Hooligan-Überfall auf Weihnachtsfeier "Nur noch krank und kriminell"

In Leipzig hat der Hass zwischen zwei Fangruppierungen eine neue Dimension erreicht. Am Wochenende überfielen 50 Lok-Leipzig-Hooligans eine Feier des Lokalrivalen – mit Waffengewalt. Die Polizei hatte einen Tipp bekommen, zog die Beamten allerdings kurz vor dem Überfall ab.


Leipzig - "Man muss im Nachhinein heilfroh sein, dass es keine Toten oder Schwerverletzten gab", sagt Matthias Gärtner. Einen Tag nach dem Überfall auf die Weihnachtsfeier der Sachsen-Leipzig-Ultragruppierung "Diablos" steht der 35-Jährige noch immer unter Schock. Es sollte eine Party unter Gleichgesinnten werden, mit kaltem Büffet, Ska und Karaoke. Doch gegen 22.30 Uhr fand die Feier ein jähes Ende.

Urplötzlich war der Raum der gemütlichen, aber entlegenen Vereinsgaststätte "Sachsenstube" mit Rauch gefüllt. 40 bis 50 Vermummte stürmten die Kneipe, hielten dem Thekenpersonal und einzelnen Gästen Gaspistolen an die Schläfe. Andere schlugen derweil mit Baseballschlägern zu, zertrümmerten Inventar und Fensterscheiben. Plötzlich brannte der Eingang zur Küche. Kurzum: Das letzte Tabu unter Hooligans – der Einsatz von Waffen – ist in Leipzig gefallen.

Die Rivalität zwischen den beiden Leipziger Stadtvereinen ist traditionell die erbittertste der Republik. Hier scherzt man nicht beim Pils über die Schwächen des anderen Clubs, hier braucht man 1200 Polizisten, um bei einem Aufeinandertreffen beider Mannschaften Tote und Verletzte in der Amateurklasse zu verhindern. Die Feindschaft ist tief in die Alltagskultur eingesickert, die Stadtteile nach Vereinszugehörigkeit aufgeteilt. Wer sich in Probstheida als "Chemiker", wie die Fans des Oberligisten FC Sachsen im Volksmund heißen, zu erkennen gibt, lebt ebenso gefährlich wie ein "Lokist", der in voller Montur in der Südvorstadt oder in Connewitz spazieren geht.

Polizeischutz zu früh abgezogen

Lok-Präsident Steffen Kubald, der seit geraumer Zeit couragiert versucht, den Landesliga-Club aus den Negativschlagzeilen zu bekommen, hatte der Polizei am Samstag einen Tipp gegeben. Er wiederum war von einem Mitarbeiter des Leipziger Fan-Projekts informiert worden, "dass da Leute von uns was planen". Die Polizei war dann auch tatsächlich ab Beginn der Party vor Ort, beschloss aber gegen 22.20 Uhr abzuziehen. "Für uns ist es natürlich besonders ärgerlich, dass es zehn Minuten später zu dem Überfall kam", sagt Polizeisprecher Andreas de Parade SPIEGEL ONLINE. Allerdings hätten zuvor keine Anzeichen dafür gesprochen, dass es diesem Gewaltexzess kommen würde.

Kubald ist nun schockiert und hofft, dass die Krawalle keinen neuen Imageschaden für seinen Verein zur Folge haben. "Das hat nichts mit unseren Fans zu tun, das ist einfach nur noch krank und kriminell", sagt Kubald SPIEGEL ONLINE. Die Gewalttäter sind für Kubald vielmehr Leute, die "ihrem Verein durch solche Aktionen schaden wollen, weil sie es nicht geschafft haben, ihn zum Verein der Neonazis und Schläger zu machen".

Lähmendes Entsetzen herrscht derweil in der Stadt. Die Vereinsvertreter tun das einzig Richtige, indem sie ein Innehalten einfordern: "Es ist eine erschreckende Qualität der Gewalt, es dürfen jetzt keine unbedachten Aktionen folgen", sagte der neu gewählte Sachsen-Präsident Winfried Lonzen.

Dass seine Worte Gehör finden, ist eher unwahrscheinlich. Denn auch das Verhalten der Sachsen-Fans ist merkwürdig. Nach Angaben der Polizei sollen sie nach dem Überfall zunächst die eintreffenden Beamten angegriffen haben. Gegen einen der ursprünglich geschädigten Anhänger des FC Sachsen ist deshalb eine Anzeige erstattet worden. Weitere Anzeigen gibt es wegen Sachbeschädigung.

Ärztliche Hilfe lehnten die Geschädigten ebenso ab, wie jede Kooperation mit der Polizei: Die Opfer wollten keinerlei Angaben zu den Tätern machen. "Wir können uns das auch nicht erklären", so Polizeisprecher Andreas de Parade: "Mehrere Opfer standen sichtbar verletzt, teils mit blutenden Wunden in der Gaststätte, verweigerten aber die ärztliche Hilfe." Die fehlende Kooperationsbereitschaft der Sachsen-Fans – das Feindbild Polizei ist auch hier in der Ultra-Szene gemeinsamer Nenner – hält nicht nur Kubald für ein Alarmsignal: "Das Schlimme ist, dass das Ganze so nie aufhört."

In der Sachsenstube sollten in den nächsten Tagen zahlreiche Weihnachtsfeiern mit den Jugendspielern des Vereins stattfinden. In dem Trümmerfeld, das die Randalierer hinterlassen haben, dürfte das ein Ding der Unmöglichkeit sein. Doch selbst wenn die Sachsen-Fans, die seit heute morgen um 10 Uhr die Trümmer beseitigen, ganze Arbeit leisten – es wird wohl kaum ein Kind mehr in die entlegene Kneipe kommen: "Die Eltern", so Augenzeuge Matthias Gärtner, "haben jetzt Angst, ihre Kinder dorthin zu schicken."



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