Englands Ex-Nationalspieler Ian Wright "Fußball hat nicht die Macht, Rassismus zu bekämpfen"

Beim FC Arsenal war Ian Wright eine Legende. Aber er weiß auch, welchen Druck die Spiele für England bedeuten. Ein Interview über mentale Belastung, Rassismus - und die Chancen des Teams von Trainer Southgate.

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Von Raphael Honigstein


SPIEGEL ONLINE: Herr Wright, England hat seit 1990 nur ein einziges K.-o.-Spiel bei einer WM gewonnen: 1:0 gegen Ecuador, 2006. Sind Sie vor dem Achtelfinale gegen Kolumbien am Dienstagabend zuversichtlich, dass sich diese Bilanz verbessert?

Wright: Zu Hause träumen viele schon vom Halbfinale, da unsere Seite des Turnierbaums relativ einfach erscheint. Die Mannschaft muss ruhig bleiben. Es ist ihr erster großer Test bei diesem Turnier. Wir haben bisher nur Tunesien geschlagen - in der letzten Minute (2:1) - und Panama, 6:1. Mein Gefühl ist, dass wir gegen Kolumbien gute Chancen haben. Bei den Kolumbianern könnte James Rodríguez ausfallen, er ist der Motor der Mannschaft. Selbst falls er doch spielen sollte, dürfte er kaum bei 100 Prozent sein. Das heißt nicht, dass wir gewinnen. Aber mir gefällt die Leichtigkeit und das Selbstvertrauen, das die junge Truppe von Gareth Southgate ausstrahlt.

SPIEGEL ONLINE: Football's coming home? Kann es für den WM-Titel reichen?

Wright: Mal sehen. Wir sind in der Defensive noch nicht wirklich gefordert worden. Das Spiel gegen Belgien (0:1) zählt für mich nicht, da beide mit ihren B-Mannschaften angetreten sind. Man sieht aber, dass das Team Spaß zusammen hat. Jeder freut sich, Teil dieser Mannschaft zu sein. Das ist eine ganz andere Stimmung im Vergleich zu 2014 und 2016. Ein Riesenfortschritt.

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SPIEGEL ONLINE: Wie hat es Trainer Gareth Southgate geschafft, die Stimmung derart zu verbessern?

Wright: Eine Handvoll Spieler hat das Debakel gegen Island bei der EM in Frankreich vor zwei Jahren ja miterlebt. Aber dieses Mal haben wir eine klare Spielidee, an der wir festhalten; auch wenn es wie gegen Tunesien nicht so läuft. Wir bleiben ruhig. Wir vertrauen auf die Taktik und auf Harry Kane. Dieses England wird deshalb hoffentlich nicht wie in früheren Turnieren völlig die Nerven verlieren. Der Druck ist aber genauso hoch wie eh und je.

SPIEGEL ONLINE: Dabei hatte man vor der WM den Eindruck, die allgemeine Erwartungshaltung im Land sei sehr niedrig.

Wright: Das mag so wirken. Aber die Angst zu versagen spielt immer mit, wenn man im Nationalmannschaftstrikot aufläuft. Der Druck, für ein ganzes Land zu spielen, ist mit nichts zu vergleichen. Die mentale Belastung, der wir ausgesetzt waren, als wir 1994 die Qualifikation zur WM verpassten, war unmenschlich. Drei Jahre später spielten wir in der Qualifikation gegen Italien in Rom und brauchten mindestens einen Punkt, um das Turnier nicht zum zweiten Mal in Folge zu verpassen. Ich machte meine beste Partie überhaupt in der Nationalelf, setzte den Ball aber bei einer guten Chance gegen den Pfosten. Im Gegenzug kam Christian Vieri zum Kopfball. Ich bin mit den Knien auf den Rasen gesunken und habe noch nie so viel Angst in meinem Leben verspürt wie in diesem Moment. Ich wusste: Wenn das Ding reingeht, machen sie dich zur Sau. Dann töten sie dich. David Seaman hielt den Ball. Es ging 0:0 aus. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich mich daran erinnere.

SPIEGEL ONLINE: Bei der anschließenden WM in Frankreich wurde David Beckham zum Sündenbock. Er hatte beim Achtelfinal-Aus gegen Argentinien eine Rote Karte gesehen.

Wright: Wegen einer Nichtigkeit. Es war furchterregend, wie er binnen wenigen Sekunden vom Jungstar zum Staatsfeind Nummer eins mutierte. Fans verbrannten Abbilder von ihm auf den Rängen. Es ist ein Wunder, dass er stark genug war, das alles wegzustecken und später wieder zum Nationalhelden zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Wären solche Reaktionen heute noch vorstellbar?

