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Hooligan-Drama in Paris: "Das sind Wilde, das sind Verbrecher"

Von Kim Rahir, Paris

In Frankreich eskaliert erneut die Gewalt: Ein Polizist erschoss einen Hooligan, nach Vermutungen der Staatsanwaltschaft aus Notwehr. Die Fans von Paris St. Germain fallen schon lange durch rassistische Übergriffe und brutale Prügeleien auf.

Paris - Es geschah nach der 2:4-Niederlage des Pariser Clubs im Uefa-Cup gegen Hapoel Tel Aviv: Nur ein paar Straßen vom Prinzenparkstadion entfernt stürzte sich mitten im gutbürgerlichen Pariser Stadtteil St. Cloud eine Gruppe von 150 Hooligans offenbar auf einen vereinzelten Anhänger des israelischen Vereins. Ein Journalist der Zeitschrift "L' Express" war Augenzeuge. Ein schwarzer Polizist in Zivil habe sich vor den bedrohten Mann gestellt und "bleib hinter mir" gesagt, berichtete der Journalist. Dann habe er die Angreifer mit einer Tränengasgranate in Schach zu halten versucht.

Schon zu diesem Zeitpunkt hätten einige der Umstehenden gerufen: "Der hat eine Knarre." Gleichzeitig rief der aufgebrachte Hooligan-Mob rassistische Beleidigungen und sang "Frankreich den Franzosen". Der zivil gekleidete Polizist habe sich daraufhin in ein Schnellrestaurant geflüchtet, das kurz darauf von den Randalierern gestürmt worden sei: Fensterscheiben wurden eingetreten, Glas splitterte. Im Restaurant habe der Polizist dann auch die Schüsse abgefeuert. Ein 24-Jähriger wurde getötet, ein 26-Jähriger schwer verletzt.

Die französische Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen auf den Verdacht der Notwehr konzentriert. Es könne wahrscheinlich von Notwehr gesprochen werden, sagte Generalstaatsanwalt Jean-Claude Marin am Freitagabend vor Journalisten in Paris. "Der Polizist hat zur Verteidigung bewusst seine Waffe auf eine unmittelbare und große Gefahr gerichtet", sagte Marin. Der Beamte habe ein "bemerkenswertes Maß an Gelassenheit" bewiesen, beispielsweise habe er lediglich einen Schuss abgegeben. Der Polizist habe eine "mutige Haltung" gezeigt, als er den Fan des israelischen Fußballclubs Hapoël Tel Aviv beschützt habe.

Nicht nur für die Hooligans, auch für den Club Paris St. Germain (PSG) wird es jetzt ernst. Sportlich auf der Verliererstraße, muss sich der Verein ernsthaft Gedanken machen, wie er seine frustrierten und teilweise mit der rechtsextremen Szene sympathisierenden Fans in den Griff bekommt. "Die Schwere des Vorfalls geht auf den Charakter des Vereins zurück, der von Haus aus gewalttätig ist und der seine ständig wiederkehrenden Probleme von Ausschreitungen aller Art nie gelöst hat", lautete heute die harsche Kritik der Tageszeitung "Le Parisien".

Die Statistik der Polizei belegt diese harten Vorwürfe. Nach einem Bericht des Polizeigeheimdienstes Renseigements Généraux (RG), der im Sommer an die französische Presse durchsickerte, nahm allein in der Saison 2005/2006 die Zahl der Gewalttaten im Zusammenhang mit Fußballspielen um fast 30 Prozent zu. Erst seit Januar 2006 können die Behörden dank einer Gesetzesänderung auffälligen Gewalttätern den Zugang zu den Fussballstadien verbieten - das war zuvor rechtlich unmöglich. Die Präfekturen griffen denn auch umgehend auf diese Maßnahme zurück: Bis Mai 2006 wurden 70 Fans aus den Arenen verbannt - 36 davon waren Anhänger des PSG. Auch bei den Gewalttaten der Hooligans war der Pariser Club trauriger Anführer mit 110 Zwischenfällen von landesweit 391. An zweiter Stelle liegen die Fans von Olympique Marseille mit 63.

PSG-Fans vor dem Spiel gegen Tel Aviv: Rassistische Schmähungen
AP

PSG-Fans vor dem Spiel gegen Tel Aviv: Rassistische Schmähungen

Auch die rechtsnationalistische Ausrichtung vieler PSG-Anhänger wurde schon im Sommer von der Polizei dokumentiert: Ein Club namens "Kop de Boulogne" mit 600 bis 800 Mitgliedern besteht laut RG aus "Weißen mit nationalistischer und rechtsextremer Ausrichtung". Die Internet-Homepage der Gruppe zeigt brennende Fußballtribünen in den Umrissen einer Frankreich-Karte. Ein Sprecher der linksgerichteten Polizeigewerkschaft UNSA machte den "Kop" für die Ausschreitungen gestern Abend verantwortlich: "Man muss wissen, das sind Wilde, das sind Verbrecher, die den Polizisten auf feige Art überfallen haben."

"Deutliches Handeln" von Seiten des Clubs verlangte heute der sozialistische Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë. Es gebe eine "absolute Notwendigkeit, Rassismus und Antisemitismus in der Umgebung der PSG-Fans zu bekämpfen", forderte der Politiker, der betonte: "Das Bild der Stadt Paris in der Öffentlichkeit und ihre Werte müssen von nun an unter allen Umständen respektiert werden. Wir können nicht die geringste Form der Intoleranz hinnehmen."

Auch der Chef der französischen Profiliga, Frederic Thiriez, sieht die Verantwortung beim Fußballclub: "Wir, der Fußball, müssen mit den Behörden Mittel und Wege finden, damit so etwas nie wieder passiert." Das ist leichter gesagt als getan. Schon in den neunziger Jahren hatten die Verantwortlichen des Clubs eine Initiative gestartet, um die Gewalt rund um die Spiele des PSG einzudämmen: Zusammenarbeit mit der Polizei, größere Sicherheitsvorkehrungen, eine "Charta" für die Fußballfans und sogar eine Beratung für arbeitslose Fußballfans wurden angekündigt.

Doch die Ergebnisse bleiben aus. Im vergangenen Jahr musste der Verein wegen der Randalierer sogar einmal ohne Publikum zu Hause spielen. Und erst vor zwei Wochen wurden gleich sechs Fans wegen rassistischer Gewalttaten im Schnellverfahren verurteilt. Sie hatten einen 19-jährigen Franzosen senegalesischer Herkunft überfallen. Eine Stellungnahme des Clubs gab es zunächst nicht. PSG-Präsident Alain Cayzac und Liga-Chef Thiriez eilten am Vormittag zu Innenminister Nicolas Sarkozy. Der konservative Politiker kündigte in gewohnt markigen Worten an, Randale, Gewalt und Rassismus müssten "ausradiert" werden. Beim nächsten Spiel des PSG in Nantes sollen zu diesem Zweck 230 Polizisten mobilisiert werden.

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