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30. Dezember 2012, 19:59 Uhr

Premier League

Die Kamikaze-Liga

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Vorne top, hinten flop: In der englischen Premier League folgt ein Torfestival dem anderen. Die Clubs setzen voll auf Offensive, kaufen Ballkünstler und Torjäger - und vergessen dabei die Verteidigung. National sorgt das für Spektakel, international dürfte es die falsche Taktik sein.

Was für ein langweiliger Fußball-Sonntag in England! Der FC Chelsea gewann beim FC Everton 2:1, Liverpool siegte bei den Queens Park Rangers 3:0. Sechs Treffer in zwei Spielen, eigentlich solide, aber geradezu unspektakulär für diese Premier-League-Saison, die ein wahres Tor-Fest für die Fans ist. Richtig stark war dafür der Samstag.

"Glorreiche Angriffe, alberne Verteidigung: Das war ein Spiel, das die verrückte Attraktivität dieser Saison zusammenfasst", schrieb die Tageszeitung "The Guardian" nach dem Zehn-Tore-Festival zwischen dem FC Arsenal und Newcastle United, das die Londoner 7:3 gewonnen hatten. Ein außergewöhnliches Ergebnis, das in England mittlerweile als der normale wöchentliche Wahnsinn durchgeht. Am zweiten Weihnachtstag gewann Manchester United gegen Newcastle 4:3, drei Tage zuvor fertigte Chelsea Gegner Aston Villa 8:0 ab.

In einer Liga, in der viele Jahre das Motto "Defense first" galt, heißt die Parole in dieser Saison: "Goals, goals, goals!"

Immer mehr Clubs in der Premier League verfolgen mittlerweile "eine offensive Spielphilosophie", wie Arsenals Coach Arsène Wenger festgestellt hat. Dieses Denken prägt auch die Transferaktivitäten, vor allem die der Spitzenclubs, die in erster Linie offensive Top-Spieler einkaufen, aber kaum Stars für die Defensive.

In England gilt derzeit die Devise: Tore schießen ist wichtig, Tore verhindern nicht so sehr. "Es gibt eigentlich kein Team, das darauf ausgerichtet ist, das Spiel des Gegners zu stoppen", sagt Paul Lambert, früher Profi bei Borussia Dortmund und heute Trainer bei Aston Villa. Sein Team kämpft als Tabellen-17. gegen den Abstieg, hat in 20 Spielen 15 Treffer erzielt - und ist damit neben den Queens Park Rangers (16) einer von nur zwei Clubs, der eine Quote von weniger als einem Tor pro Partie hat. Alle anderen Teams treffen im Schnitt mehr als einmal pro Spiel, selbst die Abstiegskandidaten.

Der Trend in England zu mehr Toren auf Kosten der Defensive lässt sich erneut gut an den drei Top-Clubs ManUnited, Arsenal und Chelsea zeigen, die die Premier League in den vergangenen fast zwei Jahrzehnten dominiert und dabei 16 der vergangenen 17 Meisterschaften gewonnen haben.

Was das alles bedeutet? Für die Zuschauer zunächst mal Spektakel, für die Clubs berauschende Spiele - zumindest national. Doch international, auch das zeigt diese Saison, scheint der Fokus auf eine ungehemmte Offensive das falsche Mittel. Chelsea erzielte in den sechs Gruppenspielen der Champions League 16 Tore, kein anderes Team traf öfter. Allerdings mussten die Londoner auch zehn Gegentreffer hinnehmen und schieden als Gruppendritter aus. Manchester City (7:11 Tore) überstand die Vorrunde ebenfalls nicht.

Von den englischen Clubs erreichten lediglich Arsenal (10:8 Tore in der Vorrunde) und ManUnited (9:6) das Achtelfinale. Dort treffen die Londoner auf den FC Bayern München (15:7), Manchester muss gegen Real Madrid (15:9) antreten. Es dürften torreiche Vergleiche werden.

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