In Bochum: Werder-Fans provozieren Polizeieinsatz gegen Rechtsradikale

So sieht Zivilcourage aus: Bremens Fans haben beim Auswärtsspiel in Bochum dafür gesorgt, dass eine Gruppe Rechtsradikaler von der Polizei aus dem Block der Gäste gebracht wurde. Werder-Sportchef Klaus Allofs lobte die Aktion.

Hamburg - Fragt man friedliche Anhänger, warum sie sich nicht gegen Rechtsradikale und Hooligans in den eigenen Reihen auflehnen, trifft man auf eine Mischung aus Hilflosigkeit, Resignation und Angst. Dass es durchaus auch anders geht, haben Anhänger aus Bremen bei Werders 0:0 in Bochum bewiesen. Als sechs Mitglieder der Organisation "Nordsturm Hansestadt Bremen" (NS-HB) kurz nach Spielende im Stadion zum wiederholten Mal ein Plakat mit ihrem Logo ausrollen wollten, skandierten die Fans der Grün-Weißen "Nazis raus" und provozierten - vereinzelt allerdings auch durch Handgreiflichkeiten - einen Einsatz der Polizei. Auch einige Bochum-Fans schlossen sich der Aktion an und bekundeten lautstark ihre Abneigung gegen Rechtsradikale im Stadion.

"Es entspricht den Vorstellungen von DFB und DFL, dass die Fans nicht wegschauen, wenn Wirrköpfe und Verblendete die Bühne des Fußballs missbrauchen wollen, sondern in Solidarität schnell und entschlossen handeln, um solche Chaoten in ihre Grenzen zu weisen. Wie sie reagiert haben, ist das, was ich immer unter dem Stichwort 'Allianz der Vernünftigen' bezeichne", sagte Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in einem Interview mit dem "Hamburger Abendblatt".

"Elf Personen haben während des Spiels mehrfach ein Spruchband gezeigt, auf dem die vier Buchstaben 'NSHB' der Gruppierung sowie ein stilisierter Totenschädel zu sehen waren. Sechs Personen aus dieser Gruppe, die der Polizei bekannt ist und dem rechten Spektrum angehört, wurden unmittelbar nach Spielende von uns im Block zu ihrem eigenen Schutz in Gewahrsam genommen", sagte Polizei-Einsatzleiter Ulrich Grzella dem sid. Die Personen wurden über den Innenraum abgeführt, einige von ihnen provozierten selbst dabei noch mit Jubelposen in Richtung der eigenen Kurve.

Grzella hob hervor, dass kein Straftatbestand vorliege. Deshalb wurden die Personen nach einer Befragung noch am Samstagabend von der Bundespolizei per Zug zurück nach Bremen geschickt. Eine Rückreise mit dem Fan-Sonderzug, die die Gruppe ursprünglich angestrebt hatte, habe die Polizei "aus Sicherheitsgründen" untersagt.

Zwanziger will sich öffentlich bei den Bremer Fans für ihre Zivilcourage bedanken: "Ich habe bereits Kontakt mit Ligaverbands-Präsident Reinhard Rauball aufgenommen und mit ihm vereinbart, dass wir gemeinsam demnächst bei einem Treffen mit den Bremer Fans ein sichtbares Zeichen der Anerkennung zum Ausdruck bringen werden."

Allofs lobt engagierte Fans

"Eine gute Aktion unserer Fans", sagte Sportdirektor Klaus Allofs, "das ist nicht das Gedankengut von Werder Bremen". Der Ex-Nationalspieler glaubt, dass sich die Gruppierung in den Werder-Block "eingeschleust" hat. Die Gruppe ist schon mehrfach unangenehm aufgefallen. Unter anderem sollen "Nordsturm"-Anhänger auch unter den Hooligans gewesen sein, die im Januar 2007 eine Veranstaltung eines links gerichteten Ultra-Fanclubs im Ostkurvensaal des Bremer Weserstadions überfallen hat. Damals wurden mehrere Personen zum Teil schwer verletzt.

Club-Mediendirektor Tino Polster verwies nach den Zwischenfällen in Bochum auf das "sehr vitale Antidiskriminierungsprogramm", für das Werder vor dem Länderspiel gegen England am 19. November in Berlin als einer von drei Preisträgern mit dem "Julius-Hirsch-Preis 2008" ausgezeichnet wird: "Die wahren Fans haben in dieser Situation auf beeindruckende Weise Zivilcourage und Mut demonstriert. Ich denke, dass man stolz auf diese schnelle und kompromisslose Reaktion unserer Anhänger sein kann."

Der Preis in Erinnerung an den in Auschwitz ermordeten jüdischen Nationalspieler war vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) im Jahr 2005 als eine Konsequenz aus der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Rolle des Verbandes in der NS-Zeit gestiftet worden. Er zeichnet den Einsatz für Toleranz und Menschenwürde, gegen Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus aus.

mig/sid

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