Hooligan-Angriff auf Polizist Nivel Der mutige Zeuge

Schlüsselfigur im Prozess gegen die Schläger von Lens war der damalige Schalker Fanbetreuer Burkhard Mathiak. Der heute 43-Jährige sagte bei der Verhandlung 1999 gegen mehrere Hooligans aus - und musste danach mit seiner Familie erst einmal untertauchen.

DPA

Von Tibor Meingast


Lesen Sie im ersten Teil, wie das Landgericht Essen mit allen Mitteln versucht, den unsichtbaren Zeugen ausfindig zu machen.

Auch wenn Burkhard Mathiak das Thema immer weniger verdrängen kann, wird er von der Zeugenladung (zum Prozess gegen die Hooligans, die den Polizisten Daniel Nivel in Lens schwer verletzt hatten, Anm. d. Red.) doch ein bisschen überrascht. Seine Freundin nimmt das Einschreiben des Gerichtes entgegen und gibt es ihm abends nach seiner Rückkehr von der Arbeit. Es ist ein schmuckloses Blatt recyceltes Papier, DIN A4, ein Formular für die Justizbehörden in Nordrhein-Westfalen. Als Grund des Verfahrens ist in hölzernem Amtsdeutsch "wegen vers. Mordes" vermerkt. Der Beginn der Vernehmung wird für den 1. Oktober auf 10.15 Uhr festgesetzt.

Wenn er jetzt aussagt, kann er das nicht mehr anonym tun. Burkhard Mathiak stünde dann im Fokus der Hooligans. Seine Angst vor Gewalttaten durch Schläger, die mit den Angeklagten sympathisieren, ist plötzlich wieder da. Erneut kommt der Sozialarbeiter ins Grübeln. Burkhard Mathiak öffnet sich Vertrauenspersonen beim FC Schalke 04.

Sein erster Weg führt ihn zu Geschäftsführer Peter Peters, der ihm im Jahr davor die Eintrittskarten für die Weltmeisterschaftsspiele in Frankreich besorgt hat. Und der führt den Gast gleich über den schmalen Flur. Im benachbarten Büro erfährt nun Manager Rudi Assauer die ganze Geschichte. Jetzt bekommt die Sache eine andere Dimension. Ein Rechtsanwalt nimmt sich des Ganzen an, der damalige Justitiar des Klubs, Fred Fiestelmann. Der begleitet nun die Gespräche mit dem Gericht, der Polizei und anderen Behörden. Die wichtigste Frage: Was wird aus dem Zeugen?

Umsiedlung nach Irland wurde überlegt

So viel ist klar: Er kann seine Arbeit als Leiter des Fanprojektes nicht mehr weiterführen und bedarf dringend des Personenschutzes. Zwei "absolute Profis, die mit allen Wassern gewaschen waren", sind Mathiak in Erinnerung, Beamte aus Hannover. Einer der beiden ist Reinhard Knapp, ein ganz erfahrener Mann auf dem vergleichsweise jungen Fachgebiet. Zeugenschutz existiert nämlich erst etwa seit Ende der achtziger Jahre.

Auch für die Spezialisten ist es ein außergewöhnlicher Fall, "eine ganz andere Art des Zeugenschutzes", wie Knapp sagt. Mathiak ist alles andere als der typische Klient. Knapp: "Er war ja weder Augenzeuge noch Tatbeteiligter." Üblicherweise werden solche Personen nämlich beschützt, oft mit einer neuen Identität versehen oder umgesiedelt.

Mathiak erinnert sich an ein Angebot, ihn in Irland anzusiedeln. Ein neuer Name, neue Papiere, ein neues Leben fern der Heimat. Das allerdings stammt nicht von den Beamten aus Hannover, die weniger gravierende Maßnahmen für ausreichend halten. Die deutschen Polizeibeamten erstellen in den nächsten Wochen eine ganz konkrete Gefährdungsanalyse, in der sie die Bedrohung sehr ernst nehmen. Um sich ein möglichst klares Bild von der Sachlage zu machen, reisen sie dafür oft nach Gelsenkirchen. "Wir haben uns sehr mit der Szene befasst, auch Hooligan-Treffpunkte angesehen", berichtet Knapp. Relativ bald entscheiden sich die Polizisten zu einer "offensiven Strategie".

Das Ende der Schalke-Karriere

Mathiaks Furcht ist zwar groß, mit dem Schlimmsten rechnet er jedoch nicht: "Dass mich wirklich jemand umbringt, habe ich nicht erwartet. Aber ich hatte Angst, verprügelt zu werden, vor eingeschlagenen Scheiben und zerstochenen Autoreifen oder Ähnlichem." Das deckt sich mit der Einschätzung der Beamten.

Für den Augenblick besteht ohnehin noch keine Gefahr, bis zu seinem Auftritt vor Gericht ist seine Identität als Zeuge ja noch nicht offenbart. So ist das vorläufige Ergebnis der Gefährdungsanalyse, dass Mathiak erst einmal zur Aussage vor Gericht geleitet wird und dann mit seiner Familie für einige Wochen untertauchen soll. Von dem Verlauf dieser Tage werden seine weitere Bewachung und alle anderen Maßnahmen abhängig gemacht. Der FC Schalke 04 koordiniert weitere Schritte, denn gerade die Frage von Mathiaks beruflicher Zukunft ist ja ungeklärt.

