HSV-Investor Kühne Sommertheater um Onkel Klaus' Millionen

Ein Fan als Geldgeber: Beim Hamburger SV hat sich der Milliardär Klaus-Michael Kühne finanziell an Spielereinkäufen beteiligt. Weil er diese Zugänge öffentlich negativ bewertete, hagelte es Kritik, die Kooperation schien beendet - ein Irrtum. Kühne will weiter beim HSV investieren.

Von Jörg Kramer

dpa

Gegen die Fenster im elften Stock tropft Hamburgs klassisches Nieselwetter, unten am Kreuzfahrtterminal liegt seltsam beiläufig die monumentale "Queen Mary 2". Klaus-Michael Kühne, 73, wählt im leeren Konferenzraum einen Platz mit Ausblick auf das ankernde Schiff und den Hafen, so oft ist er schließlich auch nicht hier. Er liebt diese Stadt.

Es ist die Hamburg-Dependance des Logistikunternehmens, das einst sein Großvater gründete, vor 35 Jahren ist die Familie mit "Kühne + Nagel" in die Schweiz ausgewandert. Mehrheitsaktionär Kühne hat es mit einem geschätzten Vermögen von rund fünf Milliarden Euro zum angeblich sechstreichsten Deutschen gebracht. Ausgerechnet in seiner Heimatstadt wurde er jetzt zum Buhmann.

Darüber will er reden, "das habe ich nicht verdient", sagt er. Kühne hat sich mit dem Profifußball eingelassen, mit seinem Geld dem Hamburger SV helfen wollen. Dessen Mannschaft hat er schon vom Stehplatz aus bewundert, als Uwe Seeler noch spielte. Jetzt hat er wohl die Strömungen unterschätzt. Und er hat die Probleme nicht gekannt, die den Fußball chronisch heimsuchen, sobald er externe Finanzmittel generiert.

Kühne wollte nur der reiche Onkel sein

Der Milliardär und SAP-Gründer Dietmar Hopp zum Beispiel wird dafür angefeindet, dass er die TSG 1899 Hoffenheim päppelt. Ausländische Investoren sind in der Bundesliga verpönt, seit bei Schalke 04 die Partner aus London bei der Besetzung von Vorstandsposten mitreden wollten. Klaus-Michael Kühne dagegen wollte nur der reiche Onkel sein. Sein Zuschuss wird nun betrachtet wie eine Briefbombe, er selbst steht im Ruf einer Heuschrecke. Seeler, ausgerechnet, warnt vor ihm.

Der Milliardär lächelt gequält. Er sei "unverschuldet in etwas hineingeraten", er hätte seine 12,5 Millionen Euro auch ohne Gegenleistung gegeben. Doch für eine Schenkung wäre eine Steuer angefallen. Das Modell, das sein Geld ohne Abzüge in den Transfermarkt fließen lässt, ist ein Investorenmodell, das der HSV-Vorstandschef Bernd Hoffmann erfand. Es trägt den Namen "Anstoß³". Die "³" stand für ursprünglich drei Investoren - Kühne blieb als einziger übrig.

Vor zweieinhalb Jahren wollte der Spediteur schon mal helfen, Rafael van der Vaart in Hamburg zu halten, einen Spieler, den seine Frau sehr schätze. Rund 400 Millionen Euro gab Kühne, um die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd zu retten; er spendete auch für das Opernhaus der Stadt und die Elbphilharmonie.

Liste mit Namen wie Arne Friedrich, Rafinha und Ibrahim Afellay

Es war nicht schwierig, ihn für das HSV-Vorhaben zu begeistern. Hoffmann brachte zu Kühnes Zweitwohnsitz auf Mallorca den designierten Sportchef Urs Siegenthaler mit. Der eloquente Schweizer zeigte eine Wunschliste, der Nationalspieler Arne Friedrich stand darauf, der Brasilianer Rafinha, der niederländische Spielmacher Ibrahim Afellay. Siegenthaler pries überdies drei junge Schweizer, die er verpflichten wolle, und konnte unterhaltsam aus der Welt des Fußballs erzählen. HSV-Fan Kühne ("mir wurde der Mund wässrig") war schnell überzeugt. Die Idee beim "Anstoß"-Projekt: Der Investor wird am Erlös künftiger Spielerverkäufe beteiligt.

Konkret vereinbart wurde, dass Kühne zunächst 7,5 Millionen Euro zahlte und dafür zu einem Drittel an möglichen Verkaufserlösen für drei renommierte HSV-Spieler partizipiert: Marcell Jansen, Dennis Aogo, Paolo Guerrero. Teil zwei des Deals bietet Kühne Gestaltungsspielraum. Bei jedem Neueinkauf kann der Investor entscheiden, ob er ihn in seinen Pool aufnimmt, sich also zu den gleichen Konditionen wie bei den anderen beteiligt. Insgesamt gibt er 15 Millionen Euro, eine Klausel schränkt ein: Wird kein zentraler Mittelfeldspieler von internationaler Klasse geholt, zahlt Kühne 2,5 Millionen weniger. Denn er ist überzeugt: Dem Club fehle ein Regisseur wie van der Vaart, das meine auch seine Frau. Wer internationale Klasse hat, bestimmt er aber selbst.

