Hooligan-Angriff auf Polizist Nivel Showdown im Gerichtssaal

Er brachte die Wende: Burkhard Mathiak war der entscheidende Zeuge im Prozess gegen die Schläger von Lens, die den Polizisten Daniel Nivel lebensgefährlich verletzten. Die Aussage des damaligen Fanbetreuers von Schalke 04 führte dazu, dass die Angeklagten ihre Tat gestanden. 

REUTERS

Von Tibor Meingast


Lesen Sie im ersten Teil, wie das Landgericht Essen mit allen Mitteln versucht, den unsichtbaren Zeugen ausfindig zu machen, und im zweiten Teil, wie Burkhard Mathiaks Auftritt vor Gericht vorbereitet wird.

Am Morgen des 1. Oktober 1999 bricht die vierköpfige Familie in zwei Autos auf. Mutter und Kinder fahren direkt in die Ferienanlage in der Nähe von Venlo, Burkhard Mathiak nur bis zur Autobahnraststätte Solingen-Ohligs an der A3. Dort erwarten ihn die beiden mit dem Zeugenschutz betrauten Polizisten aus Hannover und bringen ihn in einem unscheinbaren Pkw nach Essen ins Landgericht. "Es gibt zwei Möglichkeiten", erklärt Reinhard Knapp: "Sichtbar und mit großem Aufwand oder diskret durch die Hintertür." Die Beamten entscheiden sich, nachdem sie vorher die Örtlichkeit erkundet haben, für die kleine Lösung: "An- und Abfahrt hat niemand mitgekriegt."

Der Wagen parkt nicht vor dem Haupteingang, sondern gelangt durch eine schmale, unscheinbare Zufahrt in einer kleinen Nebenstraße in den Innenhof des gewaltigen Gerichtsgebäudes. Er hält unmittelbar vor einer kleinen, besonders gesicherten Tür, die vor allem für die gefährlichen Angeklagten vor dem Schwurgericht bestimmt ist.

Dahinter befindet sich "ein langer Gang wie in einer Haftanstalt" (Knapp) mit etwa einem Dutzend kleiner Arrestzellen. Dort warten die Angeklagten jeweils getrennt voneinander, bis sie in den Verhandlungsraum geführt werden. 1999 gibt es in dem großen Komplex in der Zweigertstraße, in dem allein 300 Bedienstete Platz finden müssen, noch keinen anderen Ort, der für Mathiak in seiner nervenaufreibenden Lage geeignet ist. "Inzwischen haben wir einen netten Raum, in dem sich Zeugen aufhalten können, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht vor dem Sitzungssaal warten wollen", sagt Wolfgang Schmidt, der Pressesprecher des Gerichts.

Mathiak wartet in einer Zelle direkt neben den Angeklagten

Für Mathiak jedoch bleibt an diesem Herbstmorgen nichts anderes als eine Gefängniszelle. Seine Begleiter kundschaften noch einmal den Gerichtssaal und dessen Umgebung aus und gehen einen Kaffee trinken, der Zeuge muss etwa 45 Minuten in dem kargen Raum ausharren - hinter Gittern. Wenigstens ist seine Zelle nicht abgeschlossen, anders als die der vier Angeklagten, die unmittelbar daneben untergebracht sind. Sie sind bereits da, als Mathiak ankommt. Diese Nähe empfindet er als sehr unangenehm, auch wenn aus den anderen Räumen keine Geräusche zu ihm dringen. Ein Gedanke schießt dem Zeugen durch den Kopf: "Wenn die wüssten, dass ich daneben sitze, die würden durch die Wand kommen."

