Von Birger Hamann
Hamburg - Eigentlich hätte er gar nicht mehr hier sein sollen. Seine Zeit war abgelaufen, er wurde nicht mehr gebraucht, durfte weg. Doch David Jarolim ist gut gelaunt, als er am Ende dieser Woche bei Minusgraden gemeinsam mit Nationalspieler Dennis Aogo und Kapitän Heiko Westermann zum Trainingsplatz des Hamburger SV geht. In der Hinrunde wären da noch ein Aussortierter und zwei Leistungsträger zur Übungseinheit geschlendert. Jetzt ist es ein Trio der Stammspieler.
David Jarolim beim HSV - das ist das erstaunlichste Comeback der bisherigen Bundesliga-Rückrunde. Mitte November hatte Hamburgs Sportchef Frank Arnesen über Jarolim, dessen Vertrag im Sommer ausläuft, noch gesagt: "Wenn er im Winter weg will, dürfte er ablösefrei gehen." Rund zwei Monate später, Ende Januar, sagte HSV-Trainer Thorsten Fink über den Tschechen: "Jetzt kommt er nicht mehr weg." Zwei Spiele reichten aus, um aus dem Ersatz- den Stammspieler Jarolim zu machen. Vor der Partie am Sonntag beim 1. FC Köln (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) stellt sich nicht mehr die Frage, ob er überhaupt spielt, sondern wer neben Jarolim im defensiven Mittelfeld des Tabellenzwölften auflaufen wird.
Dank der guten Leistungen des Tschechen beim Sieg in Berlin (2:1) und dem Remis gegen den FC Bayern (1:1) ist Jarolim in Hamburg wieder angesagt - aber auch nur dort. Es gibt wohl kaum einen anderen Bundesliga-Profi, der so unbeliebt bei gegnerischen Fans ist, der so häufig ausgepfiffen und beschimpft wird, wie Jarolim.
Kritiker werfen Jarolim seit Jahren Schwalben vor
"Der unfairste Spieler der Liga. Dem müsstest du als Schiri schon das erste Mal Gelb zeigen, wenn er vor dem Spiel aus dem Bus aussteigt", hat Ex-Nationalspieler Mario Basler einmal in seiner "Bild"-Zeitungs-Kolumne über Jarolim geschrieben. Dem Tschechen wird vorgeworfen, gerne versteckte Fouls zu begehen. Vor allem bemängeln seine Kritiker aber, er falle schnell und schinde so Freistöße.
Jarolim wehrt sich gegen diese Vorwürfe. "Ich habe nicht viel Gewicht, da geht man eben schneller runter. Aber ich bin kein Typ, der Schwalben macht, der das Ziel hat, Fouls zu provozieren", sagt der rund 70 Kilogramm schwere Tscheche. Er gehört laut Statistik seit Jahren zu den meistgefoulten Spielern der Bundesliga. Die Schiedsrichter wissen von den Vorbehalten gegen Jarolim - und pfeifen dennoch im Zweifel für ihn. Bayer Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler sprach in diesem Zusammenhang mal von einem "theatralischen Fallen inklusive dreifacher Rollen".
In Hamburg schätzen sie Jarolims Spielintelligenz und Übersicht
Es gibt aber auch eine andere Sichtweise zu Jarolim. Jene, die sie in Hamburg haben. Dort wird die Spielintelligenz und die Übersicht des Mittelfeldspielers gelobt. "David ist sehr ballsicher und laufstark. Jeder Trainer kann sich einen Spieler wie ihn nur wünschen", hat der frühere HSV-Trainer Thomas Doll einmal über Jarolim gesagt. Der Tscheche fordert und verteilt Bälle, läuft und kämpft unermüdlich. Mladen Petric sagt über seinen Teamkollegen: "Der trainiert jeden Tag, als wenn es sein letzter wäre."
Mit dieser Einstellung hat sich Jarolim zurück ins Team des HSV gespielt. Als er gegen den FC Bayern nach tadelloser Leistung kurz vor Schluss ausgewechselt wurde, standen die 57.000 Zuschauer in der Arena auf und verabschiedeten den Tschechen mit lang anhaltendem Applaus und Sprechchören. "Ich habe mir nicht träumen lassen, sowas zu erleben", sagte Jarolim anschließend.
Jarolim macht das Spiel langsam, hat kaum Zug zum Tor
"Jaro wird uns in dieser Saison noch helfen", ist sich Coach Fink sicher, der wohl auch nicht an ein solches Comeback seines Oldies beim HSV geglaubt hätte. Der Tscheche, seit 2003 beim HSV und von 2008 bis 2010 Kapitän, war vor Saisonbeginn ein Opfer des neuen Kurses in Hamburg. Die Mannschaft sollte jünger werden, schneller spielen, attraktiver. All das, wofür Jarolim nicht steht. Er ist mit 32 Jahren der zweitälteste Akteur im Kader der Hamburger. Er macht das Spiel meist langsam, hat kaum Zug zum Tor. Moderner Fußball sieht anders aus.
Zudem ist seine Schusstechnik eine Katastrophe. Mittlerweile legendär sind die "Schieß nicht"-Rufe der HSV-Fans von der Tribüne, wenn Jarolim in der Nähe des gegnerischen Tors in aussichtsreicher Position den Ball bekommt.
In der Hinrunde wurde Jarolim deswegen nur in acht von 17 Bundesligaspielen eingesetzt, war hinter Gojko Kacar, Tomás Rincón und Robert Tesche nur noch vierte Wahl auf der Sechser-Position. Plötzlich ist er dort wieder die Nummer eins - und für die Anhänger der Hoffnungsträger in dieser sportlich so schwierigen Saison.
Als am Donnerstag das Vormittagstraining des HSV zu Ende ist, schlendern die Profis in Richtung Kabine. Auf dem Weg dorthin steht ein Fan, alleine mit seiner Kamera, auf der Jagd nach einem Foto. Er lässt die Stars vorbeiziehen, Petric, Aogo und Westermann. Der Mann wartet auf jemand anderen. Er wartet auf David Jarolim.
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