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Homosexualität und Fußball: "Schwulenhass bleibt ein Thema"

Aus den Fankurven kommen schwulenfeindliche Sprüche, in Frankreich wird ein homosexueller Spieler gefeuert. Dirk Brüllau vom schwul-lesbischen Netzwerk "Queer Football Fanclubs" spricht im Magazin "11FREUNDE" über offizielle Toleranz und inoffizielle Vorurteile.

Öffentliches schwules Bekenntnis: Noch keine Chance im Stadion Zur Großansicht
dpa

Öffentliches schwules Bekenntnis: Noch keine Chance im Stadion

Frage: Herr Brüllau, wie steht es um die schwul-lesbische Fanszene in Deutschland?

Dirk Brüllau: In den vergangenen zehn Jahren hat sich nicht viel bewegt, was die Wahrnehmung und Toleranz gegenüber Homosexuellen in der Kurve und auf dem Platz angeht. Zwar hat inzwischen eine ganze Reihe deutscher Bundesligavereine schwul-lesbische Fanclubs, aber die Mitgliederzahlen in einigen Städten sind bereits deutlich zurückgegangen.

Frage: Hat sich das Verhalten der anderen Zuschauer geändert?

Brüllau: Teilweise. Den Schiri als "schwule Sau" zu beschimpfen, gehört in den meisten Stadien immer noch zum guten Ton. Und dass der Jugendslang der Gegenwart den Begriff "schwul" mit etwas Negativem assoziiert, macht die Sache auch nicht besser.

Frage: Im Stadion sind homophobe Äußerungen also weiterhin an der Tagesordnung?

Brüllau: Absolut. Allerdings störe ich mich an Ihrem Begriff "homophob". Das Wort wurde erfunden, um den eigentlichen Sachverhalt wissenschaftlich in Watte zu packen.

Frage: Ihre Empfehlung?

Brüllau: Homophobie ist Schwulenhass, da gibt es nichts zu beschönigen. Um ihre Frage zu beantworten: Tatsächlich bin ich zehn Jahre lang nicht ins Stadion gegangen, weil ich keine Lust mehr hatte, mich über schwulenfeindliche Parolen und Sprüche aufzuregen. Wie soll man sich auf das Spiel konzentrieren, wenn zwei Reihen vor dir alle paar Minuten Schiedsrichter und Gegenspieler als "Scheiß Schwulette" oder "dumme Schwuchtel" beschimpft werden?

Frage: Reagieren Sie nicht überempfindlich? Im Stadion wird vieles gebrüllt, was im Alltag eine Beleidigungsklage rechtfertigen würde.

Brüllau: Das kann auch so bleiben, und ich rufe nicht bei jeder Kleinigkeit nach Ordnern und Gerechtigkeit. Aber bestimmte Grenzen dürfen nicht überschritten werden, und damit meine ich alle Formen von Diskriminierung. Wenn ein paar Idioten "Scheiß Neger" grölen, dann ist das einfach nicht akzeptabel.

Frage: Warum sind Sie dann wieder ins Stadion?

Brüllau: In erster Linie, weil ich es vermisst habe. In zweiter Linie, um aktiv bei der Selbstregulierung in der Kurve mitzuwirken. Das ist das Entscheidende. Wenn einer "du schwule Sau" brüllt, dann müssen die Umstehenden reagieren und der Person freundlich zu verstehen geben, ihr Maul zu halten. Das reicht häufig aus, denn es hält den Leuten immerhin den Spiegel vor das Gesicht.

Frage: Ist die deutsche Fußballlandschaft noch immer so intolerant wie etwa in den achtziger Jahren?

Brüllau: Das würde ich nicht sagen. Es hat sich schon etwas bewegt innerhalb der Vereine. Die Clubs behandeln die Themen Schwulenhass im Einzelnen und Diskriminierung im Allgemeinen mit großem Respekt. Was natürlich auch daran liegt, dass die Vereine in den Stadien möglichst familienfreundliche Atmosphären schaffen wollen. Ein pöbelnder Mob, der die "schwule Torwart-Tucke" beschimpft, passt da eher weniger ins Bild.

Frage: Mitte der neunziger Jahre startete der DFB seine große Anti-Rassismus-Kampagne "Mein Freund ist Ausländer". Auf eine Aktion gegen Schwulenhass wartet man vergeblich. Warum?

Brüllau: Ganz einfach: Weil man Schwule und Lesben nicht sichtbar machen kann. Schwarz und Weiß - das ist für jeden offensichtlich. Aber schwul oder nicht-schwul - wer soll das unterscheiden können?

Frage: Die ewige Diskussion über schwule Fußballprofis: Gibt es sie, die schwulen Nationalspieler?

Brüllau: Vor einiger Zeit wäre niemand überrascht gewesen, wenn sich ein sozial sehr engagierter Spieler wie Philipp Lahm geoutet hätte. Jetzt hat er eine hübsche Frau, und die Spekulationen sind beendet. Das ist typisch für die Gesellschaft: Feinsinnigen Typen wie Lahm traut man eher zu, homosexuell zu sein. Dass sich ein Machotyp wie Michael Ballack outen könnte, kommt für die Öffentlichkeit nicht in Frage.

Frage: In Frankreich wurde jüngst Yoann Lemaire, ein Spieler des Amateurvereins FC Chooz, aus seinem Club verbannt, weil er sich offen zu seiner Homosexualität bekannt hat.

Brüllau: Das macht deutlich, wie verkrustet die internationale Fußballlandschaft ist. Schwulenhass ist und bleibt ein Thema.

Frage: Wie lernfähig zeigen sich die deutschen Clubs?

