Homosexualität im Fußball Schwule und Lesben ausgegrenzt

Nur wenige im Fußball gehen so ehrlich mit ihrer Homosexualität um wie St. Paulis Präsident Corny Littmann. Die meisten verstecken sich. Das gilt auch für Spielerinnen. Lesbische Liebe ist ein Tabu. Das Magazin "RUND" sprach mit Aktiven über die Gefahr der Entdeckung.

Von Oliver Lück und Rainer Schäfer


Dies ist Teil vier einer Serie über Homosexualität im Fußball.
Den ersten Teil lesen Sie hier: "Ein Outing wäre mein Tod",
den zweiten hier: Geschäfte mit der Angst vorm Outing und den
dritten hier: Models als Schutzschild.

Im deutschen Frauenfußball gilt es nach wie vor als offenes Geheimnis, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen eher die Regel sind als die Ausnahme. Auch ein Großteil der deutschen Nationalspielerinnen lebt mit einer Partnerin zusammen, nur werde dies im Mannschaftskreis als völlige Selbstverständlichkeit behandelt, wie eine Spielerin erzählt.

"Jeder weiß, wer da wen zur Weihnachtsfeier des Vereins begleitet, und dass das die Freundin ist", sagte eine lesbische Bundesligaspielerin RUND, "der Punkt, dass man eine Fußballerin als automatisch homosexuell ansieht, hat sich sehr abgeschwächt. Durch die Erfolge der Nationalmannschaft hat sich der Frauenfußball zu einer akzeptierten Sportart entwickelt."

Die Angst, als erste lesbische Spielerin in der Öffentlichkeit zu stehen und auf Jahre hinaus als Vorzeigelesbe zu gelten, ist bei den Spielerinnen dennoch vorhanden. Die einen befürchten Folgen für die sportliche Karriere, die anderen, dass Sponsoren die privaten Werbeverträge kündigen könnten.

"Der Stress wäre einfach zu groß", sagt eine Spielerin. Stress, den es auch mit dem DFB geben könnte, glaubt die ehemalige Bundesligaspielerin Tanja Walther, "da gibt es ungeschriebene Gesetze seit Mitte der neunziger Jahre, die vermutlich immer noch funktionieren: Wer sich outet, verliert den Stammplatz im Nationalteam."

St. Paulis Präsident Littmann: Offener Umgang
DPA

St. Paulis Präsident Littmann: Offener Umgang

Die Stimme überschlägt sich, der Mann ist ungehalten: "Bei uns gibt es keine Homosexualität. Und Sie können absolut sicher sein: Niemand vögelt so viel wie unsere Spieler." Der Pressesprecher meldete sich telefonisch auf eine RUND-Anfrage: Alle 36 Bundesligisten waren angeschrieben worden, ob man sich gegen das homophobe Klima in den Stadien einsetzen wolle – lediglich acht Vereine reagierten.

Dabei sind RUND neben dem medienwirksamen Vorzeigeschwulen und Präsidenten des Regionalligisten FC St. Pauli, Corny Littmann, zwei Funktionäre aus den Führungsetagen deutscher Proficlubs bekannt, die sich nicht zu ihrer Homosexualität äußern wollen.

Ein Umstand, den die Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling, die über "Homosexualität im Sport" habiliert, nicht verstehen kann: "Was soll passieren? Sie könnten sich aus ihrer Machtposition heraus viel leichter outen als ein Profi und so helfen, ein verändertes Denken aufzubauen. Da geht es viel weniger um Existenzen als bei den Spielern." Die Diskriminierung von Homosexuellen wird auf lange Sicht ein Bestandteil des Fußballs bleiben, solange Homophobie totgeschwiegen wird, in den Verbänden, in den Clubs und von den Sportlern.

Allein Michael Preetz, früherer deutscher Nationalspieler und heutiger Leiter der Lizenzspielerabteilung bei Hertha BSC Berlin, lässt sich in diesem Kontext zitieren: "Homosexuelle gibt es in allen Gesellschaftsschichten, auch im Sport. Ich bin gegen jegliche Form der Diskriminierung, auch gegen Homophobie."

