Kieler Erfolgstrainer Markus Anfang "Ein Jahr in der Bundesliga wäre ein Quantensprung"

Holstein Kiel mischt die zweite Liga auf. Trainer Markus Anfang erklärt, warum Mut wichtiger ist als Ergebnisse, worauf er bei Champions-League-Übertragungen achtet und womit ihn Joachim Löw beeindruckt hat.

Markus Anfang
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Markus Anfang

Ein Interview von Oliver Jensen und


SPIEGEL ONLINE: Herr Anfang, gelingt Holstein Kiel der Durchmarsch von der dritten in die erste Liga?

Markus Anfang: Wir sind nach 36 Jahren wieder in die zweite Liga aufgestiegen. Wir genießen gerade, was wir erleben. Genauso wie wir zu Beginn der Saison nicht vom Abstieg gesprochen haben, sprechen wir jetzt nicht vom Aufstieg. Das wäre total vermessen und passt auch nicht zu Holstein Kiel.

SPIEGEL ONLINE: Käme ein erneuter Aufstieg für Holstein Kiel nicht ohnehin zu früh? Ihr Stadion zum Beispiel ist kaum zweitligatauglich.

Anfang: Eine Gegenfrage: Wäre es denn für den Verein ein großer Schaden, wenn man diesen Durchmarsch schafft und dann wieder absteigt? Wirtschaftlich sicher nicht. Allein aufgrund der Fernseheinnahmen wäre ein Jahr in der Bundesliga ein Quantensprung.

SPIEGEL ONLINE: Klassischerweise nennen Aufsteiger als Ziel den Klassenerhalt. Sie nicht, Sie haben das Wort sogar auf den Index gesetzt.

Anfang: Weil man sonst gedanklich viele Spiele schon herschenkt. Schließlich genügen 40 Punkte, um in der Liga zu bleiben. Wir aber gehen in jedes Spiel, um zu gewinnen. Unser Ziel war von Anfang an, eine gute Saison zu spielen. Unabhängig vom Tabellenplatz.

SPIEGEL ONLINE: Aber der lässt sich doch nicht komplett ausblenden. Ihre Spieler sehen doch auch, dass sie nach 15 Spieltagen fünf Punkte Vorsprung auf einen Nichtaufstiegsplatz haben - und in der zweiten Saisonhälfte vielleicht die Chance ihrer Karriere verspielen könnten.

Zur Person
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    Markus Anfang, Jahrgang 1974, ist seit August 2016 Trainer des Zweitligisten Holstein Kiel. Der ehemalige Fußballprofi spielte unter anderem für Fortuna Düsseldorf, FC Schalke 04, den 1. FC Kauserslautern, Energie Cottbus und MSV Duisburg.

Anfang: Mit solchen Gedanken wollen wir uns nicht beschäftigen. Wenn man immer nur versucht, nichts kaputt zu machen, dann bringt einen das nicht ans Ziel. Das hat etwas mit Mut zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Und den fordern Sie von Ihren Spielern ein?

Anfang: Wir wollen mit und ohne Ball eine gewisse Dominanz haben. Unsere Analyse nach einem Spiel richtet sich nicht danach, ob wir Punkte geholt haben. Für uns geht es darum, ob die Vorgaben richtig umgesetzt wurden. Die Punkte kommen dann von ganz allein.

SPIEGEL ONLINE: Ein Aufsteiger an der Spitze der Zweiten Bundesliga - ist der Leistungsunterschied zwischen der zweiten und dritten Liga gar nicht so groß?

Anfang: Doch, das Tempo und die Qualität sind völlig anders. Ein Beispiel: In Liga drei waren wir die Mannschaft mit den wenigsten Gegentoren. Diese Saison gab es bereits Spiele, in denen wir uns drei oder vier Treffer eingefangen haben. Die Gegenspieler brauchen einfach weniger Chancen, um Tore zu erzielen. Jeder Fehler wird härter bestraft. Je höher du kommst, desto höher wird gerade die Qualität der Spieler im vorderen Bereich.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt die Athletik?

Anfang: Noch mehr geht es um Handlungsschnelligkeit, um Antizipation und um Auffassungsgabe. Das Spiel verstehen, früh handeln, sich positionieren, das macht den Unterschied. Wer ein Spiel lesen kann, braucht gar nicht so viel zu laufen, weil er immer gut steht. Ich glaube, dass unsere Spieler sich recht schnell angepasst haben - und dass viele, die irgendwann in der Karriere mal einen kleinen Knick hatten, es geschafft haben, ihr Potenzial perfekt abzurufen.

SPIEGEL ONLINE: Marvin Ducksch war beim FC St. Pauli nur Reservist und ist nun der zweitbeste Torschütze der Zweiten Bundesliga. Kingsley Schindler spielte vor eineinhalb Jahren noch für TSG Hoffenheim II in der Regionalliga und steht nun angeblich auf dem Einkaufszettel mehrerer Bundesligisten. Wie ist dieser rasante Aufstieg zu erklären?

