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Hooligans in Krakau: Mit Messern und Macheten

Von , Krakau

Sie sind gewaltbereit, brutal und bewaffnet: Ein Jahr vor der Fußball-EM hat Gastgeberland Polen riesige Probleme mit Hooligans. Besonders hart trifft es die Kulturmetropole Krakau. Zwei verfeindete Gruppen versetzen die Stadt in Angst und Schrecken.

Hooligans in Krakau: Wisla gegen Cracovia Fotos

Der kahle Raum hat nur ein kleines Fenster, durch das kaum Licht dringt. Es riecht nach Metall und Schweiß. An einem Regal hängen Dutzende schwerer Äxte, auf einem der Bretter stapeln sich Macheten, sie sind auf Hochglanz poliert. Rechts davon: vier Langschwerter und eine Armbrust.

Was wie ein mittelalterliches Waffenarsenal wirkt, ist der Trainingsraum der "Sharks". "Haie", so nennt sich die Hooligan-Bande aus Krakau. Sie sind Anhänger des Erstligisten Wisla Krakau. Hier, in dieser Dunkelkammer, üben sie, wie man kämpft.

Einer ihrer Anführer ist Jacek, ein bulliger Mann Ende 20 in Springerstiefeln. Er hat eine Skimaske über sein Gesicht gezogen. Wer sich in dieser Umgebung am Stadtrand Krakaus mit ihm treffen will, muss eine fast einstündige Irrfahrt mit verbundenen Augen über sich ergehen lassen.

Feinde verletzen, ohne sie zu töten

Jacek stapft hinüber zu einem mannshohen Holzblock, der auf Spiralen befestigt und in eine auf dem Boden liegende Betonplatte verschraubt ist. Er verpasst dem Klotz einen Tritt, so dass dieser ins Wippen gerät. Dann greift sich der Hooligan eine Machete und schlägt auf das Holz ein.

Feinde zu verletzen, ohne sie zu töten, das würden sie hier trainieren, sagt Jacek, als er die Waffe wieder zur Seite legt. Seine Feinde, das sind die Hooligans von Cracovia Krakau, dem anderen großen Club der Stadt, die Bande trägt den Namen "Jude Gang".

In Polen, dem Land, das zusammen mit der Ukraine im kommenden Jahr die Europameisterschaft ausrichten wird, gehören Ausschreitungen im Profifußball zum Alltag: Immer wieder stürmen gewaltbereite Fans den Rasen, sorgen für Spielabbrüche, verwüsten Tribünen und prügeln sogar auf Profis ein.

Sicherheitsexperten geben sich zuversichtlich, dass es während der EM in den polnischen Stadien friedlich bleibt. Wer ein Ticket kauft, muss sich ausweisen können. Moderne Überwachungsanlagen in den Arenen von Warschau, Posen, Danzig und Breslau schrecken Straftäter ab. In den Wochen der EM soll es, wie auch beim Freundschaftsspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft am Dienstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Danzig, so aussehen, als sei Fußball in Polen ein großes, unbeschwertes Fest - auch in der Kultur- und Universitätsmetropole Krakau, die während des Turniers Hunderttausende zusätzlicher Touristen anziehen wird.

Erbitterter Hooligan-Krieg

Tatsächlich gibt es keine andere Fußballhochburg in Europa, in der ein derart gewalttätiger Bandenkrieg zweier Hooligan-Gruppierungen tobt. Krakau ist eine geteilte Stadt. "Jedes Haus, jedes Restaurant, jede Straße gehört entweder zu den 'Sharks', den Hooligans von Wisla, oder zur 'Jude Gang', den Hooligans von Cracovia", sagt die 30-jährige Katarzyna Janiszewska.

Die Journalistin der Tageszeitung "Gazeta Krakowska" berichtet seit Jahren über die zunehmende Gewalt und den gegenseitigen Hass in der Szene. Und sie berichtet über die Angst der Einwohner Krakaus. Denn wer in der Stadt wohnt, lernt schnell, in welchem Viertel welcher Mob regiert. Wer es nicht gelernt hat, muss mit dem Schlimmsten rechnen.

Vor acht Jahren wurde ein 17-Jähriger in einem Wisla-Vorort totgetreten, ein 23-Jähriger mit einem Messerstich in die Lunge ermordet. Beide hatten kein offenkundiges Interesse an Fußball, sie trafen nur im falschen Stadtteil auf die falschen Leute. 2006 ritzten vermeintliche Hooligans von Wisla Krakau einem 17-Jährigen mit einem Tapeziermesser ein Hakenkreuz auf den Rücken.

