Hooligan-Angriff auf Polizist Nivel "Sie haben sich verhalten wie Monster"

Schutz vor Hooligans: Nach seiner Aussage gegen die Schläger von Lens erhält der Hauptzeuge Burkhard Mathiak Mordankündigungen aus der Szene. Es dauert Jahre, bis er sich nicht mehr bedroht fühlt. Aber nur dank ihm konnte das Gericht die Strafen gegen die Nivel-Schläger aussprechen. 

DPA

Von Tibor Meingast


Lesen Sie im ersten Teil, wie das Landgericht Essen mit allen Mitteln versucht, den unsichtbaren Zeugen ausfindig zu machen; im zweiten Teil, wie Burkhard Mathiaks Auftritt vor Gericht vorbereitet wird; und im dritten Teil, wie seine Aussage die Wende im Nivel-Prozess bringt.

Es ist "eine belastende Phase meines Lebens", sagt Burkhard Mathiak. Das ist eine euphemistische Formulierung: Es geht ihm richtig schlecht. Angst und Zukunftssorgen nagen an ihm, denn er ist zunächst ständig mit der Gefährdung konfrontiert. Reinhard Knapp, der für den Zeugenschutz zuständige Beamte aus Hannover, lässt "an seinem Wohnort über die dortige Polizei Schutzmaßnahmen fahren". Er erteilt den "Auftrag, regelmäßig in unregelmäßigen Abständen die Wohnung anzufahren".

Zunächst hat Mathiak fast täglich Besuch von uniformierten Polizisten, die auch mal auf einen Kaffee ins Haus kommen. Denn noch wissen auch die Behörden nicht, auf was sie sich genau einzustellen haben. Knapp und sein Kollege ermitteln in diesen Wochen weiter, suchen Fantreffs auf und hören sich um. In der "Hochphase" der Bedrohung unterbreiten sie dem Zeugen unangenehme Neuigkeiten.

Mathiak erinnert sich: "Auf zwei Partys wurden ganz konkrete Morddrohungen geäußert." Die Hooligans fragen sich, wie sie an ihn herankommen, wann und wo sie zuschlagen können. "Das habe ich nicht gern gehört", sagt der Kronzeuge heute, wieder bagatellisierend. Es wird in diesen Wochen auch das Auto von einem seiner beiden Kollegen im Gelsenkirchener Fanprojekt angezündet. Die Täter werden nie ermittelt; vermutlich aber handelt es sich um einen Racheakt im Zusammenhang mit dem Prozess, möglicherweise wurde auch der Wagen mit dem Mathiaks verwechselt.

Einmal gerät sogar das potentielle Anschlagsopfer selbst in den Fokus der Fahnder. "Ich bin von der Polizei auf dem Heimweg angehalten worden", berichtet Mathiak. Sein Wagen ist in der Werkstatt, und er ist in einem geliehenen Auto mit dem Kennzeichen "GE" für Gelsenkirchen unterwegs. Die Beamten haben Verdacht geschöpft und eingegriffen, eine weitere Kontrolle aber ist natürlich nach Blick in den Personalausweis nicht mehr notwendig.

Maßnahmen für Mathiak werden erst nach vier, fünf Jahren eingestellt

Mehr als ein halbes Jahr dauert die intensive Betreuung, die Beamten geben immer wieder ihre Einschätzung der Lage und halten die Augen offen. "So oft Polizei in dem kleinen Dorf, das ist schon was Besonderes" für die Menschen dort, sagt Mathiak. Das Haus in Kürten ist abgelegen und nur über eine kurvige Straße zu erreichen. So sieht und hört man jedes Auto früh, und besonders in den vielen dunklen Stunden in Herbst und Winter schrecken die Bewohner jedes Mal sorgenvoll auf.

Bis die Polizei endgültig zum Ergebnis kommt, "dass die Hooligans nicht an ihm, sondern nur aneinander interessiert sind", so der zuständige Hauptkommissar Reinhard Knapp, wird noch viel Zeit vergehen. Lange begleiten die Beamten den Zeugen, später reduzieren sie die Kontakte, und dann telefonieren sie nur noch gelegentlich. Die Maßnahmen wird Reinhard Knapp aber erst "2003 oder 2004" ganz einstellen.

Hundertprozentige Klarheit über die persönlichen Schuldanteile aller am 21. Juni 1998 in Lens Beteiligten kann das Gericht indes nicht schaffen, trotz Mathiaks Aussage. Einiges bleibt offen, nicht zuletzt, wer der Mann ist, der Daniel Nivel als Erster zu Boden geschlagen hat. In den Plädoyers spricht der Staatsanwalt von "besonderer Gefühlskälte" und "unglaublicher Brutalität".

Ihr Urteil in diesem Prozess fällt die II. Große Strafkammer des Landgerichts Essen mehr als 500 Tage nach dem Verbrechen am 9. November 1999, dem 32. Sitzungstag. "Die Angeklagte sind keine Monster, aber sie haben sich verhalten wie Monster", sagt der Vorsitzende Richter Rudolf Esders in seiner Urteilsbegründung.

André B. wird wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu zehn Jahren Haft verurteilt. Nach Überzeugung des Gerichts hat er mit dem Gasgranatenaufsatz von Daniel Nivels Gewehr mindestens einmal mit solcher Wucht auf den Kopf des französischen Gendarmen eingeschlagen, dass dessen Schädelknochen brach. Tobias E. erhält eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren, Frank A. eine von fünf und Christopher H. eine von dreieinhalb Jahren wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung.



