Schalke-Manager Heldt "Einen Freund zu entlassen, tut doppelt weh"

Im Winter galt Schalke noch als Chaos-Club, am Samstag kann sich der Verein direkt für die Champions League qualifizieren. Was ist passiert? Manager Horst Heldt über die Qualitäten von Trainer Keller - und Freundschaft im Profifußball.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Heldt, wie ist es, in einer Saison zwei verschiedene Clubs zu managen?

Heldt: Ich war nur bei einem. Aber ich ahne, worauf Sie anspielen.

SPIEGEL ONLINE: Von außen betrachtet gab es in dieser Spielzeit den FC Schalke zweimal, einen in der Hinrunde, einen in der Rückrunde.

Heldt: Das ist schon was dran, und die Hinrunde hat ganz sicher weniger Spaß gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Die Dauerkritik an Jens Keller, in der Tabelle zur Winterpause nur auf Platz sieben, dazu das Aus im Pokal gegen Hoffenheim im Dezember…

Heldt: …das war tatsächlich der Tiefpunkt. Der Tag danach war sehr intensiv, die Nacht zuvor extrem schlecht. Man kommt schwer in den Schlaf, träumt vom Spiel.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert denn in einem Bundesliga-Klub am Tag nach einem solchen Tiefpunkt?

Heldt: Der Tag beginnt mit großer Frustration, aber es gibt auch gleich die ersten Gespräche mit den Gremien. Ich habe mit unserem Aufsichtsratschef Clemens Tönnies telefoniert, wir haben gemeinsam die Situation analysiert. Dann gab es auf dem Trainingsgelände mit Jens Keller leidenschaftliche Diskussionen. Man guckt dabei in die Gesichter, schaut, wie sich die Spieler beim Training verhalten. Auf Basis dieser Eindrücke treffe ich dann meine Entscheidungen.

SPIEGEL ONLINE: Eine Entlassung von Jens Keller galt als Automatismus.

Heldt: Entscheidungen über Trainerentlassungen, die ich in der Vergangenheit getroffen habe, standen meist unmittelbar nach einem Ereignis fest. Das war bei Giovanni Trappatoni so, bei Armin Veh, Markus Babbel, bei Huub Stevens. Da wusste ich nach dem Spiel: Jetzt ist es vorbei. Natürlich hat es auch bei Jens im Gebälk gekracht. Aber dieses entscheidende Gefühl war nicht da.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Bauchgefühl hat entschieden, mit dem Trainer weiterzuarbeiten?

Heldt: Natürlich nicht. Das Weitermachen war rational begründbar. Ich war überzeugt, dass Jens die Mannschaft weiter erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Kann man lernen, jemanden zu entlassen?

Heldt: Nein. Und daran gewöhnen kann man sich auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Der erste Trainer, von dem Sie sich getrennt haben, war einer der berühmtesten der Geschichte: Giovanni Trapattoni. Wie war das damals im Februar 2006, eine Ikone zu feuern?

Heldt: Ich war erst seit einem Monat Sportmanager beim VfB Stuttgart. Nach dem Spiel gegen Werder Bremen war mir klar: Es musste sich etwas ändern, also habe ich den Vorstand informiert, gemeinsam haben wir uns dann mit Giovanni zusammengesetzt. Ich hatte Bammel, es gibt ja keinen Kurs "Wie entlässt man den Trainer". Zum Glück hatten wir an diesem Tag einen brillanten Präsidenten Erwin Staudt, der das Gespräch führte. Allein hätte ich das damals wohl nicht hinbekommen.

Zur Person
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    Horst Heldt wurde 1969 in Königswinter bei Bonn geboren. Seine Profikarriere begann er beim 1. FC Köln, wo er schnell als Nachfolger der DFB-Spielmacher Pierre Littbarski und Thomas Häßler galt. Zum Nationalspieler wurde der laufstarke Heldt aber erst in seiner Zeit beim TSV 1860 München. Es blieb bei zwei Länderspielen. In Stuttgart machte Präsident Erwin Staudt den Spieler Heldt 2006 zum Sportmanager, ein Jahr später feierte der Club die Deutsche Meisterschaft. Seit 2010 ist der gelernte KFZ-Mechaniker Manager beim FC Schalke 04.
SPIEGEL ONLINE: Markus Babbel und Armin Veh mussten unter Ihnen ebenfalls den VfB verlassen. Beide gelten als Ihre Freunde.

Heldt: Und sie waren es damals auch schon.

SPIEGEL ONLINE: Darf man als Manager eine Freundschaft zu einem Trainer zulassen?

