Premier League: Die Kamikaze-Liga

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Vorne top, hinten flop: In der englischen Premier League folgt ein Torfestival dem anderen. Die Clubs setzen voll auf Offensive, kaufen Ballkünstler und Torjäger - und vergessen dabei die Verteidigung. National sorgt das für Spektakel, international dürfte es die falsche Taktik sein.

Spitzenclubs in der Premier League: Geballte Offensivpower Fotos
AP

Was für ein langweiliger Fußball-Sonntag in England! Der FC Chelsea gewann beim FC Everton 2:1, Liverpool siegte bei den Queens Park Rangers 3:0. Sechs Treffer in zwei Spielen, eigentlich solide, aber geradezu unspektakulär für diese Premier-League-Saison, die ein wahres Tor-Fest für die Fans ist. Richtig stark war dafür der Samstag.

"Glorreiche Angriffe, alberne Verteidigung: Das war ein Spiel, das die verrückte Attraktivität dieser Saison zusammenfasst", schrieb die Tageszeitung "The Guardian" nach dem Zehn-Tore-Festival zwischen dem FC Arsenal und Newcastle United, das die Londoner 7:3 gewonnen hatten. Ein außergewöhnliches Ergebnis, das in England mittlerweile als der normale wöchentliche Wahnsinn durchgeht. Am zweiten Weihnachtstag gewann Manchester United gegen Newcastle 4:3, drei Tage zuvor fertigte Chelsea Gegner Aston Villa 8:0 ab.

In einer Liga, in der viele Jahre das Motto "Defense first" galt, heißt die Parole in dieser Saison: "Goals, goals, goals!"

Immer mehr Clubs in der Premier League verfolgen mittlerweile "eine offensive Spielphilosophie", wie Arsenals Coach Arsène Wenger festgestellt hat. Dieses Denken prägt auch die Transferaktivitäten, vor allem die der Spitzenclubs, die in erster Linie offensive Top-Spieler einkaufen, aber kaum Stars für die Defensive.

  • Beispiel Manchester United: Anstatt die Defensive zu stärken, holte Trainer Alex Ferguson für diese Saison lieber Spieler für die eh schon formidable Offensive. Daher zaubern neben Wayne Rooney, Javier Hernández und Nani nun auch noch Robin van Persie und Shinji Kagawa. Dabei bräuchte der Tabellenführer dringend einen guten Torhüter, einen weiteren Innenverteidiger und frische Kräfte im defensiven Mittelfeld.
  • Beispiel FC Chelsea: Arsenals Londoner Stadtrivale hat im vergangenen Sommer 40 Millionen Euro für den Belgier Eden Hazard ausgegeben, eines der größten Offensivtalente in Europa. Dafür gab der Club in José Bosingwa und Raul Meireles zwei Defensivkräfte ab, die vergangene Saison entscheidenden Anteil am Gewinn der Champions League hatten.
  • Beispiel FC Arsenal: 39 Tore haben die Londoner in der Hinrunde geschossen, 19 davon erzielten Lukas Podolski, Olivier Giroud und Santi Cazorla - allesamt vor dieser Saison gekommen. Dabei hätte auch Wenger Zugänge für die Viererkette gebrauchen können, die von Per Mertesacker organisiert wird.

In England gilt derzeit die Devise: Tore schießen ist wichtig, Tore verhindern nicht so sehr. "Es gibt eigentlich kein Team, das darauf ausgerichtet ist, das Spiel des Gegners zu stoppen", sagt Paul Lambert, früher Profi bei Borussia Dortmund und heute Trainer bei Aston Villa. Sein Team kämpft als Tabellen-17. gegen den Abstieg, hat in 20 Spielen 15 Treffer erzielt - und ist damit neben den Queens Park Rangers (16) einer von nur zwei Clubs, der eine Quote von weniger als einem Tor pro Partie hat. Alle anderen Teams treffen im Schnitt mehr als einmal pro Spiel, selbst die Abstiegskandidaten.

Der Trend in England zu mehr Toren auf Kosten der Defensive lässt sich erneut gut an den drei Top-Clubs ManUnited, Arsenal und Chelsea zeigen, die die Premier League in den vergangenen fast zwei Jahrzehnten dominiert und dabei 16 der vergangenen 17 Meisterschaften gewonnen haben.