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leser_81 21.07.2011
1. Waffenschein !
Warum stellt man einer solchen Person die als Zeuge ihr Leben riskiert nicht einen Waffenschein aus? Ich meine damit nicht nur keine Waffenbesitzkarte (die nur zum Besitz berechtigt), sondern auch einen Waffenschein, der zum Tragen einer Waffe berechtigt. Es gibt doch inzwischen eine Vielzahl von kleinen aber leistungsstarken Taschenpistolen, die man immer und überall mit sich rumführen kann. Auf den Polizeischutz kann man sich auf dauer nicht verlassen! Ich würde keine Aussage machen, wenn mir nicht zu meiner WBK auch noch ein Waffenschein erteilt werden würde.
diracdamm 21.07.2011
2. Zeugenschutz
Zitat von leser_81Warum stellt man einer solchen Person die als Zeuge ihr Leben riskiert nicht einen Waffenschein aus? Ich meine damit nicht nur keine Waffenbesitzkarte (die nur zum Besitz berechtigt), sondern auch einen Waffenschein, der zum Tragen einer Waffe berechtigt. Es gibt doch inzwischen eine Vielzahl von kleinen aber leistungsstarken Taschenpistolen, die man immer und überall mit sich rumführen kann. Auf den Polizeischutz kann man sich auf dauer nicht verlassen! Ich würde keine Aussage machen, wenn mir nicht zu meiner WBK auch noch ein Waffenschein erteilt werden würde.
Sie haben vollkommen Recht. Wer konkrete Morddrohungen erhält, dem sollte neben dem Polizeischutz, eine Waffe zum Selbstschutz gegeben werden. Es reicht nicht aus, wenn die Polizei einmal am Tag den Zeugen besucht. Nur wenn ein 24h-Schutz gewährt werden kann, kann auch auf eine Waffe verzichtet werden. Ich sage das, obwohl ich grundsätzlich gegen den Waffenbesitz für Privatpersonen bin. Das ist wirklich eine gerechtfertigte Ausnahme.
GG146 21.07.2011
3. Dann würden Sie
Zitat von leser_81Warum stellt man einer solchen Person die als Zeuge ihr Leben riskiert nicht einen Waffenschein aus? Ich meine damit nicht nur keine Waffenbesitzkarte (die nur zum Besitz berechtigt), sondern auch einen Waffenschein, der zum Tragen einer Waffe berechtigt. Es gibt doch inzwischen eine Vielzahl von kleinen aber leistungsstarken Taschenpistolen, die man immer und überall mit sich rumführen kann. Auf den Polizeischutz kann man sich auf dauer nicht verlassen! Ich würde keine Aussage machen, wenn mir nicht zu meiner WBK auch noch ein Waffenschein erteilt werden würde.
... in Beugehaft genommen. Einen Waffenschein bekommen noch nicht einmal ganz konkret und noch ernsthafter als in dem Fall der Hooligen Szene hier von Schwerverbrechern bedrohte Menschen. Ein Extremfall ist vor über 20 Jahren verfilmt worden: http://www.prisma-online.de/tv/film.html?mid=1993_angst Dem Ehemann der bedrohten Frau wurde auch ein Waffenschein versagt. Daraufhin hat er sich eine illegale Waffe besorgt und den Verbrecher am Entlassungstag vor dem Gefängnistor erschossen. Da die Ehefrau und die Schwiegermutter ihn dorthin gefahren hatten, sind sie auch noch wegen Beihilfe zum Totschlag verurteilt worden und alle drei vom deutschen Staat wehrlos dem Verbrecher ausgelieferten Menschen für mehrere Jahre in den Knast gegangen. Das war der Preis für`s Weiterleben.
Kleiner_Nachdenker 21.07.2011
4. Milchmädchendenke!
Zitat von leser_81Warum stellt man einer solchen Person die als Zeuge ihr Leben riskiert nicht einen Waffenschein aus? Ich meine damit nicht nur keine Waffenbesitzkarte (die nur zum Besitz berechtigt), sondern auch einen Waffenschein, der zum Tragen einer Waffe berechtigt. Es gibt doch inzwischen eine Vielzahl von kleinen aber leistungsstarken Taschenpistolen, die man immer und überall mit sich rumführen kann. Auf den Polizeischutz kann man sich auf dauer nicht verlassen! Ich würde keine Aussage machen, wenn mir nicht zu meiner WBK auch noch ein Waffenschein erteilt werden würde.
Herr Nivel hat als Polizist sicher auch eine Waffe getragen UND konnte sogar damit umgehen. Hat es ihm geholfen? In den USA besitzen viele Leute privat Waffen. Führt das zu mehr Sicherheit? Man kann sich nur wundern, was für ein falsches Sicherheitsempfinden von der eigenen Waffe unter dem Kopfkissen ausgeht.
tetaro 21.07.2011
5. ..
Zitat von Kleiner_NachdenkerHerr Nivel hat als Polizist sicher auch eine Waffe getragen UND konnte sogar damit umgehen. Hat es ihm geholfen? In den USA besitzen viele Leute privat Waffen. Führt das zu mehr Sicherheit? Man kann sich nur wundern, was für ein falsches Sicherheitsempfinden von der eigenen Waffe unter dem Kopfkissen ausgeht.
Wenn der Täter anschließend nicht so oft erfolgeich das Opfer spielen dürfte, würde es vielleicht für Sicherheit sorgen. Logisch wäre es vielleicht, das Recht auf Unversehrtheit daran zu knüpfen, dass man auch dasjenige von Anderen respektiert.
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