Auf einem kleinen Tisch faltet Jacek, der Mann mit der Machete, einen handgemalten Stadtplan auf. Krakaus 18 Stadtbezirke sind noch einmal in 40 Planquadrate unterteilt, 21 davon versieht er mit einem dicken Einstich. Das seien Wisla-Gebiete, sagt er. In die 19 restlichen Planquadrate ritzt der Mann Hakenkreuze: die Stadtteile, die seine Feinde beherrschen, die "Jude Gang" von Cracovia, einem Club, der schon vor dem Zweiten Weltkrieg offen war für jüdische Spieler.

Auf Seite der "Sharks" zählt die Polizei mehr als 600 Mitglieder, der "Jude Gang" gehören mehr als 300 Männer an. Sie führen einen sinnlosen, brutalen Krieg um die Vorherrschaft in Krakau. Das letzte Opfer gab es im Januar. Der Kickboxlehrer Tomasz C., nach Überzeugung der Polizei einer der Anführer der "Jude Gang", fuhr durch den Stadtteil Kurdwanów, eines der am heftigsten umkämpften Viertel, in dem sowohl Cracovia- als auch Wisla-Hooligans leben.

Als ein Jeep den 30-Jährigen von der Straße drängte, sprang er aus seinem Wagen und flüchtete. 20 maskierte Männer verfolgten ihn, nur wenige Meter vor seiner Haustür wurde er mit Macheten- und Messerhieben hingerichtet.

Die Ermittlungen der Polizei verliefen bislang mühsam. Zwar wurden Verdächtige verhaftet, aber kaum ein Beschuldigter will sich zu den Vorfällen äußern oder umfangreich aussagen. Das sei der Normalfall bei Ermittlungen, sagt der Krakauer Polizeisprecher Dariusz Nowak. Selbst wenn sie mit Opfern sprechen wollten, würden die Beamten entweder auf eine Mauer des Schweigens stoßen oder müssten sich absurde Erklärungen anhören. Ein Schwerverletzter erklärte den Beamten eine Stichwunde einmal so: "Ich bin auf mein eigenes Messer gefallen."

