Kiels Niederlage gegen Nürnberg Anfangs Wechsel gefährdet den Aufstieg

Zweitligist Holstein Kiel steht seit September auf einem Aufstiegsplatz. Trainer Markus Anfang geht nun aber nach Köln, das erste Spiel nach der Bekanntgabe ging verloren. Und von hinten drängt die Konkurrenz.

Kiels Trainer Markus Anfang
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Kiels Trainer Markus Anfang

Aus Kiel berichtet


Markus Anfang wollte nur über Holstein Kiel sprechen. Über den Aufstiegskampf in der zweiten Liga und was die 1:3-Heimniederlage gegen den 1. FC Nürnberg dafür bedeutet. Doch ganz am Ende kam die Frage dann doch noch. Sie war tagesaktuell, hatte aber nichts mit dem Spitzenspiel zu tun. Und dennoch konnte Kiels Trainer von ihr nicht überrascht gewesen sein. Was er denn zur Vertragsverlängerung von Jonas Hector beim 1. FC Köln sage? Der ziemlich sichere Bundesliga-Absteiger hatte wenige Stunden zuvor mitgeteilt, dass der Nationalspieler - trotz Ausstiegsklausel - beim Verein bleiben werde und seinen Vertrag bis 2023 verlängerte.

Eine Nachricht, die Anfang freuen müsste. Schließlich ist er ab dem 1. Juli der neue Coach in Köln. Der Verbleib des Nationalspielers schlug hohe Wellen, könnte Signalwirkung haben für andere Leistungsträger wie Torwart Timo Horn oder Verteidiger Dominique Heinz. Doch Anfang wiegelte sofort ab. Er sei bereit, über Holstein Kiel und das Spiel zu reden, aber alles andere "habe ich jetzt noch nicht so im Kopf", sagte der 43-Jährige. Nur so viel: Die Meldung aus Köln "ist auch bei mir angekommen".

Anfangs Aussagen und Einstellung zeugen von Professionalität. Kiel statt Köln. Störche heute, Geißbock bitte schön erst morgen. Doch wer wie er mitten im Saisonendspurt, nein, sogar mitten im Aufstiegskampf, einen Arbeitsplatzwechsel bekannt gibt, darf nicht erwarten, dass dies geräuschlos verläuft - nicht einmal im beschaulichen Kiel. Auch wenn sein Name schon seit Dezember mit dem Kölner Klub in Verbindung gebracht worden war. Und zwar mitunter so sehr, dass die "Kieler Nachrichten" bereits von einem "verbalen Eiertanz" geschrieben hatten.

Planungssicherheit in Köln und Kiel

"Das Einzige, was mich gestört hat: Ich hätte es halt gerne am Ende der Saison gehabt", sagte Anfang. Denn nicht er solle im Fokus stehen, sondern Holstein Kiel. Aber sowohl in Köln als auch in Kiel habe man planen wollen. Und deshalb habe man das "irgendwann auch nicht mehr verhindern" können, so der gebürtige Kölner.

Anfang war am 17. April vor die Mannschaft getreten und hatte sie über seine Entscheidung informiert. Knapp 72 Stunden nach dem 4:0-Sieg bei Dynamo Dresden und sechs Tage vor dem Spitzenspiel gegen Nürnberg. "Weit genug weg vom Spieltag, die Jungs hatten also auch Zeit, das zu verarbeiten", sagte er. Kapitän Rafael Czichos betonte, dass die Mannschaft die Nachricht "sehr gefasst" aufgenommen habe. Schließlich sei das Thema "seit dem Winter in den Medien" präsent gewesen.

Dass die Kieler nun das erste Spiel nach dem Bekanntwerden des Anfang-Abgangs verloren, wirft ein unglückliches Licht auf den Zeitpunkt von Anfangs Bekanntgabe, hatte aber weniger mit der Trainer-Personalie zu tun als vielmehr mit einem starken Gegner. Die Nürnberger waren von Beginn an aggressiver, entschlossener und nutzten zudem zwei Torwartfehler von Kiels Schlussmann Kenneth Kronholm konsequent zum 2:1 und 3:1.

Anfang verteilt Glückwünsche an Nürnberg

"Wir sind glücklich, die hohe Hürde in Kiel genommen zu haben", sagte Nürnbergs Trainer Michael Köllner, der von Anfang bereits "Glückwünsche zum Aufstieg" bekam. Ganz so weit ist es zwar noch nicht. Aber Nürnberg hat als Zweiter nun fünf Punkte Vorsprung auf Kiel. Der achte Bundesliga-Aufstieg der Klubhistorie scheint sehr wahrscheinlich - 50 Jahre nach dem Gewinn der letzten Deutschen Meisterschaft.