Brüllau: Der Chefscout eines Erstligisten hat uns gegenüber ganz offen zugegeben, dass er im Training schwache Flanken, Pässe oder Torschüsse schon mal als "tuntige Aktionen" oder "schwuchtelige Dinger" bezeichnet. Das ist normaler Fußballslang, das kann man ihm auch nicht vorwerfen. Im Dialog mit uns wurden ihm quasi die Augen geöffnet, welche intimen Beleidigungen solche Sprüche darstellen. Er hat versprochen, in Zukunft den schwulenfeindlichen Jargon aus seinem Vokabular zu streichen.

Frage: Das klingt nach eher kleineren Fortschritten.

Brüllau: Vielleicht, aber in diesen kleinen Schritten muss man denken, wenn man etwas bei diesem Thema bewegen will. Wir können nicht von heute auf morgen den Schwulenhass aus dem Stadion verbannen, das ist utopisch. Wenn aber der Chefscout eines Bundesligisten seine Sprache von solchen Äußerungen befreit, dann ist das ein schöner Erfolg.

Frage: Sie würden einem deutschen Fußballer zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht raten, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen?

Brüllau: Nein! Welche Sicherheiten hätte er denn, dass es ihm nicht genauso ergeht wie Lemaire? Keine.

Das Interview führte Alex Raack

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
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    Seite 1    
1. ...
axelkli 04.10.2010
ich erinnere mich noch an den Fall Kempter/Amerell...Was hat dieses alberne Rumgezicke beim Fußball verloren?
2. oweia...
badabum 04.10.2010
...gibts nichts wichtigeres? Ah doch, richtig, Kachelmann?!
3. .
frubi 04.10.2010
Zitat von sysopAus den Fankurven kommen schwulenfeindliche Sprüche, in Frankreich wird ein homosexueller Spieler gefeuert. Dirk Brüllau vom schwul-lesbischen Netzwerk*"Queer Football Fanclubs" spricht im Magazin "11FREUNDE" über offizielle Toleranz und inoffizielle Vorurteile. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,720029,00.html
Mich hat es noch bei keinem Spieler interessiert, ob der nun heterosexuell ist. Wieso sollte es mich interessieren, wenn einer Homosexuell ist. Das ist doch völlig egal. Im Fußball geht es darum, was einer auf dem Platz bringt. Das ist doch gerade das schöne am Sport. Herrkunft sowieso politische oder sexuelle Orientierung spielen keine Rolle. Wir haben selbst in der 2ten Liga einen nationalstolzen Nordkoreaner, der durch Leistung auffällt und von den Fans aktzepiert wird. Wunderbar.
4. Beleidige doch ein anderes Thema
Indigo76 04.10.2010
Zitat von badabum...gibts nichts wichtigeres? Ah doch, richtig, Kachelmann?!
So einen Schwachsinn kann nur jemand sagen, der in seinem Leben noch niemals diskriminiert worden ist. Aber warum ist das so? Bist du so "normal" - so durchschnittlich - so blass und farblos - ohne Ecken und Kanten? Gibt es nichts an dir, dass dich von anderen unterscheidet? Dann bist du ein bedauernswertes Individuum - obwohl - Individuum ist da vielleicht das falsche Wort!
5. Das reicht nicht aus
Indigo76 04.10.2010
Zitat von frubiMich hat es noch bei keinem Spieler interessiert, ob der nun heterosexuell ist. Wieso sollte es mich interessieren, wenn einer Homosexuell ist. Das ist doch völlig egal. Im Fußball geht es darum, was einer auf dem Platz bringt. Das ist doch gerade das schöne am Sport. Herrkunft sowieso politische oder sexuelle Orientierung spielen keine Rolle. Wir haben selbst in der 2ten Liga einen nationalstolzen Nordkoreaner, der durch Leistung auffällt und von den Fans aktzepiert wird. Wunderbar.
Es geht aber um viel mehr. Diese Einstellung ist gut und jeder Fussballfan sollte sie haben. Aber man kann auch ungewollt verletzen. Ein Beispiel: Ein Freund von mir ist ein ziemliches Computerass. In dem Studentenhaus, in dem wir beide wohnten wurde er oft zuhilfe gerufen, wenn es am Rechner mal wieder Probleme gab. In so einer Situation nannte er einen Computer im Eifer des Gefechts mal einen "schwulen Mistkasten". Er war weder schwulenfeindlich noch hat er das irgendwie böse gemeint - es war einfach nur so ein Spruch. Der Besitzer des Rechners war bekennender Schwuler. Auch wenn ihm sein Verstand gesagt hat, dass das nicht böse gemeint war, muss ihm das dennoch einen ziemlichesn Stich versetzt haben. Was ich damit sagen will ist, dass es nicht reicht, dass es einem egal ist, welche sexuelle Ausrichtung ein Spieler hat. Neutralität ist nur gut, wenn alle so handeln. Es gibt da ein Zitat: "Alles, was nötig ist, damit das Böse triumphiert, ist, dass gute Menschen einfach nichts tun."
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11FREUNDE
Magazin für Fußball-Kultur

Nr. 107 - Oktober 2010

Zur Person
Dirk Brüllau wohnt in Hamburg - und ist trotzdem Mitglied des schwulen FC-Bayern-Fanclubs "Queerpass". Zudem ist er Sprecher der "Queer Football Fanclubs" in Deutschland. Das europaweite Netzwerk hat die Ziele, Toleranz in den Stadien zu fördern und Diskriminierung, insbesondere aufgrund der sexuellen Orientierung, zu bekämpfen. Zudem werden schwule und lesbische Fußballfans bei der Gründung von Fanclubs unterstützt. Derzeit läuft die Auswertung der Fragebögen, die vom QFF an die 17 deutschen Erst- und Zweitligisten geschickt wurden, in denen schwul-lesbische Fanclubs vertreten sind.
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