  • Beispiel Manchester United: In der Hinrunde dieser Saison hat der Club 48 Tore erzielt. Mehr waren es in den vergangenen zehn Jahren nur einmal: Zur Halbzeit der vergangenen Spielzeit hatte das Ferguson-Team 49-mal getroffen. Zugleich kassierte ManUnited in den ersten 19 Spielen 28 Tore - so viele Gegentreffer in einer Hinrunde hat es in zehn Jahren nicht gegeben.
  • Beispiel FC Chelsea: 39 Tore bedeuten den drittbesten Wert einer Hinrunde in den vergangenen zehn Jahren. Nur in den Saisons 2009/2010 (43) und 2005/2006 (41) gab es mehr. 17 Tore in 19 Spielen haben die Londoner aber im Zehn-Jahres-Vergleich erst einmal hinnehmen müssen: In der vergangenen Saison waren es 24 Gegentreffer in der Hinrunde.
  • Beispiel FC Arsenal: Auch Arsenal hat in 19 Spielen 39-mal getroffen. Und wie im Fall Chelsea gab es in zehn Jahren nur zweimal mehr Treffer in der Hinrunde: 2009/2010 (51) und 2004/2005 (47). Einziger kleiner Ausreißer in dieser Gesamtentwicklung ist die Anzahl von Arsenals Gegentoren im Zehn-Jahres-Vergleich. 21 waren es in dieser Hinrunde, in insgesamt vier Spielzeiten seit 2003 waren es mehr.

Was das alles bedeutet? Für die Zuschauer zunächst mal Spektakel, für die Clubs berauschende Spiele - zumindest national. Doch international, auch das zeigt diese Saison, scheint der Fokus auf eine ungehemmte Offensive das falsche Mittel. Chelsea erzielte in den sechs Gruppenspielen der Champions League 16 Tore, kein anderes Team traf öfter. Allerdings mussten die Londoner auch zehn Gegentreffer hinnehmen und schieden als Gruppendritter aus. Manchester City (7:11 Tore) überstand die Vorrunde ebenfalls nicht.

Von den englischen Clubs erreichten lediglich Arsenal (10:8 Tore in der Vorrunde) und ManUnited (9:6) das Achtelfinale. Dort treffen die Londoner auf den FC Bayern München (15:7), Manchester muss gegen Real Madrid (15:9) antreten. Es dürften torreiche Vergleiche werden.

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1. Besser so, als andersrum!
Emmi 30.12.2012
Ein 5:4 im Europapokal ist mir jedenfalls immer lieber als ein armseliges 1:0...
2. Besser so, als andersrum!
Emmi 30.12.2012
Ein 5:4 im Europapokal ist mir jedenfalls immer lieber als ein armseliges 1:0...
3.
netchilla 30.12.2012
in der bundesliga gibt es nur 2 teams mit weniger als einem tor pro spiel... die spitzenteams kommen auch auf ähnliche torquoten. es gibts zwar seltener diese extremen spiele, aber im großen und ganzen fallen ähnlich viele tore.
4. auch...
tobih 30.12.2012
...wenn die erfolge der englischen clubs international eher mager ausfallen (den dusel-CL-titel für chelsea letzte saison mal aussen vor...), einen geilen fussball wird auf der insel schon gespielt: viel schneller, viel körperbetonter, viel offensiver, daß die internationalen erfolge fehlen: geschenkt! fussball soll unterhalten und beim zuschauen spaß machen und das macht der englische fussball deutlich besser als z.b. das ballgeschiebe der spanischen oder italienischen clubs. Dazu kommt noch die fanmentalität der engländer, die auf das ganze ultra-kindergarten-gehabe pfeifen und einfach zum fussball gehen, um ihre mannschaft anzufeuern, auch mal zu kritisieren und um ein spannendes, gutes spiel zu sehen...ich liebe die premier league!!
5.
WhereIsMyMoney 30.12.2012
Nee, das ist total falsch. Ich glaube in internationalen Spielen waren die Engländer immer defensiv eingestellt. Man siehe die vier Verträter in der CL in dieser Saison. In der heimischen Liga schiessen sie eben viele Tore weil es sehr viele schlechte Mannschaften gibt. Wenn man in der Bundesliga erstmal hinten liegt, haben es selbst Bayern und Dortmund sehr schwer wieder zurückzukommen. Wie schwach die Liga ist sieht man auch daran dass ManUtd es tatsächlich geschafft hat nach 17 Spieltagen genauso viele Punkte zu holen wie die Bayern in ihrer besten Saison überhaupt. Und mittlerweile dürften selbst Laien den Unterschied zwischen Bayern und ManUtd erkennen. Achja, wieso wird überhaupt über die PL berichtet? Ich weiss, die anderen Ligen haben Pause, aber es gibt ja auch noch andere Sportarten. Die müssten gerade jetzt ein bisschen Aufmerksamkeit bekommen, da der Fussball eine Ruhepause hat.
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