Starpianist Igor Levit über Fußball "Elbphilharmonie ist wie Anfield"

Igor Levit ist ein Star in der klassischen Musik - und Fußballfan. Ein Gespräch über die WM in Russland, über politische Courage von Fußballern, Peter Neururer und Public Viewing mit der Deutschlandfahne.

Pianist Igor Levit
Peter Meisel

Pianist Igor Levit

Ein Interview von


    Igor Levit, geboren 1987, ist einer der derzeit erfolgreichsten und gefragtesten Pianisten. Mit seiner Familie kam er als Achtjähriger aus Russland nach Deutschland. Schon mit sechs Jahren hatte er zuvor sein erstes Klavierkonzert gegeben. Schlagzeilen machte er, als er den ihm 2014 verliehenen Echo Klassik aus Protest gegen die Auszeichnung der Rapper Kollegah und Farid Bang zurückgab.

SPIEGEL ONLINE: Herr Levit, Sie sind Fan von Hannover 96. Wie konnte das passieren?

Igor Levit: Nachdem ich mit meinen Eltern 1995 aus Russland kam, bin ich in Hannover aufgewachsen. Da gab es den Torwart Jörg Sievers, den Elfmeterhelden. Seinetwegen wurde ich Fan. Seitdem ist das so. Ich erinnere mich an ein Europacupspiel in Kopenhagen, das war ganz großartig.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in Russland geboren, dem Land, das nun die Fußball-WM ausrichtet. Hat das für Sie etwas Besonderes?

Levit: Ich habe keine besonderen Heimatgefühle gegenüber Russland, aber ich weiß natürlich, wo ich herkomme. Insofern beschäftigt es mich. Ich bin allerdings so Italien-affin, dass es mich mehr freute, wenn die WM jetzt in Italien wäre.

Eigentlich ist die WM für mich auch nicht in Russland, sondern sie findet auf russischem Territorium statt. Ich bin von jeher kein Nationalidentitäts-Mensch. Es ist sicherlich schon irre faszinierend, eine WM in so ein Land mit diesen Dimensionen zu legen, aber Bauchgrummeln habe ich natürlich auch.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Bauchgrummeln haben vor der WM ja viele. Sollten Fußballer, die nach Russland reisen, sich dort auch politisch positionieren? Würden Sie als jemand, der sich politisch aus dem Fenster lehnt, empfehlen, Stellung zu beziehen?

Levit: Ich bekomme oft genug zu hören, du beschäftigst dich beruflich mit Klavierspielen, warum äußerst du dich auch zu anderen Dingen? Dahinter steckt ja die Haltung: Schuster, bleib bei deinen Leisten - eine für mich bizarre Vorstellung von Demokratie.

Mein Lieblingsargument ist dann: Wenn jemand ignorant sein möchte, wenn jemand sich nicht zu solchen Dingen äußern möchte, dann kann er es gerne tun. Er sollte sich aber vergegenwärtigen, dass er sich diese Haltung auch nur in einem friedlichen Land erlauben kann. Um ignorant zu sein, um sagen zu können: Das interessiert mich alles nicht, ich spiele nur Klavier, musst du sicher sein können, dass du danach rausgehen kannst, und alles ist schön und gut. In anderen politischen Verhältnissen kannst du dir Ignoranz nicht mehr erlauben. Auch die Möglichkeit, ignorant zu sein, verdankt ihr jemandem.

SPIEGEL ONLINE: Eine WM weckt immer auch nationalen Überschwang. In Zeiten, in denen Nationalismus offensichtlich wieder Aufschwung bekommt: Wäre 2018 noch so ein Partypatriotismus wie beim berühmten Sommermärchen von 2006 denkbar?

Levit: Ja, das glaube ich schon. 2006 war die Deutschlandfahne für mich ganz klar Symbol für "Die Welt zu Gast bei Freunden". Wissen Sie, ich liebe das Wort "Wir", das impliziert für mich viel Gutes auf vielen Ebenen. Das Wir - das war 2006. 2018 sind wir sicherlich auf dem Weg, dass eine bestimmte Gruppe es schafft, der Fahne ein ganz anderes Bild zu geben, ein anderes Wir. Gebe ich mich dem geschlagen? Nein, ich will und werde denen nicht das Feld überlassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben kein Problem, wenn alles mit der Deutschlandfahne durch die Gegend läuft?

Levit: Mit der Fahne ist es im Grunde das gleiche wie mit der Musik. Musik alleine macht erst einmal gar nichts. Ich bekomme ja immer die Frage: Macht Musik die Welt besser? Das ist Quatsch. Gar nichts macht Musik erst mal besser. Welche Wirkung sie entfaltet, hängt davon ab, wie wir mit ihr umgehen und wie wir sie benutzen. Beethovens Neunte mit "Alle Menschen werden Brüder" kann eine wundervolle Wirkung entfalten, sie kann aber auch genauso von Joseph Goebbels wie 1942 zur Feier von Hitlers Geburtstag missbraucht werden.

Igor Levit
DPA

Igor Levit

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ein Star in der klassischen Musik, hätten Sie dennoch gerne etwas, was die Fußballstars haben?

Levit: Ich bin kein neidischer Mensch, aber ich beneide die Fußballer um den Mannschaftsgedanken. Als Solopianist ist man sehr allein, beim Konzert gibt man 100 Prozent, dann ist das Konzert vorbei, und man kracht runter auf null. Nur um am nächsten Abend wieder 100 Prozent geben zu müssen. Dieser Gedanke, wenn man verliert, gemeinsam zu elft zu verlieren, das hat etwas sehr Tröstendes.

