Homosexuelle Fußballfans Angefeindet, aber nicht eingeknickt

Von Ronny Blaschke

2. Teil: Hertha Junxx: Aufbruch in Berlin


Werner Pohlenz ist aktiv bei den Hertha-Junxx, dem ersten schwullesbischen Fanclub Deutschlands. Pohlenz, Anfang 40, ist Nachrichtensprecher, seine tiefe, klare Stimme ist sein Kapital. Er genießt die Zeit bei den Junxx, er ist gern mit Leuten zusammen, die ähnlich denken, fühlen, und die gemeinsam mit ihm über Figuren und Frisuren neuer Spieler diskutieren, ohne einen strafenden Blick zu erhalten. Den Vorwurf, sie würden sich abschotten, hört Pohlenz nicht gern. Dass sie während der Heimspiele im Berliner Olympiastadion nicht in der Kurve der hartgesottenen Hertha-Fans stehen, hat auch Sicherheitsgründe. Noch sind sie nicht überall willkommen, sie verfolgen die Spiele lieber auf der anderen Seite der Arena. Ihr Banner mit den Regenbogenfarben und dem Vereinswappen ist aus jedem Winkel zu erkennen, darauf steht geschrieben: "Fußball ist alles - auch schwul".

Damit werde Homosexualität ins Bewusstsein der Zuschauer getragen, glaubt Mitstreiter Gerd Eiserbeck. Er ist Polizist, im Dienst war er gegen seinen Willen geoutet worden. Sein Chef sagte daraufhin, wer mit Schwulen ein Problem habe, solle gefälligst die Klappe halten. Eiserbeck hat nie einen Misston vernommen, seine Kollegen schätzen ihn, nur seine Familie weiß nichts von seiner Neigung, sie kann es sich vermutlich denken.

Entsprungen ist die Idee für die Gründung der Hertha-Junxx 2001, nach Diskussionen in Internet-Foren und im schwulen Stadtmagazin "Siegessäule". Hertha BSC sagte seine Unterstützung zu, stellte den Club in seinem Magazin vor, die Mitgliederzahl wuchs, wenngleich nicht alle zu den Spielen kommen. "Wir holen das Thema aus der Schmuddelecke", sagt Pohlenz, "und wir zeigen, dass das Leben von Homosexuellen normal und langweilig sein kann wie das von Heterosexuellen. Diese Akzeptanzarbeit ist uns wichtig."

Inzwischen ist aus dem Fanclub ein eingetragener Verein geworden, der sich etabliert hat. Einmal erschien der ehemalige Hertha-Abwehrspieler Malik Fathi auf der Weihnachtsfeier. Er brachte Zeit mit, war freundlich, schrieb Autogramme. Und vergaß nicht zu betonen, dass er hetero sei, hundertprozentig, ganz sicher, ohne Zweifel.

Das Modell machte Schule. Nach den Hertha-Junxx entstanden Queerpass auf St. Pauli, die Rainbow-Borussen in Dortmund und die Stuttgarter Junxx, mittlerweile sind zwölf schwullesbische Fanclubs deutscher Vereine gegründet worden.

Sie schlossen sich in einem Netzwerk zusammen (Queer Football Fanclubs). Hinzu kamen Queerpass Basel vom FC Basel, die Wankdorf-Junxx von den Young Boys Bern und Penya Blaugrana vom FC Barcelona.

Weitere Gründungen sind geplant, doch ein Selbstläufer ist der Aufbruch heute nicht: In vielen Vereinen stehen Funktionäre solchen Initiativen weiterhin skeptisch gegenüber, in Teilen Osteuropas sind sie undenkbar.



Forum - Homosexualität im Fußball
insgesamt 454 Beiträge
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Seite 1
DJ2002dede, 11.12.2006
1.
---Zitat von sysop--- Warum wird Homosexualität im Fußball tabuisiert? Glauben Sie, dass sich bald etwas an der Diffamierung Schwuler ändern wird? Was muss getan werden, damit homosexuelle Kicker nicht weiter angefeindet werden? ---Zitatende--- Haben Sie einen Artikel dazu? Zwar wird Homosexualität in Fußballvereinen nicht thematisiert, aber ich weiß auch nicht warum man das machen sollte? Ich beurteile einen Spieler doch nicht nach seiner sexuellen Orientierung...
tomandcherry, 12.12.2006
2. Da bekommt der Fußball-Fachjargon...
... gleich eine ganz andere Bedeutung... "Decken", "Druck machen", "Sauber von hinten rausspielen", "hart am Mann stehen", "ordentlich in die Zweikämpfe gehen", "Lattenknaller" Wer weiß noch ein paar "eindeutig zweideutige" Begriffe? Mal im Ernst: Wieso interessiert sich irgendjemand für die sexuellen Neigungen von Fußballspielern? Meinetwegen hat ein (Profi-)Fußballer einen festen Freund, steht auf Lack und Leder, Fetisch oder sonstwas. Wenn die Leistung auf dem Platz stimmt, ist mir das sowas von schnurzpiepegal, als ob ein Farbiger, ein Atheist, ein Blauäugiger, ein Hanseate, ein Österreicher oder ein Serbo-Kroate für mein Team auf dem Spielfeld rennt. Oder sind die sexuellen Neigungen von Buchhaltern, Trambahnfahrern oder Kfz-Mechanikern entscheidend bei der Ausübung ihres Berufs?
jochem 12.12.2006
3.
Natürlich spielt es für das Spiel keine Rolle, ob jemand schwul oder heterosexuell ist. Daß das Thema aber so tabuisiert wird, wie es der Fall ist (bei einigen Politikern weiß man, daß sie schwul sind, aber welcher Fußballspieler hat sich schon geoutet?), wirft ein grelles Licht auf die mangelnde Offenheit der Fußballszene: Während es in der Gesellschaft glücklicherweise weitgehend akzeptiert ist, daß jemand auch als Homosexueller in Wirtschaft, Politik und Kunst Erfolg haben und sogar beliebt sein kann, ist die Welt des Fußballs insgesamt durch eine unglaublich konservative Haltung gekennzeichnet. Das betrifft die Verbände, i.e. die Funktionäre ebenso wie die sog. Fans und die Erwartungshaltung der Medien. Politische Meinung und sexuelle Orientierung haben da nichts verloren, das Interesse beschränkt sich auf die Automarke, die gefahren wird, und die Frau/Freundin, die aber auch nicht stören darf. Das Thema wäre mal eine tiefergehende Analyse wert, aber die hätte es schon längst gegeben, wenn nicht... s. oben
roadrunner1962 12.12.2006
4. Geht doch...
Wenn ich das in den Medien richtig verfolgt habe, hat doch der Präsident von St. Pauli seinen Freund geehelicht. Ist doch mal ein Anfang!
Knütterer, 12.12.2006
5.
Brav, genau der selben Meinung bin ich auch! Es soll ja auch Politiker geben, die trotz Outing und Neigung, einen (relativ) guten Job machen. Auch in einem von mir besuchten rheinhessischen Verein gibt es solch ein Gerücht, doch solange der Spieler immer perfekt am Mann deckt, gibt es keinen Grund, diesem Spieler auch nur ein Fünkchen Sympatie zu entziehen! ---Zitat von tomandcherry--- ... gleich eine ganz andere Bedeutung... "Decken", "Druck machen", "Sauber von hinten rausspielen", "hart am Mann stehen", "ordentlich in die Zweikämpfe gehen",... ---Zitatende---
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