HSV-Stürmer Rudnevs Reingefuchst

Artjoms Rudnevs war abgeschrieben, spielte in den Planungen des HSV keine Rolle mehr. Doch er kämpfte - und trug entscheidend dazu bei, dass die Hamburger gegen Mönchengladbach ihre Sieglos-Serie beendeten.

Aus dem Volksparkstadion berichtet

HSV-Stürmer Rudnevs (Mitte): Torschütze zum 2:1
DPA

HSV-Stürmer Rudnevs (Mitte): Torschütze zum 2:1


Nach seiner großen Tat hatte Artjoms Rudnevs nicht auch noch Lust auf große Worte. Er lief an den Reportern vorbei, verschwand in der Hamburger Kabine und ließ mitteilen, dass er für Interviews nicht zur Verfügung stehe.

Der Angreifer aus Lettland gilt als schüchtern. Dass er direkt nach Abpfiff des Spiels gegen Borussia Mönchengladbach in den Fan-Block gestiegen war, um den 3:2-Erfolg zu feiern, lag weniger an Rudnevs selbst als an Lewis Holtby, der ihn zur Kontaktaufnahme mit dem harten Kern des Publikums überredete.

Dabei ist Rudnevs der Mann der Stunde beim HSV. Seine Geschichte zeigt, dass es sich im schnelllebigen Profi-Betrieb lohnt, auf seine Chance zu warten. Rudnevs spielte in der Hinrunde keine Rolle. Er stand nicht ein einziges Mal im Kader, war zeitweise bei der zweiten Mannschaft untergebracht. Dazu kamen private Probleme.

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Sieg über Gladbach: Endlich wieder drei Punkte
Trotzdem entschied er sich, in Hamburg zu bleiben. Bei der Niederlage in Stuttgart vor zwei Wochen wurde er eingewechselt und erzielte gleich ein Tor per Flugkopfball. Beim 1:1 gegen Köln kam er ebenfalls als Joker zum Einsatz und bereitete das Tor vor. Gegen Mönchengladbach entschied sich Trainer Bruno Labbadia gegen Pierre-Michel Lasogga und für Rudnevs.

Die Maßnahme machte sich bezahlt: Bei seinem ersten Start-Einsatz seit fast einem Jahr stellte Rudnevs die Zeichen auf Sieg mit seinem Treffer zum 2:1 in der 41. Minute. Als er in der Schlussphase ausgewechselt wurde, erhob sich das Publikum. Auch die Kollegen freuten sich für den aus der Versenkung Zurückgekehrten. "In der Winterpause ist bei ihm der Knoten geplatzt. Wir sind froh, ihn zu haben", sagte Abwehrspieler Matthias Ostrzolek. "Ein Kompliment an den Jungen. Er hat sich reingebissen", lobte Holtby.

Weil Rudnevs aufblüht und der aus Mönchengladbach geliehene Josip Drmic zum ersten Mal sein Potenzial andeutete, haben die Hamburger in der Offensive mehr Variationsmöglichkeiten als noch in der Hinrunde, als sie vor allem auf Lasogga vertrauen mussten. Der Torjäger ist im Moment ein Torjäger außer Dienst. Der bisher letzte Treffer gelang ihm im November beim Sieg gegen Dortmund. Seine Versetzung auf die Bank gegen Mönchengladbach kam daher nicht ganz überraschend.

"Über Kampf und Leidenschaft zurückgekommen"

"Rudi hat schon in den Spielen zuvor sehr viel Energie reingebracht", begründete Labbadia den Wechsel im Angriff. "Schön, dass ein Spieler dranbleibt. Wer Leistung bringt, bekommt auch seine Chance." Ausschweifende Lobreden auf Rudnevs wollte der 50-Jährige allerdings nicht halten. Er ist kein Freund von Starkult und Heldenverehrung. Der HSV kann sich auf den umkämpften Plätzen zwischen gesichertem Tabellenmittelfeld und Abstiegszone keine Egoismen leisten. Die Gemeinschaft ist der Schlüssel. Tatsächlich hatte Rudnevs das Spiel gegen Mönchengladbach ja nicht im Alleingang gewonnen.

