Hamburger SV: Schwarze Null statt schwarzem Loch

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Der Aufsichtsratsvorsitzende Otto Rieckhoff ist abgetreten, die Frauen-Bundesligamannschaft wurde zurückgezogen - der HSV kommt nach der katastrophalen Saison nicht zur Ruhe. Laut Club-Chef Carl-Edgar Jarchow fehlt es vor allem an Geld, doch auch zwischenmenschlich läuft es nicht rund.

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dapd

Hamburg - Er war gekommen, um es besser zu machen. Carl-Edgar Jarchow sollte den Hamburger SV aus seiner finanziellen, sportlichen und zwischenmenschlichen Krise führen. Dafür war er vor einem guten Jahr zum Vorstandsvorsitzenden gewählt worden - und sein Vorgänger Bernd Hoffmann musste nach fast zehn Jahren den Posten räumen. Die HSV-Supporters, die größte Fangruppierung und im Aufsichtsrat des Clubs vertreten, hatten gehofft, dass der Hanseat Jarchow den HSV endlich wieder mit Seele zum Erfolg führen würde. Ein Trugschluss.

Jarchows bisherige Bilanz: Die Bundesligamannschaft hat die schlechteste Saison in der Vereinsgeschichte gespielt. Der Verein rechnet erneut mit einem Minus von rund sechs Millionen Euro. Und trotz aller Eintrachtsbeteuerungen hat der Rücktritt des Aufsichtsratsvorsitzenden Otto Rieckhoff gezeigt, dass offenbar auch menschlich beim HSV immer noch - oder schon wieder - einiges im Argen liegt.

Jarchow sieht das natürlich anders. "Ich bilde mir ein, dass das Klima innerhalb des Vorstands harmonischer ist", sagt er. Bestätigung für seinen Führungsstil hätten er und Vorstandskollege Joachim Hilke mit der vorzeitigen Vertragsverlängerung bis 2015 erhalten. Laut Otto Rieckhoff wollte ihnen der Aufsichtsrat damit für besonnenes Handeln im Abstiegskampf danken. Die frühe Verlängerung sei eine Anerkennung für die Saisonleistung gewesen - die mit viel Glück auf Platz 15 der Bundesliga geendet hatte.

Ein Zeichen der Geschlossenheit im oft zerstrittenen Gremium - hätte man meinen können. Denn kein anderer als Rieckhoff selbst hatte der Mitgliederversammlung vorgeschlagen, den Rat deutlich zu verkleinern, um den Weg für einen Neuanfang zu machen - allerdings ohne vorher mit seinen Kollegen darüber gesprochen zu haben. Bei ihnen fand Rieckhoffs Anliegen erwartungsgemäß wenig Anklang. Die Konsequenz: Der Vorsitzende trat nach Anfeindungen aus den eigenen Reihen zurück.

Als Zerwürfnis des Gremiums möchte Jarchow das nicht werten. Und sollte es je Probleme gegeben haben, so "waren die nur temporär". Die anhaltenden Differenzen während des Hoffmann-Jahrzehnts etwa hätten "an den handelnden Personen" gelegen, sagt er. Das treffe auch auf die aktuelle Situation zu: Wenn die falschen Charaktere zusammensäßen, nütze eben auch eine Verkleinerung des Gremiums nicht.

"Bundesligamannschaft nicht kaputt sparen"

Mit dem Pflegen einer Vereinsseele hat derlei Geschachere wenig zu tun. Es geht um Macht und um das Geschäft. Schwarze Zahlen waren eines der vielen verfehlten Ziele der vergangenen Saison, diesmal wolle man es besser machen, sagt Jarchow. Um die Schulden abzubauen, die sich laut Jarchow in erster Linie aus dem zehn Jahre zurückliegenden Stadionneubau, aus zu hoch dotierten Profiverträgen und fehlenden Fernseheinnahmen ergaben, hatte sich der Verein schon 2011 einen radikalen Sparkurs verordnet. Der Bundesligaetat wurde verkleinert; zehn Spieler verließen den Verein. In der kommenden Saison wird es nicht einfacher werden: Der Etat wurde noch einmal auf 35 Millionen Euro eingedampft.

Leidtragender der Sparmaßnahmen ist kurioserweise zuerst der Frauenbereich: Nach dem Rückzug der zweiten Mannschaft im vergangenen Jahr hat der HSV nun sein Bundesligateam abgemeldet. Die Begründung: Der Frauenfußball stelle nach wie vor ein Zuschussgeschäft dar, dessen Gesamtetat von jährlich 750.000 Euro vom Bundesligabereich finanziert werde. "Jedes Jahr kommt von den Bereichsverantwortlichen die gleiche Aussage: 'Das wird bald anders. Nächstes Jahr haben wir die Sponsoren und die Vermarktung'. Doch es ist nichts passiert", sagt Jarchow. Daran habe auch die Frauen-Fußball-WM 2011 nichts geändert. Noch immer kämen im Durschnitt nicht mehr als 300 Zuschauer zu den Spielen, für Werbepartner sei Frauenfußball uninteressant.

