HSV-Coach Fink: Ein Trainer für gewisse Stunden

Von , Leverkusen

Drei Spiele, drei Unentschieden: Die Bilanz von Thorsten Fink ist bescheiden. Trotzdem hat Hamburgs neuer Trainer einiges bewirkt. Die HSV-Spieler stecken Woche für Woche Rückschläge wie den Rückstand in Leverkusen weg - und glauben wieder an sich selbst.

HSV-Aufholjagd: Punkteteilung in Leverkusen Fotos
Getty Images

Fußballtrainer aus dem Tabellenkeller, die schon wieder nicht gewonnen haben, greifen gerne zu den gleichen rhetorischen Mitteln. Entweder sie kritisieren ihre Mannschaft rabiat, um sich selbst zu schützen und vielleicht auch um die Spieler zu kitzeln. Oder sie loben "den Charakter und die Moral" ihres Teams, das sich immerhin bemüht habe.

Auch wenn meist weder die eine noch die andere Strategie wirklich überzeugend ist, hat sich Thorsten Fink, der Trainer des Hamburger SV, nach dem 2:2 des hanseatischen Abstiegskandidaten bei Bayer Leverkusen für die zweite Variante entschieden. Und auch bei Fink wirkte das Lob beim Blick auf die Zahlen zunächst wie ein psychologischer Kunstgriff.

Seit drei Bundesligaspielen trägt der 44-Jährige die Verantwortung für die Hamburger, gewonnen haben sie seither nicht. Vielmehr warten die Fans des Traditionsclubs vergeblich auf die befreiende Kraft, die Trainerwechsel so oft freisetzen. Und doch murmelten selbst die schärfsten HSV-Kritiker, die Männer vom Boulevard, anerkennende Worte in die Herbstnacht, als sie die Leverkusener Arena verließen.

Reanimation des Selbstvertrauens

"Das macht er gut", sagte einer nach der kleinen Diskussionsrunde mit Fink kurz vor der Abfahrt des Mannschaftsbusses, andere nickten zustimmend. Denn Fink hat zwar bisher - abgesehen vom quälenden Pokalerfolg nach Verlängerung in Trier - keinen Sieg zu Stande gebracht, dafür ist ihm etwas anderes gelungen. Etwas noch wichtigeres: die Reanimation des Selbstvertrauens. Denn spätestens seit dem Abend von Leverkusen zweifelt kaum mehr jemand an der Bundesliga-Tauglichkeit dieses Hamburger Kaders.

Marcell Jansen war regelrecht euphorisiert, als er den Moment der Erleuchtung beschrieb: "Auf einmal merken wir, wenn wir das machen, was der Trainer will, dass wir dann gut spielen, dass wir einen Gegner dominieren können", sagte der ehemalige Nationalspieler. Irgendwann so um die 30. Minute war diese elementare Erkenntnis im Team gereift, obwohl die Werkself nach Treffern von Schürrle (6.) und Bender (20.) bereits 2:0 führte.

Fink verlange, dass die Hamburger "auf Ballbesitz" spielen, dass "keiner sich versteckt", erläuterte Jansen. Vielleicht war es der Mut der Verzweiflung, vielleicht spielte auch eine zur Bequemlichkeit neigende Leverkusener Mannschaft eine Rolle, jedenfalls spielte der HSV nach Heiko Westermanns Kopfballtor zum 2:1 (34.), ziemlich genau so, wie Fink sich das vorstellt. "Ich bin sehr, sehr zufrieden mit dieser letzten Stunde", sagte der Trainer, die Mannschaft könne "fighten, sie hat Qualität", vor allem aber sei sie auch in der Lage, wirklich Fußball zu spielen.

Die Kämpferqualitäten bewies das Team auch in der Vorwoche. Da lag es im Heimspiel gegen Abstiegskandidat Kaiserslautern ebenfalls zurück und musste nach einer Roten Karten gegen Slobodan Rajkovic gut eine Stunde mit nur zehn Spielern auskommen. Wieder ging diese Stunde klar an die Hamburger, was für die Moral des Teams spricht.

Töre brachte die Wende

Dabei sind es immer wieder einzelne Spieler, die in prekären Situationen Verantwortung übernehmen. In Leverkusen war dies Gökhan Töre. Der 19-Jährige Mittelfeldmann hat die Leverkusener derart in Angst und Schrecken versetzt, dass Robin Dutt seine hoch veranlagte Mannschaft umbaute und in der zweiten Hälfte eigens Lars Bender abstellte, um den Deutsch-Türken zu bremsen.

Dennoch bereitete Töre Jansens Ausgleich vor (57.). Letzterer entwickelte die Torgefahr seiner besten Tage, auch Paolo Guerrero wird nach seiner schweren Zeit immer selbstbewusster, und sogar ein Typ wie Dennis Diekmeier ist plötzlich eine hilfreiche Arbeitskraft. "Man sieht, dass die Mannschaft etwas gelernt hat", stellte Fink fest.