Wright: Die Boulevardmedien schießen vielleicht nicht mehr ganz so scharf, ihre Macht ist gesunken. Dafür ist es in den sozialen Medien bedeutend schlimmer geworden. Wenn ich überlege, was zum Beispiel auf Loris Karius nach dem verlorenen Champions-League-Finale an Häme und Verachtung eingeprasselt sein muss. Die Leute können sich nicht vorstellen, wie sich das anfühlt. Falls Jordan Pickford am Dienstag - Gott behüte - einen spielentscheidenden Fehler im Tor machen sollte oder Marcus Rashford eine Riesenchance auslässt, bleibt das ein Leben lang an ihnen hängen.

SPIEGEL ONLINE: Southgate sprach vor dem Turnier davon, dass sein Team das "moderne, vielfältige England" repräsentiere. Aber Raheem Sterling von Manchester City, der wie Sie aus Jamaika stammt, wird in Teilen der konservativen Presse seit Monaten für seinen Lebenswandel attackiert. Die "Sun" machte ihn gar für die hohe Mordrate in London verantwortlich. Sein Tattoo eines Maschinengewehrs würde die Gewalt der Drogengangs verherrlichen, hieß es.

Wright: Raheem hat erklärt, dass ihn das Tattoo an seinen ermordeten Vater erinnert. Es war aber klar, dass sich gewisse Kreise sofort darauf stürzen würden. Er war davor schon dafür kritisiert worden, dass sein Auto schmutzig war. Dass er nach einer Niederlage in einem Restaurant frühstückte. Dass er seiner Mutter ein Haus gekauft hat. Er wird als verschwendungssüchtiger Ghetto-Junge dargestellt, der sein Glück nicht verdient hat. Dabei könnte er einer der wichtigsten Spieler dieser WM für England sein. Ich hoffe, dass er es in Russland allen zeigt.

SPIEGEL ONLINE: Der Nationaltrainer hat seine Spieler ermuntert, sich gegenüber den Medien zu öffnen. Damit die Fans die Menschen in den Trikots sehen - nicht die mediale Karikatur vom Jungmillionär, der keinen Sinn für Moral kennt.

Wright: Er hat sich - wie viele anständige Journalisten - vor Sterling gestellt. Die Kampagne gegen ihn trägt rassistische Züge. Es gibt in unserem Land immer noch Menschen, denen ein erfolgreicher schwarzer Mann Angst macht. Sie fühlen sich durch ihn in ihrem Status bedroht und freuen sich über die Attacken. Vor gut 20 Jahren, als ich zum Nationalspieler wurde, standen in denselben Blättern ständig Geschichten über meine problematische Herkunft. Über meine Kinder mit verschiedenen Frauen. Über meine zwei Wochen im Gefängnis, da ich als Jugendlicher ohne Führerschein Auto gefahren war. Und John Barnes, mein Kollege aus der Nationalmannschaft, wurde bei Länderspielen ständig ausgebuht, da er als gebürtiger Jamaikaner vielen nicht als echter Engländer galt, dafür aber als faul und willensschwach. Dabei war er der mit Abstand begabteste Spieler seiner Generation.

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Ian Wright: Erst Legende, jetzt Experte

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland sieht sich Mesut Özil mit ähnlichen Anfeindungen konfrontiert.

Wright: Ich bekomme mit, was da gerade mit Mesut passiert. Sich mit Erdogan zu treffen, war keine gute Idee; ich verstehe nicht, wie die Berater das zulassen konnten. Aber das entschuldigt natürlich niemals rassistische Beleidigungen. Wie oft wurde er bei euch zum Nationalspieler des Jahres gewählt, fünf Mal in Folge? Deutschland hat mit ihm die Weltmeisterschaft gewonnen. Alles egal. Er gibt eine geeignete Zielscheibe ab. Viele Leute haben nur auf die Gelegenheit gewartet, ihn auf seinen türkischen Hintergrund zu reduzieren und so einer ganzen Bevölkerungsgruppe zu zeigen: Ihr gehört nicht zu uns. Ich kenne das leider nur allzu gut.

SPIEGEL ONLINE: Zwischenzeitlich hatte man die Hoffnung, die integrative Kraft des Fußballs könnte solchen Tendenzen Einhalt gebieten. Nun scheint das Gegenteil der Fall zu sein - als ob jemand die Uhr um einige Jahrzehnte zurückgedreht hätte.

Wright: Fußball hat nicht die Macht, Rassismus zu bekämpfen. Hatte er noch nie. Wenn er sie hätte, wäre Rassismus ja längst verschwunden. Er wird bestenfalls unterdrückt. Spieler, die einer Minderheit angehören, können die größten Heldentaten für ihr Land vollbringen. Wenn es nicht läuft, werden sie trotzdem wieder ausgegrenzt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Erfahrungen haben Sie persönlich bisher in Russland gemacht? Vor dem Turnier hatten die englischen Zeitungen eindringlich vor Rassismus und Hooligans gewarnt, dementsprechend wenige englische Fans sind angereist.