Das Team hat sich nach einer schwachen Anfangsphase inklusive 0:1-Rückstand durch Fabian Johnsons Tor in der 14. Minute "ins Spiel reingefuchst", wie Labbadia es beschrieb. "Es war beeindruckend, wie wir über Kampf und Leidenschaft zurückgekommen sind.

"Der Ausgleichstreffer in der 38. Minute steht symbolisch dafür, dass der erste Erfolg gegen Mönchengladbach nach zuletzt sechs Spielen ohne Sieg mit viel Arbeit verbunden und nicht immer schön anzusehen war. Nach einer Ecke köpfte Cléber den Ball an die Latte. Ein Befreiungsschlag misslang. Aus dem Hintergrund schoss Gideon Jung, der Ball wurde von Borussen-Verteidiger Martin Hinteregger ins eigene Netz abgefälscht.

Kurz danach traf Rudnevs. Nach einem Langstrecken-Abstoß von Torwart René Adler setzte er den Ball per Flachschuss ins lange Eck. Sein Tor bejubelte der Angreifer mit ausgebreiteten Armen, ein Lächeln war zu erkennen. Es war das Lächeln von jemandem, der nach schwierigen Zeiten wieder im Aufschwung ist.

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insgesamt 9 Beiträge
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equamicus 14.02.2016
1. Knoten geplatzt?
Der Kerl kam aus der polnischen Liga und hat auf Anhieb zweistellig getroffen! In jedem anderen Verein wäre der sofort Kult gewesen! Nur entsprach er den damals noch hochtrabenden Vorstellungen der Hamburger nicht und wurde daher systematisch klein gemacht...Dafür wurde dann für 10 Mille + vorheriger Leihgebühr ein verletzungsanfälliger Juniorennationalspieler Lasogga geholt, der natürlich ein viiiiiiel bessere Quote erzielt hat. Nichts gegen Lasogga, dem hat der HSV sicher auch viel zu verdanken, aber der Umgang mit diversen Spielern (Ilicevic, Skelbred, etc.) ist ziemlich befremdlich und schade. Aber es scheint sich ja langsam zu bessern...
troy_mcclure 15.02.2016
2. Ruuuudi
Ich freue mich für Rudnevs, dass es nach seiner auch privat schwierigen Zeit derzeit gut für ihn läuft. Er spielt immer mit sehr viel Herzblut, von daher finde ich es auch schade, dass für ihn am Saisonende Schluß ist.
Wunderläufer 15.02.2016
3. Nana
Nicht überschwenglich werden. Der Sieg des HSV war verdient, keine Frage. Nur muss man sehen, dass Schubert noch nicht mal ansatzweise eine passable Defensive auf die Reihe bekommt. Das 2:1 und 3:1 waren amateurhaft; und dieses Unvermögen zieht sich schon seit Monaten durch alle Spiele durch
jujo 15.02.2016
4. ...
Da fange mal ganz entspannt und nüchtern an zu rechnen. Es ist soweit ich mich erinnere, noch keine Mannschft mit 35 Punkten in die Relegation gegangen. Das sind für den HSV noch 9 Punkte aus 13 Spielen, das sollte klargehen. Der HSV hat diese Saison nichts mehr mit dem Abstieg zu tun. Nun ja, Pferde und Apotheke, schaun wir mal.
wassertitan 15.02.2016
5. Nur Rudnevs?
Mir gefällt diese Fokussierung auf einen einzelnen Spieler nicht. Rudnevs hat ein Tor gemacht (er hat auch schon unglaublich viele 100 %ige vergeben). Die anderen beiden Tore haben Jung (mit Hilfe eines Gladbachers) und Illicevic erzielt. An den Toren wie auch Gegentoren ist immer die ganze Mannschaft beteiligt. Also bitte keine Storys mit Fokus auf einen Spieler a la "Wie Phönix aus der Asche aufgestiegen" Was den Sieg aufwertet war der Kampf gegen eine Gladbacher Mannschaft, die eine sehr gute Saison spielt. Wer hätte vor dem Spiel ernsthaft an einen Sieg des HSV geglaubt? Um so schöner war es am Ende natürlich, dass bei der Heimmannschaft 3 und bei der Auswärtsmannschaft 2 Tore zu Buche standen.
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