Und wenn es schon keinen Sieg zu feiern gab, so lobt Fink zumindest die ausgeprägte Fähigkeit zum Widerstand. "Was wir im Moment wegstecken, ist hervorragend", sagte er, "wir haben in allen Spielen Rückstände aufgeholt, gegen Kaiserslautern sogar mit zehn Mann". Und hätte der (durchaus gut pfeifende) Knut Kircher sich in einigen Situationen anders entschieden, dann hätten die Hamburger tatsächlich gewinnen können.

Es gab Momente, in denen auch nach der dritten Zeitlupe nicht klar war, ob ein elfmeterreifes Foul vorliegt (Töre an Bender, 69.), Abseitsstellungen, bei denen die Experten noch eine Stunde nach dem Spiel stritten, ob hier ein Pfiff angebracht gewesen wäre (bei Benders Treffer zum 2:0), oder Fouls in der Grauzone zwischen Gelber und Roter Karte (Reinartz an Tesche, 80.). Vor allem aber gab es den Treffer von Marcell Jansen, den Kircher wegen eines (eher zaghaften) Ellenbogeneinsatzes Guerreros nicht gelten lassen mochte (41.).

Die Schiedsrichter hätten all diese Szenen auch andersherum bewerten können, ohne, dass ihnen später jemand große Vorwürfe gemacht hätte. "Irgendwann, wenn wir einen besseren Lauf haben, gleicht sich das wieder aus", sagte Fink, und es spricht viel dafür, dass dieser bessere Lauf sehr bald beginnen wird.

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insgesamt 34 Beiträge
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1. #
levitian 06.11.2011
Zitat von sysopDrei Spiele, drei Unentschieden: Die Bilanz von*Thorsten Fink ist bescheiden. Trotzdem hat Hamburgs neuer Trainer einiges bewirkt. Die HSV-Spieler stecken Woche für Woche Rückschläge wie den Rückstand in Leverkusen weg - und glauben wieder an sich selbst. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,796129,00.html
Na, immerhin. Sie spielen unter den neuen Coach zwar nicht erfolgreicher, aber nehmen die Niederlagen gelassen hin. Wenn dies die Vorgabe für den Trainer war, ärgere ich mich, nicht selbst eine Offerte zur Übernahme des Trainneramts in Hamburg abgegeben zu haben. Denn dafür reichen meine Qualifikationen bei weitem aus.
2. Ein Erflog in Leverkusen
kellitom 06.11.2011
Ein Unentschieden in Leverkusen ist doch ein toller Erfolg. Der HSV kommt bald da unten raus, das ist sicher. Die Mannschaft spielt viel besser als zuvor!
3. Entschuldigung?
hatem1 06.11.2011
Zitat von levitianNa, immerhin. Sie spielen unter den neuen Coach zwar nicht erfolgreicher, aber nehmen die Niederlagen gelassen hin. Wenn dies die Vorgabe für den Trainer war, ärgere ich mich, nicht selbst eine Offerte zur Übernahme des Trainneramts in Hamburg abgegeben zu haben. Denn dafür reichen meine Qualifikationen bei weitem aus.
Ich weiß nicht, über welche Mannschaft Sie schreiben. Der HSV (um den es in dem Atikel geht) hat seit der Übernahme des Traineramtes durch Fink jedenfalls nicht verloren, sondern immer einen Rückstand aufgeholt. Steht doch alles im Artikel.
4. Welche Niederlagen?
cantaricky 06.11.2011
Zitat von levitianNa, immerhin. Sie spielen unter den neuen Coach zwar nicht erfolgreicher, aber nehmen die Niederlagen gelassen hin.
Welche Niederlagen? Sind sie nicht bisher ungeschlagen unter Finke…?
5. Wenn die Schiris nicht linken würden, sähe Finks Bilanz besser aus
clausdavid 06.11.2011
Thorsten Fink vorzuwerfen, dass der HSV noch nicht unter ihm gewonnen hat, ist ja nun völlig irre. Zum einen muss er die Arbeit von Amateuren auf seinem Posten aufarbeiten, ein System in die Mannschaft bekommen usw. Zum anderen würde ich sagen, dass gestern ein Treffer aberkannt wurde (die Kommentatoren konnten auch nach dritten Slowmotion nicht erkennen, warum) wie auch schon im Spiel zuvor (wo der eh merkwürdige Schiri schon Rajkovic eine unberechtige Rote gegeben hatte). Fink kämpft auch noch gegen den Hass und Neid des DFB, von Kicker und Bild, der Schiris etc. Alles, was man liest und hört, ist 1a. Siege gegen Hoffenheim, Nürnberg und Augsburg, unentschieden gegen Hannover und Mainz wären vor der Pause natürlich hilfreich.
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