Anfang: Wir haben in der Mannschaft viele Spieler, die dasselbe Schicksal teilen. Viele haben vorher bei großen Vereinen gespielt und konnten sich dort nicht durchsetzen. Dominick Drexler hat das zum Beispiel bei Bayer Leverkusen erlebt, Dominik Schmidt bei Werder Bremen und Eintracht Frankfurt.

SPIEGEL ONLINE: Und solche Spieler haben Sie gezielt gesucht?

Anfang: Superstars hierherholen, das geht nicht. Also bleiben nur Spieler, die vielleicht gerade langsam aus ihrer Karriere ausscheiden, wie Dominic Peitz, oder die irgendwo in jungen Jahren schon mal gezeigt haben, dass da wahnsinnig viel Qualität vorhanden ist, bei denen es dann aber an irgendetwas gescheitert ist.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie ein Fußballverrückter, der sich auch in seiner Freizeit noch jedes Spiel anschaut? Bundesliga, Champions League - verfolgen Sie das alles?

Anfang: Meist schaue ich mir vor allem die Spiele des nächsten Gegners an. Aber wenn es die Zeit hergibt, schalte ich abends auch gerne mal die Champions League ein. Dann ist mein Fokus aber schon: Was spielen wir - und wer könnte ähnlich spielen? Gibt es einen Trainer, eine Mannschaft, die eine Besonderheit hat, die ich mir abgucken kann?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben früher mit Innsbruck selbst im Europapokal gespielt und viele Trainer erlebt. Von wem haben Sie sich am meisten abgeschaut?

Anfang: Da gibt es einige. Ich habe zum Beispiel beim FC Tirol Innsbruck unter Joachim Löw trainiert. Als er die Mannschaft übernahm, blickte der Verein auf zwei österreichische Meisterschaften zurück, hatte aber massive wirtschaftliche Probleme. Gehaltszahlungen blieben aus. Trotzdem hat Löw es geschafft, uns zu motivieren. Er musste zwischen Vorstand und Spielern viel Vermittlungsarbeit leisten, hat uns aber gleichzeitig so gut auf die Spiele vorbereitet, dass wir erneut Meister wurden. Es war beeindruckend, wie er diesen Spagat gemeistert hat.

SPIEGEL ONLINE: Im Gegensatz zu vielen anderen Erfolgstrainern haben Sie an der Basis, also im Amateurfußball, begonnen. Inwiefern hat Sie das als Trainer weitergebracht?

Anfang: Auch im Amateurfußball wollte ich viele Sachen umsetzen. Entscheidend war, den Spielern Spaß am Fußball zu vermitteln. Ansonsten wäre jemand nach einem anstrengenden Arbeitstag einfach zu Hause geblieben, statt zum Training zu kommen. Ich versuche auch heute noch, meinen Spielern Spaß zu vermitteln. Das funktioniert am besten, indem ich nicht als Chef alles bestimme, sondern eine Nähe zu den Spielern habe und sie in meine Entscheidungen mit einbeziehe. Das funktioniert im Profifußball genauso wie im Amateurfußball.



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piep00 02.12.2017
1. Hab's verstanden!
Die Mannschaft sollte eigentlich Dominik Kiel heißen. So viele auf einem Haufen hab ich noch nie gesehen. Zum Thema: Respekt dafür, wo sie gerade stehen, aber Aue war auch mal Herbstmeister und ist das zusammen gebrochen.
großwolke 02.12.2017
2. Vielleicht liegt darin das ganze Geheimnis
Zitat von piep00Die Mannschaft sollte eigentlich Dominik Kiel heißen. So viele auf einem Haufen hab ich noch nie gesehen. Zum Thema: Respekt dafür, wo sie gerade stehen, aber Aue war auch mal Herbstmeister und ist das zusammen gebrochen.
Wenn der Trainer von der Seitenlinie "Dominik" brüllt, zuckt gleich die halbe Truppe zusammen und wetzt los. Beste Voraussetzungen für effizientes Arbeiten aus der Coaching-Zone heraus ;)
jean-baptiste-perrier 02.12.2017
3. Herbstmeisterschaft wird erst heute entschieden!
"Respekt dafür, wo sie gerade stehen, aber Aue war auch mal Herbstmeister und ist dann zusammen gebrochen."--------Zitat Ende--------------Bayern München war Ende 1964 auch mal Herbstmeister der Regionalliga Süd. ;)
Tavlaret 02.12.2017
4. Immer diese Quantensprünge ...
Ein Quantensprung ist der Sprung eines Elektrons .... also mit menschlichem Rüstzeug nicht wahrnehmbar, so klein. Nichtsdestotrotz macht Markus Anfang einen tollen Job. ;-)
jean-baptiste-perrier 02.12.2017
5.
"Wir sind nach 36 Jahren wieder in die zweite Liga aufgestiegen."----------Zitat Ende-------------------Für die Jüngeren sollte man dazu sagen, dass das damals noch eine zweigleisige - aufgeteilt in Nord und Süd - 2. Bundesliga war (1974–1981). Mit insgesamt über 40 Mannschaften. Von daher ist die Zugehörigkeit zur derzeitigen 2. Bundesliga sowieso höher zu bewerten.
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