HSV-Zugang van Nistelrooy "Ein paar Meisterschaften reichen mir nicht"

Riesiger Andrang zum Empfang: Ruud van Nistelrooy ist da. Endlich hat der Hamburger SV seinen lang ersehnten Superstar. Und der Holländer einen Verein, bei dem er tun darf, was er am besten kann: Tore schießen - und große Hoffnungen schüren.

Von Marco Plein


Beim Hamburger SV haben sie sich vor rund vier Jahren einmal Gedanken darüber gemacht, wie es denn wohl wäre, einfach mal einen ganz großen Namen zu verpflichten. Einen Spieler von Weltklasseformat, einen, der schlagartig aus einem guten Fußballclub einen sehr guten machen würde. Ruud van Nistelrooy, dachte sich Hamburgs Vorstandstandsvorsitzender Bernd Hoffmann damals, der Holländer wäre doch so einer. Da der Gedanke aber nur "rein theoretischer Natur" und sowieso "out of this world" war, wie Hoffmann rückblickend erzählt, und man beim HSV auch nicht als größenwahnsinnig verpönt werden wollte, ließ man ihn schnell wieder fallen. Es wurde nichts daraus. Noch nicht.

Denn vier Jahre später ist Ruud van Nistelrooy nicht mehr in einer anderen Welt - jetzt ist er in Hamburg. "Wir haben einfach mal nach den Sternen gegriffen", sagte Hoffmann. "Es hat geklappt, es kommt einem vor wie Weihnachten und Ostern auf einen Tag."

In den vergangenen Wochen hatte über Hamburg permanent eine dicke, graue Wolkendecke gehangen. Am späten Montagvormittag riss sie nun endlich auf, und die Stadt präsentierte sich im schönsten Sonnenschein. "Das passt doch genau zum aktuellen Anlass", sagte Hoffmann in seinen Begrüßungsworten bei der Vorstellung der neuesten Bundesligaattraktion: Ruud van Nistelrooy ist angekommen, und in Hamburg sind sie mächtig stolz, einen der ganz großen Fußballspieler des vergangenen Jahrzehnts von sich überzeugt und zu sich geholt zu haben.

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Hamburger Holländer: Von Hoogma bis van Nistelrooy
Weil die Verpflichtung des 33-Jährigen freilich etwas Besonderes ist, galt das auch für dessen Präsentation. Seit der Weltmeisterschaft 2006 hatte der Presseraum in der Hamburger Arena nicht mehr vergrößert werden müssen, nun aber, bevor van Nistelrooy erschien, war ein Extrabereich bestuhlt worden - trotzdem mussten einige Gäste stehen. Auf Fernsehern waren Bilder aus der Laufbahn des Fußballers zu bewundern, ein paar im holländischen Nationaldress, einige im Rot und Weiß von Manchester United und nicht zuletzt einige von seinem letzten Verein, Real Madrid.

Als van Nistelrooy, der in seinem taillierten Anzug mit grauer Krawatte und funkelnden Lederschuhen auch einen Dressman für ein Modelabel hätte geben können, schließlich das mit der Nummer 22 und seinem Namen versehene HSV-Trikot entgegennahm und es minutenlang den Fotografen präsentierte, da sah man ihn fröhlich und erfrischend strahlen. Und just in dem Moment vermochte man sich vorzustellen, warum sie in Hamburg keine Zweifel hegen, in dem Holländer einen Volltreffer gelandet zu haben: Sie haben sich einfach in diesen Typen verguckt. In einen ehrlichen und bodenständigen Mann, der weiß, was er will und der weiß, was man von ihm will. Der HSV, nach all seinem Verletzungspech, braucht einen Mittelstürmer, der Tore schießen kann, und der Holländer, nach all seinem Verletzungspech, braucht einen Verein, bei dem er wieder Tore schießen kann. Hier geht es nicht um Geld - damit könnte man van Nistelrooy sowieso nicht mehr locken -, hier geht es um Fußball. Nicht mehr, und nicht weniger.

Eineinhalb Minuten über Geld gesprochen

"Ich bin noch nicht fertig. Ein paar Landesmeisterschaften, das reicht mir nicht", verdeutlichte van Nistelrooy - wohlwissend, dass viele nach seinen langen Verletzungen Zweifel an ihm haben. Ob berechtigt, oder nicht, über die Transfer-Beweggründe des eleganten Angreifers war in den vergangenen Tagen rauf und runter gerätselt worden. Warum bloß wechselt ein Stürmer seiner Klasse nach Hamburg? Wieso spielt er freiwillig in der Europa League statt in der Champions League? "Über Ruuds Qualitäten muss man nicht diskutieren. Wir haben einen Spieler geholt, dessen Professionalität und Mentalität uns schwer beeindruckt haben", sagte Hoffmann, dem es enorm imponiert zu haben schien, dass van Nistelrooy mit den Hamburger Verantwortlichen nur "eineinhalb Minuten über Geld", dafür aber "eineinhalb Stunden über die sportliche Perspektive" sprach. "Das hat mir den Glauben an den Fußballsport zurückgegeben. Wir haben hier einen Spieler verpflichtet, dem es einzig um den Erfolg geht."

Und um die Weltmeisterschaft in Südafrika. Denn van Nistelrooy weiß ganz genau, dass es ihm in Madrid schwergefallen wäre, sich noch einmal für die holländische Nationalmannschaft zu empfehlen. In Hamburg hingegen, wo sein Vertrag bis zum 30. Juni kommenden Jahres läuft, ist er gesetzt - und wenn er spielt, dann wird er auch treffen. 60 Tore in 80 Champions-League-Spielen und 221 Treffer in 314 Pflichtspielen für den PSV Eindhoven, Manchester und Madrid sprechen für sich.

"Ich will hier etwas gewinnen. Meine Ambitionen passen zum HSV", sagte van Nistelrooy und sorgt damit für große Freude bei den seit vielen Jahren auf einen Titel wartenden Anhängern des Vereins - auch dass er sein zuletzt verletztes Knie als "perfekt" bezeichnete, sich "sehr gut präpariert" fühlt, schon "bald sehr gut spielen" will und sich in "drei oder vier Wochen" einen Einsatz über 90 Minuten vorstellt, dürfte in Hamburg gut angekommen sein. Erst einmal aber steht individuelles Training an, denn ihn plagen muskuläre Probleme - doch in Köln, im übernächsten Spiel, könnte er sein Debüt geben.

"Ich hatte immer Glück mit meinen Vereinen", erzählte der Holländer, "es waren immer Traditionsmannschaften. Und der HSV ist auch eine Traditionsmannschaft, ein Volksverein. Ich denke, es wird eine schöne Zeit."



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