Homosexualität im Fußball Das Talent, das sich verstecken musste

Marcus Urban galt als begnadeter Jugend-Nationalspieler der DDR - den Sprung zu den Profis schaffte er nie. Die Angst, geoutet zu werden, stand der Karriere des schwulen Fußballers im Weg. Ronny Blaschke hat seine Laufbahn in einem Buch nachgezeichnet.


SPIEGEL ONLINE dokumentiert einen Auszug aus dem Buch.

Die Helden des DDR-Fußballs, Jürgen Sparwasser und Joachim Streich, nahm Marcus Urban zwar wahr, orientierte sich aber an den Jahrhundertspielern. Über seinem Bett in der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) hing ein Poster von Diego Maradona. So wollte er sein. Er dachte an Pelé, der mit siebzehn zum ersten Mal Weltmeister geworden war. Dieses Ziel nahm er sich auch vor, hielt es für realistisch. Und wenn nicht mit siebzehn, dann eben ein Jahr später.

Zur Weltmeisterschaft 1990 in Italien würde er achtzehn sein, die DDR wäre ihm bestimmt dankbar, und seine Eltern müssten stolz auf ihn sein, sie konnten gar nicht anders. Sein ganzes Selbstwertgefühl fußte auf diesem Sport und auf seiner Strebsamkeit in der Schule. Andere bezeichneten das Internat als Käfig, als Kaserne, in der man nicht wirklich Mensch sein durfte, für Marcus war KJS in Erfurt auch ein wenig Liebesersatz, Bühne der Kompensation. Fußballer war er, nur Fußballer.

Und dabei lief es gut: Rot-Weiß Erfurt hatte sich im Sommer 1985 in der Altersklasse der Schüler für die Endrunde der DDR-Meisterschaft qualifiziert. Es war der größte Erfolg, den Marcus als Spieler bislang erreicht hatte. Mit dem Titel rechnete er nicht wirklich, denn die Konkurrenz war zu stark: der 1. FC Magdeburg war angereist, Energie Cottbus und der BFC Dynamo aus Berlin. Im Halbfinale traf Erfurt auf Magdeburg, es kam zum Elfmeterschießen. Marcus verwandelte seinen Schuss souverän, er verlud den Torwart. Mit dem Einzug ins Endspiel waren seine Erwartungen weit übertroffen. Dort wartete der BFC, ein scheinbar übermächtiger Gegner. Marcus lief so viel wie selten zuvor. Erfurt gewann 1:0.

Bei der Siegerehrung traf er Frank Engel, den Trainer des Jugendnationalteams: "Wir sehen uns bald", sagte Engel. Marcus zuckte zusammen. Er freute sich, er fühlte sich belohnt, er hatte eine wichtige Stufe erklommen. Er dachte, nun würde es aufwärts gehen. Frank Engel ließ seine Ankündigung schnell wahr werden. Am 23. Oktober 1986 bestritt Marcus sein erstes Länderspiel für die DDR-Jugendnationalmannschaft in Most in der Tschechoslowakei. Er schickte seinen Eltern eine Postkarte. "In Most ist es geil", schrieb er. "Wir übernachten in einen Viersternehotel."

Marcus war stolz und aufgeregt, er glaubte eine gehobene Stellung zu haben. Er hatte fortan viele Lehrgänge, Trainingseinheiten, etablierte sich. Die Funktionäre des DDR-Fußballs, die etwas zu sagen hatten, wurden auf ihn aufmerksam. Sie glaubten daran, dass Marcus es weit bringen könnte, vielleicht sogar an die Spitze.

Doch Marcus hatte auch andere Interessen. Er fühlte sich zu Herrn Behrens hingezogen, seinem Geografie-Lehrer, auch zu den Trainern, die er mit jedem Doppelpass und mit guter Defensivarbeit zu beeindrucken versuchte. Marcus stand bei Männern auf Erfahrung, Reife, Sportlichkeit. Diese Neigung konnte er nicht mehr unterdrücken, auch wenn er sich viel Mühe gab. Er wurde von den Reizen überflutet, aber er konnte sie mit niemandem teilen. Er hatte keinen Vergleich, keine Erfahrungswerte. Ihm war in Erfurt keine Schwulenszene bekannt. Er war sechzehn, er hatte nie etwas mit Mädchen gehabt. Fernsehen oder Radio berichteten nicht über Homosexualität, auch nicht über Aids, die aufkommende Bedrohung der achtziger Jahre.