Der HSV ist zwar ein eingetragener Verein - aber er ist auch ein mittelständisches Unternehmen. Nach Ansicht des Unternehmenschefs Jarchow ist es deshalb verständlich, dass die Haupteinnahmequelle Bundesliga "nicht kaputt gespart" werden dürfe. Stattdessen wurde sie kürzlich namhaft gestärkt: Mit dem ehemaligen Nationalspieler René Adler wurde der vierte Torwart für den HSV unter Vertrag genommen. Für 2,7 Millionen Euro Gehalt im Jahr. Dabei war der Verein gerade froh, hoch dotierte Spieler wie Ruud van Nistelrooy oder Zé Roberto nicht mehr auf der Payroll zu haben.

"Wenn wir Geld einsparen und gleichzeitig unsere Mannschaft stärken möchten, bedeutet das für uns, dass wir kreativ sein müssen", sagt Jarchow. Kreativität hätte der Verein aber weniger mit der Verpflichtung von Adler oder dem Rückzug der Frauenmannschaft als mit durchdachten Personalentscheidungen beweisen können. Während der HSV über Fananleihen und eine verlängerte Stadionfinanzierung nachdenkt, hat das Nachwuchsleistungszentrum mittlerweile den dritten Leiter in einem Jahr, in der Geschäftsstelle und rund um den Vorstand kam es nach dem Ende der Hoffmann-Ära zu zahlreichen Entlassungen und Neuanstellungen. Die Stimmung war zeitweise im Keller, viel Mitarbeitermotivation ging so verloren.

Ein Jahr ist seit den Umbrüchen vergangen, die Schonfrist für das Bundesliga-Urgestein ist vorbei. Für die nächste Saison hat der Verein sich vorgenommen, trotz verkleinerten Etats wieder in den Kampf um die europäischen Qualifikationsplätze einsteigen zu wollen. Geld spiele im Profifußball eine große Rolle, sagt Jarchow, "aber ich glaube nicht daran, dass es automatisch die Qualität der Bundesligamannschaft bestimmt". Und die Vereinsseele bestimmt es erst recht nicht.

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insgesamt 42 Beiträge
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1. Hsv
mooringman 30.05.2012
Der HSV hat viele Probleme,sportliche wie auch Vereinspolitische. Der Fisch stinkt am Kopf,beim HSV fängt es bei Herrn Jarchow an zu stinken und geht weiter in den Aufsichtsrat bis zu hin zu den Supporters und den Ultra Fanklubs. Ich sehe schwarz für die Zukunft des Vereines mit diesen Strukturen. Das man noch in der 1. Liga ist,hat man nur dem Herrn Preetz in Berlin und dem Kölner Chaosklub zu verdanken.
2. Anspruch Weltstadtverein
Herzbubi 30.05.2012
eine Regenerieung in der 2. Liga hätte dem HSV sicher gut getan. Aber Anspruch und Wirklichkeit klaffen wieder mal weit auseinander. Aber Hauptsache der HSV wird hier bei Spon wieder in den Fokus genommen. Naja Reisekosten enstehen ja keine nur es interessiert auch niemanden.
3. wie im richtigen Leben...
desmoulins 30.05.2012
Also auch hier: bei den 'kleinen Leuten' (hier: der Frauenmanschaft) wird gespart um es den 'Grossen' der Profimannschaft auch weiterhin in den Allerwertesten schieben zu koennen, und das trotz nachweislicher Leistungsverweigerung der letzteren. Irgendwie ueberrascht das alles nicht.
4. Nicht vergessen!
01mcka 30.05.2012
Zitat von desmoulinsAlso auch hier: bei den 'kleinen Leuten' (hier: der Frauenmanschaft) wird gespart um es den 'Grossen' der Profimannschaft auch weiterhin in den Allerwertesten schieben zu koennen, und das trotz nachweislicher Leistungsverweigerung der letzteren. Irgendwie ueberrascht das alles nicht.
Schön auch das durch den nun frei gewordenen Etat der Frauenmannschaft von 750.000 € "ein" Freundschaftsspiel zum 125. jährigen Vereinsjubiläum gegen FC Barcelona statt finden kann. Antrittsprämie für die liegt bei 1 Mio. €... Das bekommt man nicht in den Kopf, dass für sowas eine ganze Mannschaft aus der 1. Bundesliga abgemeldet wird. Dann verzichte ich doch eher auf das Spiel, welches sehr wahrscheinlich mal wieder nicht ausverkauft sein wird... Schön auch das man 4 Torhüter hat. Neues Spiel-System 4:2:4:1 ? Der HSV sollte sich mal überlegen, wie solch eine Meldung bei Beobachtern der derzeitigen Situation ankommt. Die Vereinsführung ist einfach nur zu belächeln. 2. Liga lässt vielleicht mal auf den Boden der Tatsachen zurück kommen...
5. Hamburg und Herzbubi
gepardo! 30.05.2012
Der Schnitt letztes Jahr war groß und es bleibt zu hoffen, dass nun all die "Neuen" von Jarchow über Arnesen bis Fink lang genug dabei sind um einen Aufwärtstrend herbeizuzaubern. Und als gut informierter HSVer kann ich die meisten Entscheidungen gut mittragen auch wenn sie nicht immer populär waren... ...bis auf die Frauenmannschaft, da hat man sich vertan. Aber das ist sicher nicht die größte Baustelle. Noch etwas: Ich kann jedem empfehlen mal auf den Namen Herzbubi (s.o.) zu klicken. Alle, wirklich alle, Kommentare sind so sehr von Hass auf Hamburg (inklusive HSV) geprägt, dass es schon fast wieder lustig ist. Was muss passieren, um in hundert Kommentaren ausschliesslich gegen eine Stadt zu wettern?!?
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