Von Christian Paul
Die Kür kam nach dem Triumph. Als die Kameras eingeschaltet waren und der Fernsehreporter die unvermeidliche Frage nach den Aussichten für das Duell mit dem FC Bayern stellte, sagte Dortmunds Ilkay Gündogan: "Wir wissen, dass wir in der Lage sind, Bayern München zu schlagen. Das haben wir auch im Hinspiel schon gezeigt." Dann grinste er und ließ seine Worte wirken.
Ausgerechnet Gündogan. Nicht Torwart Roman Weidenfeller oder Kapitän Sebastian Kehl. Nach dem 3:1-Sieg der Borussia beim VfL Wolfsburg am 29. Spieltag der Fußball-Bundesliga war es der 21-jährige Mittelfeldspieler, der vor dem Showdown im Meisterschaftskampf zwischen dem BVB und dem FC Bayern am Mittwoch (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) für die lauten Töne beim Tabellenführer sorgte.
In Wolfsburg war Gündogan der beste Spieler der Gäste. Er hatte mit einem Traumtor für das zwischenzeitliche 2:0 gesorgt und etliche gute Pässe gespielt. Beobachter fragten sich, warum beim BVB in dieser Saison so lange kein Platz war für den wendigen und trickreichen Profi.
Rund 25 Spieltage hat Gündogan gebraucht, um anzudeuten, warum ihn der Club im vergangenen Sommer für fast fünf Millionen Euro verpflichtet hatte. Es hat gedauert, weil der BVB über eine bestens eingespielte Stammelf verfügt. Und weil Gündogan nach seinem Wechsel vom 1. FC Nürnberg einen ganz schwachen Start bei seinem neuen Verein erwischte. Es hieß, er habe ein paar Kilogramm zu viel ins Ruhrgebiet mitgebracht. Das laufintensive Spiel der Borussia war eine zu große Umstellung.
Ein Tor für das Selbstbewusstsein
Nach zehn Spieltagen verlor er seinen Stammplatz, war danach teilweise nicht einmal mehr im Kader. Gündogan, der im Oktober 2011 sein Debüt in der deutschen Nationalmannschaft feierte, musste sich viel Kritik gefallen lassen. Jetzt haben ihm vier Spiele in der Rückrunde gereicht, um vom ehemaligen Tribünengast zur Schlüsselfigur zu werden. Das ist im Fußball schon oft passiert. Und wie so oft kann auch bei Gündogan keiner diese Entwicklung so genau erklären.
Seit dem Siegtreffer in der letzten Minute der Verlängerung im DFB-Pokalhalbfinale gegen Greuther Fürth hat Gündogan das Selbstbewusstsein für sein Spiel wiedergefunden. Das Tor in Wolfsburg war sein drittes für den BVB. Zuvor war er in Nürnberg auf sechs Treffer gekommen - in zwei Jahren. Und parallel ist Gündogan vom Mitläufer zum Antreiber geworden - und zum forschen Gast vor den Mikrofonen.
Plötzlich wieder Leistungsträger
Im mit Kehl, Sven Bender und Moritz Leitner stark besetzten defensiven Mittelfeld der Dortmunder ist Gündogan plötzlich wieder Leistungsträger. Als er am 28. Spieltag im Heimspiel gegen den VfB Stuttgart ausgewechselt wird, sehen Experten in dieser Aktion von Trainer Jürgen Klopp anschließend den Wendepunkt. In einer Partie, in der lange alles nach einem klaren Sieg für die Gastgeber aussieht, steht es 2:0 für Dortmund, als Gündogan vom Feld muss. Am Ende reichte es nur zu einem 4:4. Nach der "gefühlten Niederlage" (Weidenfeller) durfte sich beim BVB einzig Gündogan als kleiner Gewinner fühlen.
Dabei gelingt ihm auf dem Platz längst noch nicht alles. Seine Qualitäten in der Defensive sind ausbaufähig, noch immer landen zu viele Bälle beim Gegner. Doch dort, wo er zu Saisonbeginn hektisch zum Nebenmann gespielt hatte, wirkt Gündogan nun ruhiger, abgeklärter - und blüht auf.
Den Fans lässt er seit Anfang des Jahres regelmäßige Foto-Botschaften per Facebook zukommen, egal ob beim gemeinsamen Sushi-Essen mit Teamkollege Shinji Kagawa oder direkt aus dem Mannschaftsbus der Borussia. Von der Rückfahrt aus Wolfsburg postete er ein Bild, auf dem er lässig mit dem Kroaten Ivan Perisic posiert. Nichts ist mehr zu spüren von früheren Selbstzweifeln.
"Es war eine schwierige Situation. Ich hatte mir das anders vorgestellt", hatte Gündogan noch Ende Februar gesagt. Rund sechs Wochen später, kurz vor dem wegweisenden Duell im Meisterkampf gegen den FC Bayern, spricht er nun mit großer Freude über den kommenden Gegner: "Ich glaube, wir können das gewinnen." Er weiß: Seine Chancen, gegen den Rekordmeister von Beginn an aufzulaufen, stehen gut.
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