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1.
Dominik Menakker, 05.09.2011
Was man da machen solle? Beide als kriminelle Vereinigung deklarieren und die Mitglieder festsetzen. Kleine Mitläufer kann man laufen lassen, ab der mittleren Hierarchieebene einfach die bestehenden Gesetze anwenden. In D gibts dafür nach § 129 StGB bis zu 5 Jahre, für Rädelsführer nicht unter 6 Monaten. Einfach mal die ganzen Heulstories von wegen schwerer Kindheit oder sozialer Verantwortung für irgendwelche Zahlkinder vergessen und den Leuten die Strafen verpassen, die sie verdienen. Ich gehe doch mal davon aus, dass entsprechende Gesetze in Polen auch existieren. Und lt. Polizei sind die Mitglieder ja weitgehend bekannt. Zwei Banden mit 900 Mitgliedern, von denen man 100 - 150 festsetzen müsste um den harten Kern zu haben. Wo ist das Problem? Einfach mal machen. Die Bevölkerung freut sich. Ach ja, und ein Machetenangriff auf Dritte ist durchaus als versuchter Mord zu werten, da es ja offensichtlich schon innerhalb dieses Systems Morde mit Macheten gab.
2. Auf Thema antworten
matthias_b. 05.09.2011
Zunächst einmal etwas nebenbei: "Selbst der Marktplatz Rynek in der historischen Altstadt" "Rynek" heißt auf Polnisch nichts anderes als "Marktplatz". Oder würde man hier auch vom "Marktplatz marketplace" sprechen? Na ja zum Thema: Es ist eine Schande, was dort abläuft, und bedürfe eines wesentlich stärkeren Durchgreifens. Irgendwann ist die Grenze der modernen, kumpelhaften, gewaltfreien Rechtstaatlichkeit erreicht, wenn einige 100 solcher Leute eine ganze Stadt und das ganze Land terrorisieren können. Bei rechtzeitigem Eingreifen hätte es vielleicht auch nie so viele Mitglieder gegeben. Dabei wird in Polen da noch mehr durchgegriffen als hierzulande. Vermutlich würden die jungen Hooligans zu Kampfsportkursen geschickt werden, um ihre Aggressionen abzubauen. Ich hoffe wirklich, dass die EM ruhig wird. Gegen diese Räuberbande wirkt der Vuvuzelaterror ja wie Flötenmusik.
3. ^^^^^^^
Gibsonman 05.09.2011
Zitat von sysopSie sind gewaltbereit, brutal und bewaffnet: Ein Jahr vor der Fußball-EM hat Gastgeberland Polen*riesige Probleme mit Hooligans. Besonders hart trifft es die Kulturmetropole Krakau. Zwei verfeindete Gruppen versetzen die Stadt in Angst und Schrecken. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,784247,00.html
Auch hier ist das "angebliche" Hobby nur Vorwand, um kriminelle Machenschaften durchzuziehen. Das gleiche wie bei den (meisten) Motorradclubs ... Ich hoffe nur, dass bei der EM alles gut geht, denn die Polen an sich sind doch immer sehr nett und gastfreundlich. Aber vielleicht ist ja alles auch nur etwas hochgehypt wie die NoGo-Areas in Ostdeutschland vor der WM 2006.
4. ...
Stilz_Rumpel 05.09.2011
Zitat von matthias_b.Zunächst einmal etwas nebenbei: "Selbst der Marktplatz Rynek in der historischen Altstadt" "Rynek" heißt auf Polnisch nichts anderes als "Marktplatz". Oder würde man hier auch vom "Marktplatz marketplace" sprechen? Na ja zum Thema: Es ist eine Schande, was dort abläuft, und bedürfe eines wesentlich stärkeren Durchgreifens. Irgendwann ist die Grenze der modernen, kumpelhaften, gewaltfreien Rechtstaatlichkeit erreicht, wenn einige 100 solcher Leute eine ganze Stadt und das ganze Land terrorisieren können. Bei rechtzeitigem Eingreifen hätte es vielleicht auch nie so viele Mitglieder gegeben. Dabei wird in Polen da noch mehr durchgegriffen als hierzulande. Vermutlich würden die jungen Hooligans zu Kampfsportkursen geschickt werden, um ihre Aggressionen abzubauen. Ich hoffe wirklich, dass die EM ruhig wird. Gegen diese Räuberbande wirkt der Vuvuzelaterror ja wie Flötenmusik.
Also das würde ich gar nicht mal so eng sehen in dem Fall. DER Rynek ist nun mal der eine Krakauer Marktplatz:)
5. .
der.bergamann 05.09.2011
Zitat von Dominik MenakkerWas man da machen solle? Beide als kriminelle Vereinigung deklarieren und die Mitglieder festsetzen. Kleine Mitläufer kann man laufen lassen, ab der mittleren Hierarchieebene einfach die bestehenden Gesetze anwenden. In D gibts dafür nach § 129 StGB bis zu 5 Jahre, für Rädelsführer nicht unter 6 Monaten. Einfach mal die ganzen Heulstories von wegen schwerer Kindheit oder sozialer Verantwortung für irgendwelche Zahlkinder vergessen und den Leuten die Strafen verpassen, die sie verdienen. Ich gehe doch mal davon aus, dass entsprechende Gesetze in Polen auch existieren. Und lt. Polizei sind die Mitglieder ja weitgehend bekannt. Zwei Banden mit 900 Mitgliedern, von denen man 100 - 150 festsetzen müsste um den harten Kern zu haben. Wo ist das Problem? Einfach mal machen. Die Bevölkerung freut sich. Ach ja, und ein Machetenangriff auf Dritte ist durchaus als versuchter Mord zu werten, da es ja offensichtlich schon innerhalb dieses Systems Morde mit Macheten gab.
Auch wenn es dem Gefühl widerspricht, sinnvolle (Re)sozialisierungsmaßnahmen wirken nicht schlechter als das Durchgreifen mit größtmöglicher Härte. Den USA mit ihren Bootcamps et al, kann man kaum vorwerfen mit Samthandschuhen zu handeln. Dennoch gibt es massive Probleme mit Gangs, denen seit Jahrzehnten nicht beizukommen ist. Das Problem mit Banden organisierter Kriminalität ist eben ihr Organisationsgrad. Wer Al Capone war, wusste ja auch jeder, nur beweisen ließ es sich nicht. Wenn Gewaltopfer im Zweifel auf ihr eigenes Messer gefallen sein wollen, ist der Ehrenkodex wohl stärker als die Mittel der Polizei.
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