Von Benjamin Knaack
Nun ist der Hamburger SV wieder da, wo er eigentlich nie mehr hinwollte: Im Mittelfeld, gestrandet im langweiligen Teil der Tabelle, auf Platz neun. Hier passiert einem Team nicht viel, mal gewinnt man, mal gehen Spiele verloren. Mal klettert man ein, zwei Plätze, dann fällt man wieder. Die Bilanz der Hamburger nach 15 Spieltagen: sechs Siege, drei Unentschieden und sechs Niederlagen. Durchschnittlicher geht es nicht.
"Wir müssen aufhören, über Ziele zu reden oder irgendwelche Serien anzupeilen. Wir müssen uns nur auf das nächste Spiel konzentrieren", sagte Torwart Frank Rost nach der 0:1-Pleite in Freiburg - und wischt damit die Träumereien in der Hansestadt von Champions oder Europa League vom Tisch. Auch Coach Armin Veh zeigte sich enttäuscht: "Das ist insgesamt zu wenig und nicht der Fußball, den ich mir vorstelle."
Seine tatsächlichen Vorstellungen beschrieb er noch vor der Saison: "Wir wollen zeigen, was wir können" hatte Armin Veh damals in der "Welt am Sonntag" gesagt, und: "Wir wollen nicht mit großen Worten auffallen. Wir wollen Taten sprechen lassen."
Wenn man sich einige Taten, sprich ein paar Ergebnisse des HSV anguckt, könnte man meinen, der Nordclub würde um den Titel mitspielen: 2:1 gegen Vorjahres-Vizemeister Schalke 04 am ersten Spieltag, 1:0 bei den bis dahin ungeschlagenen Mainzern, ein achtbares 0:0 gegen Rekordmeister Bayern München, dazu ein 2:1 gegen Hoffenheim und ein 4:2 gegen den VfB Stuttgart.
Wenn es darauf ankommt, dann patzt der HSV
Doch die Ergebnisse täuschen: Bundesliga-Auftaktsiege wie der gegen Schalke haben meist keine große Aussagekraft. Zudem spielt das Team von Felix Magath keine gute Saison. Stuttgart ist auch nicht annähernd so stark wie in den vergangenen Spielzeiten, sondern kämpft gegen den Abstieg. Und wie es um den FC Bayern in dieser Saison bestellt ist, weiß man spätestens seit dem gestrigen Auftritt in Gelsenkirchen.
Die Hamburger Siege können nicht über die unnötigen Niederlagen hinwegtäuschen: 2:3 gegen in dieser Spielzeit desolat auftretende Bremer, 2:3 gegen Abstiegskandidat Köln. Dass man gegen den Titelkandidaten Nummer eins, Borussia Dortmund, auswärts 0:2 verlieren kann, ist unbestritten - doch wenn man Europacup-Ambitionen hegt, darf man sich in Spielen gegen Hannover, gegen St. Pauli und gegen Freiburg keine Punktverluste leisten. Doch der HSV holte nur einen Zähler aus diesen Partien.
Dabei ist es in dieser Saison so einfach, nach oben zu kommen. Hinter Dortmund spielt derzeit kein Team wirklich konstant. Auch der HSV hätte mit einem Sieg gegen Freiburg auf dem fünften Platz stehen können, selbst jetzt sind es nur drei Punkte Abstand. Doch in entscheidenden Phasen haben die Hamburger in der Vergangenheit schon häufig gepatzt. Das war nicht nur in der denkwürdigen Saison 2008/2009 so, als man auf der Zielgeraden drei mögliche Titel verspielte. Auch in dieser Spielzeit präsentiert sich das Team ähnlich nervös: "Immer, wenn wir oben rankommen können, sind wir nicht da", sagt Veh.
Die Abwehr ist schwach, der Sturm nicht viel besser
Besonders die Auswärtsschwäche des HSV ist alarmierend: Von acht Spielen in der Fremde konnten nur zwei gewonnen werden - zuletzt verloren die Hamburger vier Bundesliga-Auswärtsspiele in Folge. Da wird auch der Kapitän ratlos: "Ich weiß nicht, wie wir uns das vorgestellt haben, auswärts bestehen zu wollen, wenn wir so spielen wie in den ersten 20 Minuten", sagte Heiko Westermann.
Man muss dem HSV zugutehalten, dass er in dieser Saison von Personalsorgen gebeutelt ist. Ständig fehlen Stammspieler: Vor der Niederlage gegen Köln meldeten sich sowohl Mittelfeld-Routinier Zé Roberto als auch WM-Fahrer Marcell Jansen ab, Abwehrchef Joris Mathijsen fehlt seit seinem Bänderriss im Länderspiel der Niederlande gegen die Türkei im November. Angreifer Mladen Petric kämpft schon die ganze Saison mit Verletzungen. Auch Stammtorwart Frank Rost fehlte einige Spiele. Immerhin: Gegen Freiburg feierte Nationalspieler Dennis Aogo sein Saisondebüt.
Man weiß so recht gar nicht, an welchem Mannschaftsteil man die HSV-Misere wirklich festmachen soll. Zu sagen, dass der Club ein Sturmproblem hat, trifft es nicht ganz: Denn der HSV hat auch ein Abwehrproblem. 23 geschossene Tore (nur vier Teams haben weniger erzielt) stehen 23 kassierten entgegen (nur fünf Teams haben mehr gefangen). "Wir haben nicht schnell genug gespielt und hatten zu wenig Durchschlagskraft", sagt Veh.
Auf die Fans kann sich der HSV noch immer verlassen. Das Stadion ist meist voll, weniger als 50.000 Zuschauer waren es in dieser Saison nie. Doch der Verein wird aufpassen müssen, dass er die als kritisch bekannten Anhänger nicht vergrault. Noch pilgern sie nach Hamburg-Stellingen, vielleicht aus Treue, vielleicht im guten Glauben, dass es doch noch besser wird. Vielleicht einfach aus Gewohnheit. Doch bei einem Rückfall in die Tristesse der späten achtziger und neunziger Jahre, als ein Uefa-Cup-Platz 1989 das höchste der HSV-Gefühle war, wird sich das wohl ändern.
Mit Material von sid und dpa
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