Heldt: Ich versuche immer, ein inniges, vertrautes Verhältnis zu meinen Cheftrainern aufzubauen. Schließlich verbringt man am Tag mehr Zeit miteinander als mit der eigenen Ehefrau. Die Entscheidung, sich von einem Freund zu trennen, tut doppelt weh. Man kann eben nicht immer komplett zwischen Freundschaft und Beruf trennen.

SPIEGEL ONLINE: Machen Sie sich damit nicht angreifbar? Der Buddy-Verdacht ist schnell in der Welt.

Heldt: Ich habe noch nie an einem Trainer festgehalten, weil er mein Freund ist. Ich habe und werde auch nie einen Trainer verpflichten, nur weil er mein Freund ist. Gleichwohl bin ich überzeugt, dass man nur erfolgreich sein kann, wenn man ein Verhältnis hat, das über das Normale hinausgeht. Weil man in schwierigen Phasen die Menschen nicht erreicht, wenn man eine zu große Distanz hat.

SPIEGEL ONLINE: Auch Felix Magath galt einmal als ein guter Freund.

Heldt: Ich habe Felix unheimlich viel zu verdanken. Ich hatte eine Zeit in Österreich, da krähte kein Hahn mehr nach mir. Da rief Felix an und holte mich, einen mehr oder weniger schon abgeschriebenen Profi, nach Stuttgart. Hätte er das nicht gemacht, ich hätte keine Champions League gespielt, wäre nie Deutscher Meister und wahrscheinlich auch kein Manager geworden. Ich bin ihm sehr dankbar, glaube aber auch, dass ich viel zurückgegeben habe.

SPIEGEL ONLINE: Er hat Sie dann zu Schalke geholt, wo es schließlich zum Bruch kam, als Magath gehen musste.

Heldt: Wir hatten ein unheimlich vertrauensvolles Verhältnis. Unser größter Fehler war es, nicht mehr im Verhältnis Spieler/Trainer, sondern in einem geschäftlichen zusammenzuarbeiten. Das hat nicht funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sagen, dass Jens Keller für Sie ein Freund ist?

Heldt: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie ihn beschreiben? Er wirkt in der Öffentlichkeit manchmal noch immer etwas unbeholfen.

Heldt: Mimik und Gestik sind doch nicht entscheidend für die Qualität eines Trainers! Wichtig für die Beurteilung sind die Entwicklung der Spieler und das Innenleben der Mannschaft. Die Qualität von Jens Keller ist nicht die Fassade. Aber Jens kann jeden einzelnen Spieler besser machen, hat Ideen und weiß, wie man eine Spielphilosophie verfolgt. Und vielleicht sollten die Menschen, die ihn im vergangenen Jahr für sein angeblich unsicheres Auftreten kritisiert haben, einfach mal eine Mannschaftssitzung mitmachen.

SPIEGEL ONLINE: Was würden sie sehen?

Heldt: Er trifft den Ton so gut, dass selbst ich oft so weit war, mir Fußballschuhe geben zu lassen und mitzukicken. Aber er hält nicht jede Woche die große Brandrede, das ist irgendwann ausgelutscht. Er hat immer wieder neue Ideen, sein Team auf den nächsten Gegner vorzubereiten.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Lob in allen Ehren. Aber Jens Keller gilt nicht gerade als Trainer, der für eine eigene Spielphilosophie steht.

Heldt: Die große Kunst ist, auf viele verschiedene Situationen im Spiel flexibel reagieren zu können. Im modernen Fußball ist es ein Fehler, wenn ein Trainer versucht, seine Philosophie durchzudrücken, obwohl er gar nicht das Personal dazu hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, Jens Keller hat zwar eine Philosophie, aber man sieht sie nicht, weil ihm die Spieler dafür fehlen?

Heldt: Ihm standen über die ganze Saison nie alle Spieler zur Verfügung. Er musste ständig improvisieren. Erst mal ist es da wichtig, dass wir uns wieder für die Champions League qualifizieren. Dann kommt der nächste Schritt. Irgendwann sollen die Leute nicht mehr sagen: Wow, wir spielen heute gegen Real Madrid. Sondern: Geil, wie Schalke 04 spielt. Aber unsere Grundphilosophie wird immer sein, dass die Fans auch nach einem schlechten Ergebnis wissen, dass die Mannschaft alles gegeben hat.

SPIEGEL ONLINE: Maloche, das war Schalke immer. Dabei hat man den Eindruck, dass Ihr Club in Zukunft vor allem für außergewöhnliche Jugendarbeit stehen soll.

Heldt: Das Vertrauen in unsere Jugend ist groß. Und Jens Keller ist bereit, junge Spieler zu integrieren. Aber es ist nicht das erste, woran die Menschen denken sollen, wenn der Name Schalke fällt. Das sind eher Begriffe wie Leidenschaft oder Emotion.