Mit seinen Fragen war er allein, chancenlos gegen eines der großen Tabus der DDR. Was sollte er dem Fußball schon anhaben können, diesem Feldzug der Männlichkeit? Er dachte, er sei krank. Von wissenschaftlichen Vermutungen, wonach Homosexualität in den allermeisten Fällen genetisch bedingt sei, ahnte er nichts. Schlechte Erfahrungen in der Kindheit, vermuteten Experten, seien nicht ausschlaggebend. Marcus aber forschte weiter in den Abgründen seiner Kindheit. War sein Stiefvater für seine Entwicklung verantwortlich? Oder seine Mutter? Er hoffte, dass er vielleicht doch noch gesund werden würde. Nichts wünschte er sich mehr.



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Seite 1
DJ2002dede, 11.12.2006
1.
---Zitat von sysop--- Warum wird Homosexualität im Fußball tabuisiert? Glauben Sie, dass sich bald etwas an der Diffamierung Schwuler ändern wird? Was muss getan werden, damit homosexuelle Kicker nicht weiter angefeindet werden? ---Zitatende--- Haben Sie einen Artikel dazu? Zwar wird Homosexualität in Fußballvereinen nicht thematisiert, aber ich weiß auch nicht warum man das machen sollte? Ich beurteile einen Spieler doch nicht nach seiner sexuellen Orientierung...
tomandcherry, 12.12.2006
2. Da bekommt der Fußball-Fachjargon...
... gleich eine ganz andere Bedeutung... "Decken", "Druck machen", "Sauber von hinten rausspielen", "hart am Mann stehen", "ordentlich in die Zweikämpfe gehen", "Lattenknaller" Wer weiß noch ein paar "eindeutig zweideutige" Begriffe? Mal im Ernst: Wieso interessiert sich irgendjemand für die sexuellen Neigungen von Fußballspielern? Meinetwegen hat ein (Profi-)Fußballer einen festen Freund, steht auf Lack und Leder, Fetisch oder sonstwas. Wenn die Leistung auf dem Platz stimmt, ist mir das sowas von schnurzpiepegal, als ob ein Farbiger, ein Atheist, ein Blauäugiger, ein Hanseate, ein Österreicher oder ein Serbo-Kroate für mein Team auf dem Spielfeld rennt. Oder sind die sexuellen Neigungen von Buchhaltern, Trambahnfahrern oder Kfz-Mechanikern entscheidend bei der Ausübung ihres Berufs?
jochem 12.12.2006
3.
Natürlich spielt es für das Spiel keine Rolle, ob jemand schwul oder heterosexuell ist. Daß das Thema aber so tabuisiert wird, wie es der Fall ist (bei einigen Politikern weiß man, daß sie schwul sind, aber welcher Fußballspieler hat sich schon geoutet?), wirft ein grelles Licht auf die mangelnde Offenheit der Fußballszene: Während es in der Gesellschaft glücklicherweise weitgehend akzeptiert ist, daß jemand auch als Homosexueller in Wirtschaft, Politik und Kunst Erfolg haben und sogar beliebt sein kann, ist die Welt des Fußballs insgesamt durch eine unglaublich konservative Haltung gekennzeichnet. Das betrifft die Verbände, i.e. die Funktionäre ebenso wie die sog. Fans und die Erwartungshaltung der Medien. Politische Meinung und sexuelle Orientierung haben da nichts verloren, das Interesse beschränkt sich auf die Automarke, die gefahren wird, und die Frau/Freundin, die aber auch nicht stören darf. Das Thema wäre mal eine tiefergehende Analyse wert, aber die hätte es schon längst gegeben, wenn nicht... s. oben
roadrunner1962 12.12.2006
4. Geht doch...
Wenn ich das in den Medien richtig verfolgt habe, hat doch der Präsident von St. Pauli seinen Freund geehelicht. Ist doch mal ein Anfang!
Knütterer, 12.12.2006
5.
Brav, genau der selben Meinung bin ich auch! Es soll ja auch Politiker geben, die trotz Outing und Neigung, einen (relativ) guten Job machen. Auch in einem von mir besuchten rheinhessischen Verein gibt es solch ein Gerücht, doch solange der Spieler immer perfekt am Mann deckt, gibt es keinen Grund, diesem Spieler auch nur ein Fünkchen Sympatie zu entziehen! ---Zitat von tomandcherry--- ... gleich eine ganz andere Bedeutung... "Decken", "Druck machen", "Sauber von hinten rausspielen", "hart am Mann stehen", "ordentlich in die Zweikämpfe gehen",... ---Zitatende---
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