Wright: Ich arbeite hier unter anderem für den US-Sender Fox. Die Amerikaner sagten vor dem Turnier, es sei zu gefährlich für mich, alleine durch Moskau zu laufen. Ein Fahrer steht ständig bereit. Englands Nationalspieler Danny Rose hat seiner Familie aus Angst vor rassistischen Übergriffen nicht erlaubt, zur WM zu kommen. Aber all diese Sorgen waren unbegründet. Ich bewege mich hier zu jeder Tageszeit überall frei und alleine, die Leute sind unheimlich freundlich. Nach Russlands Sieg gegen Spanien drehten in der Innenstadt Hunderttausende durch, aber völlig friedlich, ohne Aggressionen. Man wurde umarmt, Leuten tanzten mir dir. Ich weiß nicht, was Wladimir Putin hier angestellt hat. Ich weiß nicht, wie es hier vor der WM war und wie es nach der WM für Schwarze sein wird. Ich weiß nur, dass ich bisher ausnahmslos positive Erfahrungen gemacht habe, während es in England immer wieder vorkommt, dass mich Menschen komisch anschauen und mich spüren lassen, dass sie ein Problem mit meiner Hautfarbe haben.

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Seite 1
deppjones 03.07.2018
1. Ich bin anderer Ansicht
Ich bin da anderer Ansicht. Es mag von Land zu Land natürlich verschieden sein aber Deutschland scheint mir da eher ein gutes Beispiel zu sein. Özil ist vor allem wegen seiner Leistung angegangen worden, wie Müller übrigens auch. Und bei beiden auch zu recht. Die Ansage (wer genau das aus der AfD gesagt hat habe ich vergessen und habe auch keine Lust das nachzugoogeln) "Wer möchte schon neben Boateng wohnen?" hat doch gezeigt, dass das voll nach hinten losgegangen ist.
cave68 03.07.2018
2.
Zitat von deppjonesIch bin da anderer Ansicht. Es mag von Land zu Land natürlich verschieden sein aber Deutschland scheint mir da eher ein gutes Beispiel zu sein. Özil ist vor allem wegen seiner Leistung angegangen worden, wie Müller übrigens auch. Und bei beiden auch zu recht. Die Ansage (wer genau das aus der AfD gesagt hat habe ich vergessen und habe auch keine Lust das nachzugoogeln) "Wer möchte schon neben Boateng wohnen?" hat doch gezeigt, dass das voll nach hinten losgegangen ist.
Dieser Boateng-Spruch ist aber nur deswegen nach hinten losgegangen weil Deutschland seinerzeit recht erfolgreich war. In Situationen wie bei dieser WM befürchte ich dass sich leider doch zu viele von dieser AFD-Propaganda leiten lassen.
aurichter 03.07.2018
3. Wahre Worte
von jemandem, der aus persönlicher Erfahrung den Rassismus kennengelernt hat. Wieder der Hinweis auch auf französische Nationalspieler, die vor und nach der WM 98 interviewt wurden und diese widerlichen Erfahrungen gemacht haben. Was jetzt aktuell mit den deutschen Nationalspielern veranstaltet wird, zeigt doch, wie die Denke bei vielen Menschen immer noch ist, da hat sich nicht viel verändert.
Alm Öhi 03.07.2018
4. Deutschland ist kein gutes Beispiel.
Wer nicht eine weiße Hautfarbe hat dem wird folgende erste Frage gestellt: “Woher kommst Du”? Wenn man als Antwort kein Land sondern eine Deutsche Stadt nennt der bekommt einen bösen Blick gewürdigt. Kategorie Lindner: “ Bitte Aufenthaltsgenehmigung vorzeigen.”
Levator 03.07.2018
5. Gleichsam
Zitat von deppjonesIch bin da anderer Ansicht. Es mag von Land zu Land natürlich verschieden sein aber Deutschland scheint mir da eher ein gutes Beispiel zu sein. Özil ist vor allem wegen seiner Leistung angegangen worden, wie Müller übrigens auch. Und bei beiden auch zu recht. Die Ansage (wer genau das aus der AfD gesagt hat habe ich vergessen und habe auch keine Lust das nachzugoogeln) "Wer möchte schon neben Boateng wohnen?" hat doch gezeigt, dass das voll nach hinten losgegangen ist.
bin ich Ihrer Meinung. Religion, Hautfarbe und Haarfarbe sind völlig wurscht, wenn es darum geht, für das eigene, präferierte Team aufzulaufen und zu spielen. Gleichsam ist die Leistung eines Spielers - unabhängig von den eingangs genannten Attributen - zu kritisieren oder im besten Fall zu loben. Wer hier einen Anteil von Rassismus herauslesen sollte, hat diesen Sport nicht verdient. Weder als Zuschauer, Fan oder direkt Beteiligter!
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