Die meisten deutschen Proficlubs haben inzwischen den Antirassismusparagrafen in ihre Satzung aufgenommen, den gegen die sexuelle Diskriminierung findet man bei den wenigsten. Selbst ausgewiesen soziale und liberal denkende Nationalspieler lehnen jeden Kommentar zur Homophobie ab. Man weiß von nichts und will von nichts wissen. "Dabei wäre es wichtig, dass heterosexuelle Spieler sagen würden, dass Schwule kein Problem für sie sind", glaubt die ehemalige Bundesligaspielerin Walther: "Das belegt doch, dass die Atmosphäre nicht stimmen kann. So wird sich nie etwas ändern."



Forum - Homosexualität im Fußball
insgesamt 454 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
DJ2002dede, 11.12.2006
1.
---Zitat von sysop--- Warum wird Homosexualität im Fußball tabuisiert? Glauben Sie, dass sich bald etwas an der Diffamierung Schwuler ändern wird? Was muss getan werden, damit homosexuelle Kicker nicht weiter angefeindet werden? ---Zitatende--- Haben Sie einen Artikel dazu? Zwar wird Homosexualität in Fußballvereinen nicht thematisiert, aber ich weiß auch nicht warum man das machen sollte? Ich beurteile einen Spieler doch nicht nach seiner sexuellen Orientierung...
tomandcherry, 12.12.2006
2. Da bekommt der Fußball-Fachjargon...
... gleich eine ganz andere Bedeutung... "Decken", "Druck machen", "Sauber von hinten rausspielen", "hart am Mann stehen", "ordentlich in die Zweikämpfe gehen", "Lattenknaller" Wer weiß noch ein paar "eindeutig zweideutige" Begriffe? Mal im Ernst: Wieso interessiert sich irgendjemand für die sexuellen Neigungen von Fußballspielern? Meinetwegen hat ein (Profi-)Fußballer einen festen Freund, steht auf Lack und Leder, Fetisch oder sonstwas. Wenn die Leistung auf dem Platz stimmt, ist mir das sowas von schnurzpiepegal, als ob ein Farbiger, ein Atheist, ein Blauäugiger, ein Hanseate, ein Österreicher oder ein Serbo-Kroate für mein Team auf dem Spielfeld rennt. Oder sind die sexuellen Neigungen von Buchhaltern, Trambahnfahrern oder Kfz-Mechanikern entscheidend bei der Ausübung ihres Berufs?
jochem 12.12.2006
3.
Natürlich spielt es für das Spiel keine Rolle, ob jemand schwul oder heterosexuell ist. Daß das Thema aber so tabuisiert wird, wie es der Fall ist (bei einigen Politikern weiß man, daß sie schwul sind, aber welcher Fußballspieler hat sich schon geoutet?), wirft ein grelles Licht auf die mangelnde Offenheit der Fußballszene: Während es in der Gesellschaft glücklicherweise weitgehend akzeptiert ist, daß jemand auch als Homosexueller in Wirtschaft, Politik und Kunst Erfolg haben und sogar beliebt sein kann, ist die Welt des Fußballs insgesamt durch eine unglaublich konservative Haltung gekennzeichnet. Das betrifft die Verbände, i.e. die Funktionäre ebenso wie die sog. Fans und die Erwartungshaltung der Medien. Politische Meinung und sexuelle Orientierung haben da nichts verloren, das Interesse beschränkt sich auf die Automarke, die gefahren wird, und die Frau/Freundin, die aber auch nicht stören darf. Das Thema wäre mal eine tiefergehende Analyse wert, aber die hätte es schon längst gegeben, wenn nicht... s. oben
roadrunner1962 12.12.2006
4. Geht doch...
Wenn ich das in den Medien richtig verfolgt habe, hat doch der Präsident von St. Pauli seinen Freund geehelicht. Ist doch mal ein Anfang!
Knütterer, 12.12.2006
5.
Brav, genau der selben Meinung bin ich auch! Es soll ja auch Politiker geben, die trotz Outing und Neigung, einen (relativ) guten Job machen. Auch in einem von mir besuchten rheinhessischen Verein gibt es solch ein Gerücht, doch solange der Spieler immer perfekt am Mann deckt, gibt es keinen Grund, diesem Spieler auch nur ein Fünkchen Sympatie zu entziehen! ---Zitat von tomandcherry--- ... gleich eine ganz andere Bedeutung... "Decken", "Druck machen", "Sauber von hinten rausspielen", "hart am Mann stehen", "ordentlich in die Zweikämpfe gehen",... ---Zitatende---
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.