Die Angeklagten werden einige Minuten vor ihm in den Gerichtssaal geführt, dann macht er sich auf den Weg. "Raus, Treppe hoch und dann durch so 'ne Tür neben den Richtern." Es ist eine direkte Verbindung vom Zellentrakt in den größten Verhandlungsraum des Gebäudekomplexes. "Eine ganz andere Perspektive als im Bereich für die Zuschauer" eröffnet sich dem wichtigen Zeugen. "Ich hatte den ganzen Saal vor mir." Es ist für Mathiak seltsam, in Begleitung des von Schalke verpflichteten Rechtsanwalts Fred Fiestelmann, der im Saal auf ihn wartet, dort aufzutreten.

Die Veränderung in dem Raum durch sein Erscheinen ist fast mit Händen zu greifen. Der Zeuge muss an der Bank der Angeklagten vorbei zu seinem Platz. "Als die Tür aufging, war es ihnen sofort klar", glaubt Mathiak. "Ich könnte Stein und Bein schwören, dass ihre Hoffnung geschwunden ist, dass sie hier schnell wieder rauskommen."

Außergewöhnlicher Auftritt Mathiaks vor Gericht

Die Erinnerung des Richters ist noch extremer. Der Auftritt muss so außergewöhnlich gewesen sein, dass Rudolf Esders mehr als ein Jahrzehnt danach eine im Detail sogar sachlich falsche Rückschau hält: "Wenn ich es richtig weiß, genügte allein Mathiaks Auftreten, um B. zur Aussage zu bringen. Ich weiß gar nicht, ob wir den Zeugen überhaupt noch vernommen haben."

Tatsächlich befindet sich Burkhard Mathiak etwa 20 Minuten im Zeugenstand, einem unscheinbaren, gepolsterten Stuhl im Dreieck zwischen den Bänken der Angeklagten, der Richter und der Staatsanwaltschaft. Vor dem Sitzplatz befindet sich eine Art Podest zur Ablage von Unterlagen. Drei Seiten sind mit hellgrauem Holz verkleidet, nur zum Stuhl hin ist es für die Beine frei. Anders als bei den meisten Prozessen, die hier vor verschwindend kleiner Kulisse ablaufen, ist diesmal das Mikrofon, das auf dem Tisch angebracht ist, eingeschaltet.

Mathiak wird auch von den Verteidigern der Angeklagten befragt. Der frühere Leiter des Schalker Fanprojektes bestätigt seine Aussage bei der Polizei im Juli 1998, er erkenne B. auf dem Foto "zu 98,5 Prozent" anhand von Haarschnitt, Figur und des T-Shirts, das damals nur von Personen aus dem inneren Zirkel der Gelsenkirchener Hooliganszene getragen werden "durfte".

Für Richter Esders hat sich vieles allein auf das Erscheinen Mathiaks verdichtet: "Da war die Luft raus, nachdem der Vertreter des Angeklagten die Erklärung verlesen hatte." Was im Rückblick wie eine Sache von Minuten wirkt, zieht sich über mehr als eine Woche hin. Das vom Rechtsanwalt von B., Wolfgang Weckmüller, verlesene Teilgeständnis des Angeklagten B. datiert vom nächsten, dem 26. Verhandlungstag am 10. Oktober.

Mathiak wird nach seiner Aussage "erleichtert" zu seinem Wagen auf den Parkplatz an der A3 zurückgebracht, reist von dort allein weiter Richtung Venlo. Seine Aussage am 1. Oktober, die einzige unter Eid in diesem Verfahren vor dem Landgericht Essen, wird in allen Fernseh- und Radioberichten sowie Zeitungsartikeln intensiv gewürdigt - als "Wende im Nivel-Prozess".

Lesen Sie im vierten und letzten Teil, wie sich Burkhard Mathiaks Leben nach seiner Zeugenaussage dramatisch veränderte.



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vw71, 20.07.2011
1. Vom Hooligan zum "Hells Angel"
Was für ätzende Zeitgenossen da am Werke waren und sich jetzt woanders "austoben", kann man hier nachlesen: http://www.bild.de/news/2009/polizist/hooligan-frankreich-wm-polizist-daniel-nivel-christopher-9608298.bild.html
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