Kühne über Neu-HSV-Kapitän Westermann: "Keineswegs überzeugend"

Kühnes Gewinnchancen sind gedeckelt, mehr als das Doppelte seines Einsatzes ist laut Vertrag nicht drin. Der Investor war zufrieden, bis er auf einer Schiffstour nach Grönland im Computer las, dass Siegenthaler wohl nicht kommt. Kühne wollte nachhelfen, mit Geld, aber das nützte nichts. Der Deutsche Fußball-Bund verbot dem Mitarbeiter des Nationaltrainers Joachim Löw die Doppeltätigkeit.

Damit war die Spielerliste Makulatur. Die jungen Schweizer blieben weg, statt Afellay kam Gojko Kacar.

Kühne, etwas eingeschnappt, tat, was ihm vertragsgemäß zustand: Er bewertete die Neuverpflichtungen. Aber er bewertete sie öffentlich, im "Hamburger Abendblatt". Verteidiger Heiko Westermann? "Keineswegs überzeugend", lautete sein Urteil nach einem einzigen Pokalspiel. Und bei Kacar sei er "skeptisch".

So bekam Hamburg sein spätes Sommertheater. Die HSV-Opposition, die Hoffmann immer vorwirft, er verkaufe die Seele des Vereins, schäumte. Kühne galt als Schurke. "Anstößig hoch drei", dichtete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" über den Investor, der sich ins operative Geschäft einmische.

Ein Krisengespräch vergangenen Mittwoch brachte einen Kompromiss. Kühnes Geld fließt wie vereinbart, er zahlt aber statt 15 nur 12,5 Millionen, für Kacar nämlich nichts. Damit ist der Vertrag "erfüllt", wie HSV-Aufsichtsratschef Horst Becker erklärte, es sollte für die Kritiker wie "erledigt" klingen. Manche Medien folgerten, die Zusammenarbeit sei abgepfiffen - ein glatter Irrtum. Kühne sagt, er sei "hart im Nehmen" und stehe für weitere Spielerbeteiligungen "Gewehr bei Fuß", vielleicht im Winter. Bernd Hoffmann hält eine Fortsetzung des Modells für "nicht ausgeschlossen".



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
sappelkopp 29.08.2010
1. Logisch!
Wer die Musik bezahlt, bestimmt, welche Lieder gespielt werden! Ist überall das gleiche. Selbst Schuld, dass sich der HSV zum Spielzeug eines solchen Mannes macht. Kann ich nur hämisch grinsen. Mit dem werden sie noch viel Freude haben.
antonhimbert 29.08.2010
2. Das typische Problem mit Deutschlands "Möchtegern-Elite"
Da hat einer 5 Milliarden und kann es sich anscheinend nicht leisten, die Schenkungssteuer für 15 Millionen draufzulegen. Armes Deutschland...
numey 29.08.2010
3. ...
ein sechsfacher Milliardär hat jetzt Stress an der Backe, weil er die Steuern sparen wollte, die bei der Schenkung von 12,5 Mio Euro angefallen wären. Mein Mitleid hält sich in Grenzen.
newchell 29.08.2010
4. einfach mal bedanken?!
... auch wenn es jetzt vielleicht zu spät ist, möchte ich im Namen der vielen HSV Fans bei Herrn Kühne bedanken die - die auch die Vorbereitungsleistungen von Westermann als keineswegs überzeugend einschätzten - denen für ein 4-2-3-1 im Mittelfeld immer noch ein offensiver Spielmacher wie vdv fehlt - denen Fremdkapital wesentlich lieber ist als die Vorstellung einer HSV AG an der Börse - denen es einleuchtet, dass es mehr Freude mach 12,5 Mio. auf dem Transfermarkt auszugeben, anstelle von nur 6,25 Mio. nach Steuern Vielen Dank, dass Sie soviel Geld in Hamburg investieren - und bitte bleiben Sie Hamburg treu!!! (Gern auch weiterhin als "Onkel" - denn der ist stets beliebter als die Tante die nur auf dem Klavier spielt - auch wenn das so nie gesagt wird ;)) NUR DER HSV
Nikolai C.C. 29.08.2010
5. Sehr willkommen
Die Liga sollte sich ruhig Investoren gegenüber mehr öffnen, schauen wir doch mal in andere Länder! Falls Onkel Klaus noch etwas für ein gemeinnütziges Projekt übrig hätte, hier ist er hoch willkommen: http://bit.ly/3dwCgR, jedoch als Spende, oder als Special über ehemalige Mitarbeiter, allerdings sind Ausschüttungen nicht erlaubt. Und da er über 65 Jahre alt ist, darf er persönlich erzählen, was wir sehr schätzen würden.
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