Hooligan-Krawalle Ultras warnten vergeblich vor Neonazi-Schlägern

Wieso waren Polizei, Politik und Vereine vom Aufmarsch der Nazi-Schläger in Köln so überrascht? Antifaschistische Fangruppen wie die Aachener Ultras warnen seit Langem vor der Gefahr von rechts. Meist ohne Erfolg.

Als gewaltbereit bekannt: "Hooligans gegen Salafisten" (HoGeSa)
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Als gewaltbereit bekannt: "Hooligans gegen Salafisten" (HoGeSa)


Eigentlich müsste Julian Kaiser, der nicht wirklich so heißt, Genugtuung empfinden über das, was am Sonntag in Köln passiert ist. Seit Jahren warnen er und die anderen Mitglieder der Aachener Ultragruppe "Aachen Ultras - ACU" vor rechten Hooliganstrukturen, deren Opfer sie selbst immer wieder wurden.

Jahrelang taten sie viele als wehleidige Überkorrekte ab. Oder warfen ihnen vor, nicht die Nazis seien es, die Politik ins Stadion brächten, sondern sie selbst, die immer wieder ihre Stimme gegen rechts erhoben. Bis sie 2013 genug hatten und ihren Rückzug aus dem Stadion erklärten.

Zuvor waren sie immer wieder bedroht, angegriffen und verprügelt worden. Und das von den Leuten, die seit den Gewaltexzessen von Köln die Schlagzeilen bestimmen. Besonders grotesk: Als sie noch bei den Heimspielen am Tivoli waren, hatte ihnen der heutige Regionalligist einen Ordner zugewiesen, der ihr Ansprechpartner sein und für ihre Sicherheit sorgen sollte. "Und genau der Typ ist in Köln bei den HoGeSa-Leuten gesehen worden", sagt Kaiser. "Jetzt ist die Republik verwundert, wie stark die Nazis mobilisieren können. Als ob es nicht genügend Leute gegeben hätte, die genau darauf immer wieder aufmerksam gemacht haben."

Rechte Strukturen, jahrelang unbemerkt

Doch erst seit Sonntag wird öffentlich die Frage diskutiert, was da los ist: Hunderte Fußball-Nazis, die "Deutschland den Deutschen" grölen und eine Spur der Verwüstung hinter sich herziehen, wie kann so etwas in Deutschland passieren? In der öffentlichen Wahrnehmung sind sie aus dem Nichts gekommen, all die Fußballschläger, all die Neonazis.

"Gruppen wie wir oder die Kollegen aus Braunschweig und Düsseldorf haben in den letzten Jahren immer wieder am eigenen Leibe erfahren, was passiert, wenn man die rechten Hools herausfordert. Aber das ist wohl nicht so recht angekommen", sagt Kaiser. Ein paar ACU-Mitglieder haben sich das Treiben am Breslauer Platz am Sonntag aus der Nähe angeschaut. Sie sahen Dutzende Demoteilnehmer aus Aachen: Alt-Hools, Nachwuchsschläger, Kameradschaftsangehörige.

Auch mit dabei: die Band, die den Soundtrack für "HoGeSa" liefert. Im September waren zwei führende Mitglieder der Aachener Ultragruppe "Karlsbande" bei einem Konzert von Kategorie C im belgischen Eupen gesichtet worden. "Bisher mussten sich die Hools und die Nazis, die auf die Band stehen, konspirativ über Schleuser zum jeweiligen Veranstaltungsort durchkämpfen", wundert sich Kaiser. "Und hier in Köln spielen die mal ganz locker und ohne jede Kontrolle vor 4000 Leuten."

Was passiert, wenn Gruppen nicht gestärkt werden, die wie ACU als Frühwarnsystem fungieren, lässt sich ebenfalls in Aachen beobachten: Rechte Strukturen verfestigen sich. Und das meist unbemerkt von Verein und Öffentlichkeit, die oft erst dann reagieren, wenn es schon zu spät ist.

Welche Fankultur wollen die Vereine unterstützen?

In Aachen gab es in den vergangenen Monaten immer wieder Hinweise darauf, dass die Rechten dort eine Meinungsführerschaft anstreben. Mal kamen Nazi-Aktivisten aus Bayern zur Geburtstagsfeier eines Aachener Nazis, mit dem sie zum Spiel seines Lieblingsvereins gingen. Mal hissten rechte Alemannia-Fans das Transparent der griechischen "Goldenen Morgenröte" in der Innenstadt.

Als Uerdinger Ultras Ende September ein Transparent ins Stadion brachten, das sich gegen Nazis wandte und eine Anspielung auf die als rechtsoffen geltenden Ultras von der "Karlsbande" enthielt, durfte es nicht im Stadion gezeigt werden. "So was will hier in Aachen keiner haben", habe es geheißen, berichteten die Uerdinger Ultras.

Wirklich? Vielleicht hätten sich ja auch diejenigen Aachener Fans, die keine Sympathien für die Rechten haben, bestärkt gefühlt, wenn ihr Verein ein an sich selbstverständliches Statement zugelassen hätte. Die sind nämlich auch in Aachen in der Mehrheit.

Fraglich ist, welche Art von Fankultur die Klubs unterstützen wollen. Zweitligist Fortuna Düsseldorf reagierte als erster Profiverein auf die Krawalle der Rechtsextremen: Der Klub hat ein Verbot von Kleidung mit den Aufschriften der Vereinigungen "HoGeSa" und "GnuHonnters" in seine Stadionordnung aufgenommen. "Insbesondere das gewaltverherrlichende Potenzial beider Verbindungen und der offen zur Schau gestellte, fremdenfeindliche Hintergrund der Verbindung 'Hooligans gegen Salafisten' lässt keinen Spielraum für eine Tolerierung dieser Symboliken bei Veranstaltungen von Fortuna Düsseldorf", heißt es in einer Stellungnahme des Vereins.

Kaiser ist sich jedoch sicher, dass Köln kein Einzelfall bleibt: "So wie die sich benommen haben, kann das das Ende der Bewegung sein", vermutet er. "Es kann aber auch das Gegenteil passieren. Man darf nicht unterschätzen, wie viele Trittbrettfahrer jetzt erst auf diese Leute aufmerksam geworden sind."

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