SPIEGEL ONLINE: Im Fußball ist zuletzt sehr viel vom Druck die Rede gewesen. Wie empfinden Sie den, jeden Abend Höchstleistung bringen zu müssen?

Levit: Klar gibt es den. Wenn ich auf der Bühne am Klavier sitze, dann nicht. Da bin ich in meiner eigenen kleinen Ecke, da weiß ich auch, was ich kann. Aber vorher, da gibt es alles. Manchmal freue ich mich einfach nur aufs Konzert, manchmal bin ich wahnsinnig aufgeregt. Aber sich da mit den Fußballern zu vergleichen, ist fast vermessen: Die gehen raus, und Millionen gucken ihnen zu. Jeden Samstag. Und da kann mir jemand noch so oft etwas erzählen von abgehobenen Fußballern und dass sie ihren Müll nicht selbst runterbringen - diesen Druck auszuhalten, das muss man erst einmal schaffen.

Ich bewundere ja schon die Opernsänger, die die Courage aufbringen, ihre eigene Stimme zum Instrument zu machen, aber das ist ja noch nichts gegen die Fußballer.

SPIEGEL ONLINE: In klassischen Konzerten sitzen die Leute mucksmäuschenstill und hören zu, im Stadion muss es laut sein, und es gibt kein schlimmeres Schimpfwort als Opernpublikum. Würden Sie sich wünschen, dass die Leute bei Ihnen auch ein bisschen mehr ausflippen, dass da einfach mehr Ekstase passiert?

Levit: Das passiert ja. Nehmen Sie das Beispiel Elbphilharmonie. Der Bau ist nach all den Jahren fertig geworden, seitdem ist es für viele das Größte, dort ein Konzert zu erleben. Der Applaus in der Elbphilharmonie, das ist atemberaubend. Ein Freund von mir hat gesagt: Die Elbphilharmonie, das ist wie die Anfield Road in Liverpool. Für Anfield eine Karte zu bekommen, dort einmal zu sein, das sind dann nicht irgendwelche 90 Minuten. Genauso, sagt er, fühlt es sich an, in der Elbphilharmonie zu sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Vergleich des Trainers mit dem Dirigenten zulässig?

Levit: Absolut. Ein guter Dirigent kommt neu an ein Orchester, und im besten Falle spielt das Ensemble nach zwei, drei Jahren um Klassen besser, mindestens jedoch ganz anders als vorher, unter Beibehaltung seiner ureigenen "klanglichen DNA". Jeder gute Dirigent ist nicht nur ein Orchester-Ausbilder, sondern auch und vor allem ein Team-Former.

SPIEGEL ONLINE: Der neue Dortmunder Trainer Lucien Favre gilt zum Beispiel als detailversessen und so akribisch, dass Spieler darauf irgendwann genervt reagiert haben. Gibt es das auch, ein zu akribischer Dirigent?

Levit: Ich glaube, das Orchester wäre begeistert über so jemanden. Es gibt natürlich unterschiedliche Typen von Dirigenten. Wie bei Trainern auch. Als Peter Neururer bei Hannover 96 war, hat er immer nur Standardsituationen geübt, darüber haben wir uns oft lustig gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Fitness ist für Fußballer ungemein wichtig. Für einen Pianisten auch?

Levit: Fitness - eines meiner Lieblingsthemen. Ja, man muss trainieren, man muss sich fithalten. Ich habe mal gelesen, im Konzert verliere man als Solist mehr Kalorien als in einem Fußballspiel. Weil es keinen Moment des Ausruhens gibt. Ich treibe allerdings auch fast manisch Sport, Fahrradfahren, Fitessstudio, Schwimmen, ich könnte ohne das gar nicht auskommen. Leider bin ich ein furchtbar schlechter Fußballer.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sieht es mit der Verletzungsgefahr aus?

Levit: Die Verletzungsangst ist immer da. Ich trainiere daher auch sehr viel sozusagen den schnellen Antritt bei meinen Muskeln. Im Konzert gibt es schließlich kein Abtasten, kein langsames Warmwerden wie vielleicht im Fußballspiel. Es soll Kollegen geben, die das beherrschen, aber ich gehöre nicht dazu. Ich muss von Beginn an voll da sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie verfolgen Sie die WM? Sie sind vermutlich nicht der Public-Viewing-Typ?

Levit: Doch, absolut, warum nicht? Ich versuche natürlich so viel wie möglich zu schauen, viel Online über Streams, manchmal direkt nach den Konzerten, immer, wie es irgendwie passt. Als das DFB-Pokalfinale lief, hatte ich ein Konzert in Hannover. Und direkt vor Konzertbeginn hat Eintracht Frankfurt das 1:0 gegen die Bayern geschossen. Das wurde ein schönes Konzert.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
nilswalterjohn 09.06.2018
1. 96 Olè!!!
Sehr cooles Interview! Auch die Nummer mit dem Echo - Respekt! Niemals Allein.
mullertomas989 09.06.2018
2. Die Elbphilharmonie ist wie Anfield....
Das ist mal eine Ansage! Und dass sich da noch jemand an Jörg Sievers erinnert, ist auch bemerkenswert...
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