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie Angst haben, als Ausbildungsverein zu gelten?

Heldt: Ich glaube, wir haben da eine sehr gute Mischung. Die Entwicklung junger Spieler ist direkt verbunden mit der Unterstützung durch erfahrene wie Höwedes, Boateng, Neustädter, Huntelaar. Zu meiner Zeit musstest du erst mal die Alukiste tragen und warst froh, wenn du allen Guten Morgen sagen durftest. Ohne Führungsspieler würden die Jungen zerbrechen, Qualität hin, Qualität her.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren auch mal ein junger Spieler - und galten in Köln als "neuer Häßler". Wie sind Sie damit umgegangen?

Heldt: Ich bin gelernter KFZ-Mechaniker. Mit der Ausbildung kann ich heute nicht mehr viel anfangen, aber die drei Jahre waren trotzdem wichtig. Ich wusste, was es bedeutet, hart zu arbeiten und im Regen die Autos zu waschen. Ich glaube, das hat mir geholfen, am Anfang meiner Profikarriere nicht abzuheben.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie Vorbilder?

Heldt: Pierre Littbarski. Er war ein Führungsspieler, aber auch ein Kind, das jeden Spaß mitgemacht hat. Einmal hat er mir über zwei Tage immer wieder gesagt, dass Trainer Morten Olsen gar nicht zufrieden mit mir sei. Ich bin schweißgebadet nach Hause gegangen und habe mich gefragt, was ich bloß falsch gemacht hatte. Dann ging ich zu Olsen und stellte ihn zur Rede, aber der lachte nur und sagte, alles sei wunderbar. Das war Littis Humor. Er hatte aber auch ein unglaubliches Gespür, einen in schlechten Zeiten aufzubauen. Er war wie ein Vater für mich.

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Seite 1
kone 09.05.2014
1. Ich weiß nicht ...
Zitat von sysopDPAIm Winter galt Schalke noch als Chaos-Club, am Samstag kann sich der Verein direkt für die Champions League qualifizieren. Was ist passiert? Manager Horst Heldt über die Qualitäten von Trainer Keller - und Freundschaft im Profifußball. http://www.spiegel.de/sport/fussball/horst-heldt-schalke-manager-ueber-magath-keller-champions-league-a-968385.html
... wie es die S04-Fans sehen, aber nach meiner Beobachtung hat Schalke gegenwärtig eine Mannschaft, die sich selbst steuern, und während des Spiels taktisch flexibel anpassen kann. Entscheidend ist dabei die offensichtlich funktionierende Hierarchie mit, K-P Boateng, aber auch Huntelaar an der Spitze. Dann noch ein paar talentierte, aber sich unterordnende Jungspunde ... ! DA braucht kein Trainer, und schon gar kein Manager allzuviel zu sagen ...! Der Laden läuft. Glückwunsch nach Gelsenkirchen!
allereber 09.05.2014
2. Jens Keller lebe hoch
Wenn ich einen entlassen würde,wäre es der Hoeneßfreund und Toilettenfotograf Tönnies.
pallmall78 09.05.2014
3. @kone
Dann antworte ich mal - als S04-Fan. Bis zu einem gewissen Grad ist an ihrer Wahrnehmung etwas dran. Allerdings darf man die absolute Ausnahmesituation dieser Saison nicht außer Acht lassen. Eine derartige Verletztenmisere wird es hoffentlich nicht noch ein zweites Mal geben. Und dann wird sich zeigen, was der von Herrn Heldt und Herrn Keller zusammengestellte Kader wirklich zu leisten im Stande ist (wenn denn mal konstant über ein paar Wochen an der Weiterentwicklung gearbeitet werden kann und nicht immer improvisiert werden muss). Noch ein Wort zu Horst Heldt selbst: ich schätze ihn sehr. Sowohl sportlich, als auch wirtschaftlich (Ja, auch das. Der Abbau der verbindlichkeiten aus dem Stadionbau läuft offenbar nach Plan) steht Schalke insgesamt gut da. Man wird aller Voraussicht nach zum 4. Mal in den letzten 5 Jahren die CL-Quali schaffen und hat bei den vergangenen drei Teilnahmen jeweils die Gruppenphase überstanden. Mehr können "Welt-Clubs" wie Arsenal auch nicht von sich behaupten.
taffy-61 09.05.2014
4. Kfz-Mechaniker
Ein ehrenwerter Beruf, wie auch der des Fußballers. Aber jetzt wird mir klar, was mit diesem Fips los ist. Hoffentlich bleibt er diesem Russenknecht-Verein moch lange erhalten, der Supermanager.
willuw 09.05.2014
5. nicht vergessen:
die Mannschaft wurde gleich besser als Jones endlich weg war.
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