Aufruf gegen Salafisten Hooligans wollen "Deutschland verteidigen"

Seit Jahren prügeln sie sich untereinander, nun haben sie einen gemeinsamen Gegner: Deutsche Hooligans verbünden sich gegen Salafisten. Am Sonntag wollen sie in Köln zu Tausenden demonstrieren. Die Polizei ist gewarnt.

Hooligan-Demonstration (in Dortmund): Über tausend Menschen in Köln erwartet
Rafael Buschmann

Hooligan-Demonstration (in Dortmund): Über tausend Menschen in Köln erwartet

Von und


SPIEGEL ONLINE Fußball
Sie pöbeln, sie beleidigen, sie vernetzen sich immer weiter: Auf Social-Media-Kanälen, in internen Chats, per Kurznachrichten rufen Fußball-Gewalttäter dazu auf, "endlich Deutschland zu verteidigen". Allein auf Facebook sammelte die Gruppe "Hooligans gegen Salafisten" (HoGeSa) zwischenzeitlich über 40.000 Likes. Am Sonntag soll es in Köln zu einer bundesweiten Demonstration kommen. Der bisher größten dieser Art.

Die Veranstalter brüsten sich mit "5700 Anmeldungen", die Kölner Polizei rechnet eher mit "1000 bis 1500 Teilnehmern", wie deren Sprecher Christoph Gilles sagt. Letzteres dürfte realistischer sein, doch selbst mit einer solchen Teilnehmerzahl wäre der Gruppe die Machtdemonstration gelungen, die ihr seit ihrer Gründung vorschwebt: "Alle nach Köln" heißt es in den sozialen Netzwerken seit Wochen, die bislang größte Kundgebung in Dortmund (350 Teilnehmer) müsse "in den Schatten gestellt" werden.

Das dürfte problemlos gelingen, zumal die Gruppierung, die ursprünglich fast ausschließlich aus rechtsgerichteten Hooligans bestand und deren Existenz SPIEGEL ONLINE Anfang Mai öffentlich machte, "in letzter Zeit gehörigen Zulauf hatte", wie Gilles betont. Sogar Hooligans aus Wales, Österreich und Polen werden in Köln erwartet. Das Netzwerk, das in Großen Teilen aus der Gruppe GnuHonnters erwachsen ist, arbeitet seit geraumer Zeit auch mit zumeist rechten Hooligans anderer europäischer Länder zusammen.

Zudem sind sowohl Ort als auch Zeitpunkt günstig gewählt: Köln ist durch seine Lage prädestiniert für bundesweite Treffen, besonders der Südwesten, das Rheinland und das Ruhrgebiet - also die drei geografischen Schwerpunkte von "HoGeSa" - liegen verkehrsgünstig. Dementsprechend hoch ist der Mobilisierungsgrad, viele Dutzend Fahrgemeinschaften haben sich in den vergangenen Tagen zusammengetan.

Kein Programm, keine vorbereiteten Sprecher

Die Gegenseite ist alarmiert. Zwei Gegendemonstrationen haben sich angekündigt. Sie werden vor dem Kölner Hauptbahnhof demonstrieren, die "HoGeSa" trifft sich am Hinterausgang. Befürchtungen, dass beide Gruppen aufeinanderprallen, zerstreut Polizeisprecher Gilles: "Falls eine der beiden Gruppen den Versuch machen sollte, die jeweils andere zu attackieren, werden wir mit genügend Beamten vor Ort sein, um das zu unterbinden." Allerdings müsse man abwarten, ob es den Veranstaltern gelinge, für einen friedlichen Ablauf zu sorgen.

Zuletzt in Dortmund hatten Beobachter den Eindruck, dass die meisten Teilnehmer nur darauf warteten, dass entweder die Antifa oder Salafisten um die Ecke kommen, damit es zur ersehnten Konfrontation kommen könnte. Als diese ausblieb, wussten die Hooligans nicht so recht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollten. Es gab kein Programm, keine vorbereiteten Sprecher. So wirkte das Treffen eher wie das Warten auf Godot.

Wer sich in den vergangenen Wochen das einschlägige Forum angesehen hat, das sich von "Hooligans gegen Salafisten" in "Gemeinsam sind wir stark" umbenannt hat, stieß immer wieder auf den gleichen Konflikt. Manche Wortführer fordern dazu auf, "friedlich zu bleiben", sich "nicht provozieren zu lassen" und "nur schwarz-rot-goldene Deutschlandfahnen" mitzubringen - man wolle nicht "in die Nazi-Ecke" gestellt werden. Und tatsächlich mahnen einzelne Forums-Teilnehmer, sich an das angebliche Ziel zu erinnern. Das sei die Bekämpfung des Salafismus, nicht die NS-Propaganda. Man sei "unpolitisch".

Die Gruppe will sich als "überparteilich" geben

Doch mit dieser Unterscheidung fühlt sich ein Großteil der Klientel offenbar nicht gut beschrieben. Offen rechte Symbole werden zuhauf gepostet, unschwer sind einschlägige Protagonisten rechter Parteien bis hin zu offenen Neonazis auszumachen, darunter Angehörige diverser Kameradschaften wie dem verbotenen "freien Netz Süd", der NPD oder der Partei "Die Rechte". Auch etliche Mitglieder des mittlerweile verbotenen "Nationalen Widerstands" haben in HoGeSa offenbar eine neue Anlaufstelle gefunden. Die Gruppe wirkt so kaum führbar, dafür im Kern extrem gewaltbereit.

Voller Stolz präsentierten Anhänger der Gruppe Anfang der Woche zudem einen Song der Bremer Hool-Band "Kategorie C", die Konzerte von Nazigrößen wie Sascha Wagner oder Christian Hehl organisieren lässt und schon bei NPD-Feierlichkeiten auftrat.

Auch der Anmelder der Kundgebung in Dortmund ist kein Unbekannter. Dominik Roeseler ist Mitglied der rechtspopulistischen Partei "Pro NRW" und amtiert als Stadtrat von Mönchengladbach. Da er politisch klar zuzuordnen ist, wurde er zuletzt von einigen Forums-Nutzern angegriffen und dazu gedrängt, als "Regionalleiter" zurückzutreten. Die Gruppe will sich öffentlich als "überparteilich" geben.

Nach Angaben der Kölner Polizei ist Roeseler jedoch nach wie vor der Organisator der Veranstaltung. Offizieller Versammlungsleiter ist hingegen ein "politisch unbeschriebenes Blatt" aus Süddeutschland.



© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.