Wenn hier einer gescheitert ist, dann ist es Wolfsburg mit der Idee, eine Mannschaft zusammenzustellen, die in der Bundesliga Erfolg hat", sagte er. Es sei "fragwürdig, eine Relegation stattfinden zu lassen, in der man dem Drittletzten der Bundesliga noch mal einen Rettungsring zuwirft und ihm die Chance gibt, eine katastrophale Saison zu retten."

Da würden zwei Mannschaften aufeinander gehetzt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hier das kleine Holstein Kiel, das - man hat das fast schon vergessen - ja vor dieser Saison erst aufgestiegen ist aus der dritten Liga, sofort Herbstmeister wurde und mit mutigem, planvollem Offensivfußball und 71 Toren jedem Freude gemacht hat, den am Fußball auch der Fußball interessiert.

Labbadia packt Anfang am Kragen

Und dort eine Wolfsburger Mannschaft, deren Konzept sich seit Jahren darin erschöpft, für ein Heidengeld Spieler einzukaufen und in immer kürzer werdenden Abständen neue Trainer zu verpflichten. Zweimal in den vergangenen zwei Jahren reichte eine kurze Aufwallung in der Relegation, um eine Katastrophensaison noch zu retten. Insgesamt setzten sich seit 2009 achtmal die Bundesligisten durch. Kiels Peitz scheint nicht zu denen zu gehören, die das Wolfsburger Modell sympathisch finden. Er sprach von "Spielern, die sich das ganze Jahr mit anderen Dingen beschäftigen als ihre Leistung zu bringen. Vielleicht zählen sie ihr Geld."

Wolfsburgs Trainer Bruno Labbadia wäre wohl aus der Haut gefahren, wenn er das gehört hätte. Er hatte schließlich schon den Kollegen Markus Anfang nach dem Schlusspfiff kurz am Kragen gepackt. "Es ging um Respekt", sagte er bei der Pressekonferenz. Anfang wiederum betonte, er habe Labbadia lediglich gesagt, dass Kiel einen Sieg verdient gehabt hätte. Was allerdings auch wirklich eine sehr subjektive Sicht der Dinge war. Wolfsburg war auch im Rückspiel die bessere Mannschaft.

Je später der Abend an der Ostseeküste wurde, desto mehr Wehmut mischte sich allerdings in den anfänglichen Trotz der Kieler Fanschar. Die Branchenmechanismen, die Peitz so eloquent gegeißelt hatte, machen ja nicht Halt vor dem wackeren Aufsteiger. Trainer Anfang, dessen Anteil am Höhenflug man kaum überschätzen kann, trainiert demnächst Köln. Sportdirektor Ralf Becker soll beim HSV im Gespräch sein. Und so mancher Leistungsträger scheint nur noch eine Schamfrist abzuwarten, ehe auch er den Weggang aus Kiel verkündet.

Platz drei wird es wohl nicht mehr werden in der nächsten Saison. Zu stark sind die Kontrahenten, aus der Bundesliga kommen Köln und Hamburg. Und zu klein ist der Etat der Kieler, um dauerhaft oben mitzuspielen. Vielen wurde erst lange nach Abpfiff klar, wie nah sie der ersten Liga gekommen waren.

So nah, wie sie ihr so schnell nicht wieder kommen dürften.

Holstein Kiel - VfL Wolfsburg 0:1 (0:0)
0:1 Knoche (75.)
Kiel: Kronholm - Patrick Herrmann (80. Peitz), Schmidt, Czichos, van den Bergh - Kinsombi - Schindler, Weilandt (76. Janzer), Mühling, Seydel - Ducksch. Trainer: Anfang Wolfsburg: Casteels - William, Knoche, Brooks, Uduokhai - Guilavogui - Malli (76. Camacho), Arnold - Steffen, Brekalo (90.+2 Blaszczykowski) - Origi (84. Dimata). Trainer: Labbadia
Schiedsrichter: Daniel Siebert
Zuschauer: 12.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Patrick Herrmann, Peitz, Ducksch - Uduokhai, Brooks



insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
Europa! 22.05.2018
1. Die Liebe zum Fußball
Für die Sternstunden der engagierten Mannschaften aus der zweiten und dritten Liga gibt's den Pokal. Die erste Bundesliga ist ein knallhartes Geschäft für Hochleistungssportler, die ein paar Jahre lang ihre Knochen riskieren, damit die Fans den Alltag vergessen und ihre Frustrationen abreagieren können.
Korken 22.05.2018
2. Ungerecht?
Man kann es ehen wie man will, aber der Unterschied im Spiel war doch deutlich erkennbar. Kiel kann durchaus in der 2. Liga weiterhin Erfahrung für ganz oben sammeln aber jetzt hatte es eben noch nicht sollen sein. Was das "Missverhältnis" im Etat angeht, ja, da knabbern auch andere kleine Mannschaften in der ersten Liga gehörig dran. Wenn man mal überlegt, was der SC Freiburg jedes Jahr tut, um neue Leute für die Bundesliga fit zu machen. Vergangene Saison verlor der SC Maximilian Philipp an Borussia Dortmund und Vincenzo Grifo an Borussia Mönchengladbach, beide die Top-Scorer der damaligen Saison. Auch Bayern ist bekannt, den kleinen Vereinen die Top Leute abzukaufen und sei es auch nur, um deren Gefährlichkeit zu mildern. Dieser Unterschied der eigenen Aufbaueinheit und Abkaufeinheit anderer existiert einfach und damit muss sich auch Kiel abfinden. Also als Verlierer nicht sagen, wir waren viel besser sondern einfach die Erfahrung mitnehmen und besser werden. Die Relegation hat durchaus den Sinn, solche großen Unterschiede bei Mannschaften herauszustellen und dementsprechend einzuordnen.
kopi4 22.05.2018
3.
Natürlich wäre es für die zweite Liga besser wenn man wieder die Regel 3 Absteiger 3 Aufsteiger einführen würde. Das würde verhindern das der dritte der 2.Liga,nach gescheiterter Relegation,den Fahrstuhl nach unten nimmt. Das es Kiel ähnlich ergeht wie Fürth (Relegation 2014,Abstiegskampf danach) oder sogar Karlsruhe(Relegation 2015, aktuell Relegation um wieder in die 2.Liga aufzusteigen) und Braunschweig (Relegation 2017,Abstieg 2018) ist wahrscheinlicher als der erneute Kampf um die ersten drei Plätze.
steppenwolff 22.05.2018
4.
Wir haben jetzt 10 Jahre Relegation und nur zweimal konnte der Zweitligist gewinnen. Da kann man das Ganze auch gleich abschaffen und stattdessen den dritten Absteiger streichen. Die Relegation ist auch einfach unfair. Der Erstligist tritt mit einem Erstliga-Kader an und der Zweitligist eben mit einem Zweitligakader. In den meisten Fällen würde dieser Kader ja erst durch Verstärkungen im Sommer auf Erstliganiveau gebracht, das er im Mai gar nicht haben kann.
formatierer 22.05.2018
5. Sie tanzen nur einen Sommer
Die nächsten Absteiger sehen schon fest Düsseldorf und Nürnberg
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