Für den Abend des 30. September wird ein Gespräch mit Vereinsvertretern, Polizei, Staatsanwaltschaft, den Trägern des Fanprojekts, Freundin, Rechtsanwalt, Sicherheitsbeauftragten und Vertretern des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) anberaumt, das sich Mathiak als "surreal" eingeprägt hat: "Wie das letzte Gericht. Ab morgen wird alles ganz anders, und jetzt sitzen die hier und unterhalten sich über dein Leben. Und du bist aller Möglichkeiten beraubt."

Für vier Wochen in einen Ferienpark

Es ist schon dunkel, als ein Dutzend Menschen in der Geschäftsstelle an der Kurt-Schumacher-Straße 17 zusammenkommt. DFB-Präsident Egidius Braun erfüllt seine Zusage nicht und sagt kurzfristig die Teilnahme ab, vom Fußballverband erscheint nur der Sicherheitsbeauftragte Wilfried Hennes. Während der Besprechung schwindet auch die Möglichkeit, Mathiak könne in seinem erlernten Beruf weiterarbeiten.

Dass der größte Sportverband der Welt für den jungen Mann in einem seiner Fanprojekte eine Stelle finden würde, haben die Beteiligten gehofft. "Der DFB hat sich schofelig verhalten", findet Reinhard Knapp, der Zeugenschützer. Ein anderer Teilnehmer der Besprechung formuliert es krasser: "Der DFB hat ihn ganz schön verarscht." Nur einer legt sich nach Knapps Erinnerung richtig ins Zeug: "Wer wirklich was gemacht hat, war Assauer." Der ist die große Führungsfigur des FC Schalke in den neunziger Jahren.

"Rudi Assauer hat mir viel Glück gewünscht und mir einen Scheck über 10.000 Mark in die Hand gedrückt." Es ist eine Art Überbrückungsgeld, wie es heute auch gesetzlich vorgesehen ist. Mathiak aber wird von der Zahlungsanweisung keinen Gebrauch machen; vier Wochen später gibt er sie dem Schalke-Manager wieder zurück.

Der unmittelbare Träger des Fanprojekts, Gelsensport, stellt den Sozialarbeiter auf unbestimmte Zeit von seiner Aufgabe frei, geklärt ist außerdem wenigstens die unmittelbare Zukunft der Familie. Zunächst soll sie für etwas mehr als vier Wochen in zwei Ferienparks in den Niederlanden untertauchen, die Mathiak selbst ausgesucht und gebucht hat. Es sind gerade Herbstferien, mit diesem Hinweis wird der dreijährige Sohn im Kindergarten entschuldigt. Die Freundin Claudia G. ist Beamtin in einer Justizvollzugsanstalt und bekommt umgehend Urlaub, nachdem sie die Situation geschildert hat.

Lesen Sie im dritten Teil, wie ein kurzer Auftritt vor Gericht die entscheidende Wende im Nivel-Prozess bringt.



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vegefranz 19.07.2011
1. DFB = übler Haufen
interessant, dass auch hier wieder bestätigt wird, dass der DFB eine Ansammlung von üblen, seelenlosen Figuren ist. das hat sich bis heute in die Amtszeit von 20er fortgesetzt. diese Leute suchen immer stets den eigenen Vorteil.
No_Name 19.07.2011
2. -
Zitat von sysopSchlüsselfigur im Prozess gegen die*Schläger von Lens war der damalige Schalker Fanbetreuer Burkhard Mathiak. Der heute 43-Jährige sagte bei der Verhandlung 1999 gegen mehrere*Hooligans aus - und musste danach mit seiner Familie erst einmal untertauchen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,762814,00.html
Fußball: ein friedlicher, Völker verbindender Sport...
eNc.orporation 19.07.2011
3. Krank!
Zitat von sysopSchlüsselfigur im Prozess gegen die*Schläger von Lens war der damalige Schalker Fanbetreuer Burkhard Mathiak. Der heute 43-Jährige sagte bei der Verhandlung 1999 gegen mehrere*Hooligans aus - und musste danach mit seiner Familie erst einmal untertauchen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,762814,00.html
Ich war selber mal frueher gern in Stadien und bin laut geworden. Hab Pyro gezuendet. Hab Choreo migemacht. Hab Fahnen geschwenkt. War Ultra. Is alles lange her. ABER: wir haben uns NIE geschlagen und NIE irgendwas ernsthaft demoliert und NIE irgendwen verletzt... Es geht auch mit Spass ohne Gewalt beim Fussball...Kategorie C = Kategorie geh in die Benimmschule
LeisureSuitLenny 19.07.2011
4. Kosten
Man sollte dem DFB regelmässig berechnen was der soziale Kahlschlag dieses tollen Brot-und-Spiele Imperiums den Steuerzahler kostet. Jeden Polizeieinsatz, jede sonstige Massnahme. Dann ist vielleicht auch ein Budget da um einen Zeugen nicht zum Opfer werden zu lassen. Aber noch viel besser wäre es wenn der DFB dann das ganze Krawall-Pack raushält, aus rein wirtschaftlichen Überlegungen, und sich das auflöst. Im Moment kein Gedanke, denn die Kosten trägt ja die Allgemeinheit.
roester 19.07.2011
5. Schwarz-Weiß
Zitat von No_NameFußball: ein friedlicher, Völker verbindender Sport...
Scheren Sie mit Ihrer ach so wundervollen Ironie doch bitte nicht alles über einen Kamm. Es ist wohl kaum verwunderlich, dass es bei einem Sport, der sich so großer Beliebtheit erfreut genug schwarze Schafe gibt über die unverhältnismäßig groß aufgezogen berichtet wird.
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