Wieder ein Trainer weg beim HSV Die Definition von Wahnsinn

Der HSV hat wieder den Trainer entlassen. Das macht er im Schnitt alle sieben Monate. Diesmal könnte die Maßnahme sogar sinnvoll sein - doch die Begründung des Vereins macht wenig Hoffnung.

Frank Wettstein, Vorstand des HSV
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Frank Wettstein, Vorstand des HSV

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18. Achtzehn. Das ist die Anzahl der Cheftrainer, die für die Bundesligamannschaft des Hamburger SV in den vergangenen zehn Jahren verantwortlich waren. Im Schnitt hat ein HSV-Coach in dieser Zeit nicht einmal sieben Monate gewirkt, bevor seine Zeit abgelaufen war.

Angesichts dieser Rahmendaten ist die anhaltende Erfolglosigkeit des Traditionsvereins, die in dieser Saison wohl in den Abstieg in die zweite Liga münden wird, keine Frage von individuellem Versagen mehr. Sie ist strukturell bedingt. Ein Trainer, der einen Abstiegskandidaten mitten in der Saison übernimmt, ohne Vorbereitungszeit, ohne Möglichkeit, den Kader nach seinen Vorstellungen umzubauen, hat ungleich schlechtere Voraussetzungen als jeder andere Coach.

Es ist nur logisch, dass ein Verein, der sich Jahr für Jahr diese Nachteile leistet, irgendwann nicht mehr genug Punkte sammeln kann, um seine Ziele zu erreichen - selbst, wenn das Ziel nur der Klassenerhalt ist. Paradoxerweise ist die aktuelle Trennung des Klubs von Bernd Hollerbach dennoch nachvollziehbar. Die Bilanz unter dem unglücklichen Franken war einfach zu schlecht und unterbot die seiner Vorgänger deutlich.

Zu kritisieren ist im Nachhinein sicher die Entscheidung, sich überhaupt von Hollerbachs Vorgänger Markus Gisdol zu trennen: Als der im Januar gehen musste, hatte der HSV einen Punkt Rückstand auf den Relegationsplatz. Inzwischen sind es sieben Punkte. Dass man einen gravierenden Fehler gemacht hat, kann zwar kein Argument dagegen sein, ihn zu korrigieren. Um aber aus dem Teufelskreis der ständigen "Neuanfänge" auszubrechen, in dem jede Umwälzung die Aussichten der nächsten Umwälzung verschlechtert, wäre es wichtig, jetzt die richtigen Weichen für die zweite Liga zu stellen.

Denn dort wird der HSV ab dem Sommer erstmals spielen, wenn kein Wunder geschieht. Doch Klubvorstand Frank Wettstein begründete den Wechsel zum bisherigen U21-Trainer Christian Titz so: "Wir werden den Fokus auf die Erstklassigkeit und alle damit zusammenhängenden Maßnahmen richten." Titz gilt als Fachmann mit großen analytischen Qualitäten, seine Reserve steht in der Regionalliga Nord auf dem ersten Tabellenplatz. Dennoch bekam er die Aufgabe nur bis zum Saisonende übertragen, dann soll Gerüchten zufolge ein namhafterer Coach übernehmen.

Was die Frage aufwirft: Was will der HSV denn nun? Soll alles getan werden, um den Abstieg zu vermeiden? Dann wäre die Maßnahme, als dritten Trainer der Saison jemanden zu verpflichten, der noch nie im Profibereich gearbeitet hat, ein absurdes Risiko. Oder geht es darum, jetzt schon mit dem fälligen Neuanfang zu beginnen? Dann hätte man jetzt gleich den Coach verpflichten sollen, dem das Vertrauen für die Zukunft gehört - oder halt mit Hollerbach weitermachen, wenn der neue Mann noch nicht zur Verfügung steht.

"Wir sahen uns zum Handeln gezwungen", so Wettstein auf der vereinseigenen Website. Dem könnte ein Missverständnis zugrunde liegen. Handeln sollte nicht anhand der Motivation fürs Handeln beurteilt werden - sondern an der Qualität des Handelns selbst. Und was erwartet der HSV von seinem neuen Trainer Titz? Wettstein dazu: "Dass er sich einzig und allein auf die verbleibenden Aufgaben und die Mannschaft konzentriert." Also genau das, was alle seine Vorgänger auch gemacht haben.

Das erinnert an die überstrapazierte Definition von Wahnsinn, die fälschlich Albert Einstein zugeschrieben wurde: Verrücktheit sei es, die gleiche Sache immer und immer wieder zu versuchen, aber auf einen anderen Ausgang zu hoffen.

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insgesamt 19 Beiträge
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pirx64 12.03.2018
1. egal
Hauptsache, der HSV steigt endlich ab, nachdem man sich dubios in den Relegationsspielen, vor allem in Karlsruhe, durchgemogelt hat. Und dann wird es spannend, ob überhaupt eine Lizenz für Liga 2 oder 3 vergeben wird.
pfalzkapelle 12.03.2018
2. Es gibt eine bessere Lösung als den Abstieg
Der HSV stellt zum Saisonende einfach den Spielbetrieb ein und löst die Fussballmannschaft auf. Das wird wohl die beste Lösung für alle sein. Sofern Geld übrig bleiben sollte, St. Pauli freut sich sicher....
PatoPatarParapo 12.03.2018
3. Ich hege keinerlei Sympathien
für den HSV aber ich wünsche mir allein dem Namen wegen und der Stadt, einen gesunden Neuanfang in der zweiten Liga. Jahrelange inkompetente Führung und Finanzpolitik gab es auch beim VfB auch wenn medial dank den Elbmedien nicht sonderlich viel kommuniziert und man muss sagen die zweite Liga hat diesem Verein gut getan. Hannes Wolf wäre eine Option für den HSV, er kann zweite Liga
Sal.Paradies 12.03.2018
4. Geht doch nicht anders
Dass Hollerbach gehen musst ist konsequent und richtig. Und in dieser Phase stand, ausser Titz ja niemand wirklich zur Verfüung, denn Geld für einen "normalen/arrivierten" Trainer wird es nicht mehr gegeben haben. Und was sollen die verbliebenen beim HSV schon sagen? WIr richten den Fokus zu 100% auf die 2.Liga? Das wäre faktisch ein Freibrief für die noch spielenden Profis sich komplett gehen zu lassen. Solange es rechnerisch noch möglich ist, können die offiziell nix anders sagen, ansonsten können die gleich ihre Profis auffordern ihre Restzeit im Kasino zu verbringen, weil mehr wie absteigen kannst du nichit, egal wie viele Buden die sich noch einfangen, oder.... ;-)
halverhahn 12.03.2018
5. Super Kommentar hier!!
Und das Beste zum Schluss, was haargenau in den letzten Saisonen zum HSV gepasst hat: Verrücktheit sei es, die gleiche Sache immer und immer wieder zu versuchen, aber auf einen anderen Ausgang zu hoffen. Super Zitat von Einstein!!!
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