In Kiel hingegen gibt es - zumindest offiziell - immer noch keine Gedanken an die Bundesliga, obwohl das Team seit dem fünften Spieltag auf einem der ersten drei Tabellenplätze liegt. Die Relegation ist weiterhin machbar. Holstein hat als Dritter zwei Zähler mehr als der ebenfalls starke Mitaufsteiger Jahn Regensburg auf Platz vier, Chancen haben auch noch Arminia Bielefeld und der VfL Bochum mit fünf Punkten Rückstand. Kiels Restprogramm mit den Auswärtsspielen in Ingolstadt und Düsseldorf sowie dem Heimspiel gegen Braunschweig kann als schwierig bezeichnet werden.

Anfang spricht trotzdem von einer "komfortablen Situation" und betont, dass man sich "riesig" auf die letzten drei Spiele freue. Der Trainer will sein Kieler Kapitel erfolgreich zu Ende bringen. Am 29. August 2016 hatte er den Job an der Förde übernommen. Holstein war damals Zehnter der dritten Liga - und Kiel fest mit Handball verbunden. Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren könnten es die Fußballer nun ganz nach oben schaffen. Und falls nicht, hätten sie trotzdem eine sensationelle Saison gespielt. Anfang: "Viele Klubs in der Liga würden sehr gerne mit uns tauschen."

Das dürfte aufgrund der finanziellen Möglichkeiten beim 1. FC Köln auch in der kommenden Saison so sein. Doch dann muss Anfang aufsteigen.



insgesamt 12 Beiträge
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August R. 24.04.2018
1.
Die 2.Liga ist in dieser Saison für fast jedes Team ein einziges Auf und Ab. Auch (und ganz besonders) Kiel spielt schon seit Wochen deutlich schlechter - oder zumindest unbeständiger - als in der Hinrunde. Dazu kommt mit Nürnberg noch ein starker und vielleicht auch der derzeit konstanteste Gegner. Aber klar - Schuld wird der Zeitpunkt der Bekanntgabe des Trainerwechsels sein. Wenn es für einen Artikel reicht...
varlex 24.04.2018
2.
Daran liegt es wohl eher nicht. Kiel spielt schon seit die gesamte Rückrunde nicht mehr sehr erfolgreich (Platz 15 der Rückrundentabelle) und zehrt nur vom gutem Ergebnis der Hinrunde. Selbst das 4:0 gegen Dresden ist eher auf die schlechte Abwehrleistung und schlechte Abschlüsse von Dresden zurückzuführen, als auf ein gutes Spiel von Kiel. (Kiel hatte 4 Torschüsse, alle gingen rein...ansonsten hatte Kiel nix vom Spiel...) Gut, das reichte, aber für eine Mannschaft, die aufsteigen will, war es zu wenig Leistung. Letztendlich, falls es Kiel schafft, den Relegationplatz zu halten, werden sie vermutlich trotzdem nicht aufsteigen. Die Luft ist einfach raus.
haenner 24.04.2018
3. Naiv von Anfang
Anfang hat das, was er in Kiel mit den Händen aufgebaut hat, mit seinen frühzeitigen Verhandlungen mit Köln wieder eigenhändig eingerissen. Die Bilanz seit Dezember von Kiel ist 50% schwächer als zuvor. Nun wurde der Wechsel offiziell, prompt gab's in einem sehr wichtigen Spiel die schwächste Heimleistung seit langem. Anfang ist ein guter Trainer, aber offensichtlich reichlich naiv, wenn er glaubt, dass sein Wechsel an der Mannschaft spurlos vorbeigeht. Egal wie oft er sagt, erst Kiel, dann Köln. Das Spitzenspiel mit der schwächsten Leistung seit Monaten hat deutlich gezeigt, dass sich die Mannschaft mit dem Wechseltheater beschäftigt.
treime 24.04.2018
4. Kiel hat gespielt, was es kann
Sie haben enorm Einsatz und Willen bis zum Abpfiff gezeigt, mit dem sie wahrscheinlich 14 andere Teams in der 2. niedergerungen hätten. Nürnberg hatte es leicht, ob Torwart- oder Stellungsfehler - da ging in der 1. Hz alles rein. Kiel kam nur mit einem (fast) geschenkten Elfmeter zu einem Tor. Steht ein Topteam der 2. Liga mit einer zwei Tore Führung so schön locker hinten drin, dann gehts nix mehr. Das hat mit Anfangs neuem Vertrag gar nichts zu tun.
Robert_Rostock 24.04.2018
5.
Tut mir leid, aber für mich ist da sowohl bei Frankfurt als auch bei Kiel ein ziemliches Geschmäckle dabei. Mitten in der heißen Phase, kurz vor Saisonende, wo es für beide Mannschaften noch um ziemlich viel geht, wird der Wechsel des Trainers bekanntgegeben. Das bringt doch selbstverständlich Unruhe.
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