In der Färöer-Kurve Tiefkühlfische, Nutella und ein Hooligan

700 Fußballfans waren von den Schafsinseln zur EM-Qualifikation ins Land des Vizeweltmeisters Deutschland gepilgert. Die knappe Niederlage ihrer Mannschaft feierten die Färinger in Hannover wie einen Sieg.

Von Dietrich zur Nedden


700 Färinger feiern in Hannover
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700 Färinger feiern in Hannover

Hannover - Im Nachhinein konnte man die Stimmung vor Spielbeginn im Fan-Block der Färöer durchaus unter dem Begriff "realistischer Optimismus" zusammenfassen. Ein Unentschieden sei durchaus drin, sagte ein Färinger, während ein Landsmann von ihm das Angebot eines deutschen Souvenir-Sammlers, zehn Euro für einen Färöer-Schal zu zahlen, brüsk ablehnte: Unter 500 sei da nichts zu machen.

Eine Kleingruppe Jugendlicher verbrachte schon den zweiten Tag in der niedersächsischen Landeshauptstadt: Der Tiefkühlfisch-Tycoon der Inseln im Nordatlantik hatte seinem Sohn und vier von dessen Freunden die Reise spendiert. Und die hatte sich jetzt schon gelohnt: Tiefen Eindruck bei dem 20-jährigen Sören beispielsweise hatten die Entdeckung des nahrhaften deutschen Mehrkornbrotes und einer Schokoladenschmiere namens Nutella hinterlassen. Und die lokale Biermarke sowieso.

"Deutsche gegen St. Pauli"


Ein anderer junger Färinger wollte partout einen Schal, auf dem "St. Pauli" draufstand. Es stand noch mehr da: "Deutsche gegen St. Pauli". Der Tauschpartner war ein Hooligan. Als man ihn darauf hinwies, entgegnete der Junge sportlich stolz: "Right wing? Very good!"

Etwas oberhalb von ihnen saß beinahe vollzählig versammelt der Deutsch-Färöische Freundeskreis, aber bis auf die insgesamt etwa 700 angereisten Fans hatten es die restlichen 47.800 Färinger (Zählung Februar 2001) schließlich doch vorgezogen, zu Hause zu verweilen, obwohl alle problemlos ins Niedersachsenstadion gepasst hätten. Mobilfunktelefonate hielten die Daheimgebliebenen präzise auf dem Laufenden.

Mit der blitzschnellen Führung für die Deutschen durch Ballacks Elfmetertreffer war allerdings zuerst die schlechte Nachricht zu übermitteln. In diesem Moment war der von Experten wie Paul Breitner und Kalle Rummenigge erwartete Kantersieg ein nahe liegendes Denkmodell. Würden nun die Gäste aus dem fernen Norden saudi-Arabien-mäßig untergehen? Quasi als Fortsetzung der Schöpfungslegende, die erzählt, dass Gott die Färöer schuf, nachdem er mit der Erde fertig war und den Schmutz unter seinen Fingernägeln herauspulte?

Max und Uwe gehen eine Wurst essen


Nach dem 1:1-Ausgleich war der Fußball-Zwerg der Sensation nahe
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Nach dem 1:1-Ausgleich war der Fußball-Zwerg der Sensation nahe

Nein, sogar der Fachkollege namens Fußballgott musste vorerst nicht ernsthaft Partei ergreifen, denn die Färinger spielten nicht nur ordentlich und beherzt mit, sondern hatten auch in Jákup Mikkelsen, der als Profi in Dänemark spielt, einen großartigen Keeper. Und dann, kaum zu glauben, sogar dieser Ausgleich unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff! Nach einer Flanke von Borg köpfte Arne Friedrich versehentlich den Ball ins eigene Tor, woraufhin die Zuschauer länderübergreifend eine Zugabe forderten.

Dennoch war in der Pause Max Lorenz, die Werder-Legende mit 19 Länderspielen, fest davon überzeugt, dass die deutsche Auswahl das Spiel letztlich klar gewinnen würde. Bevor er aber seine Analyse näher erläutern konnte, trieb ihn sein Freund Uwe Seeler zur Eile: "Max, wir woll'n doch noch 'ne Wurst essen!"

Die zweite Halbzeit begann wie die erste geendet hatte. Deutschland wirkte unentschlossen und wurde nervöser, konnte sich aber auf Kloses Goalgetter-Qualitäten verlassen, der in der 59. Minute eine Hereingabe des eingewechselten Freier mit dem Kopf ins färingische Tor beförderte.

1000 Dank, liebe Färinger


Der Traum vom Unentschieden war beendet für die Nachfahren der Wikinger, so schien es, doch sie gaben nicht auf. Ein Pfostenschuss von Elttoer in der 86. Minute war das Ergebnis der dicksten färingischen Chance, und auch anderweitig hatte Kahn zu tun, Oliver Kahn, der sich vorher in einem Interview über Spiele wie dieses geärgert hatte, "die eigentlich kein Mensch braucht".

So schaukelte man den knappen Sieg dröge bis ins Ziel, erntete Pfiffe vom Publikum, das im Gegenzug den Färingern nach dem Schlusspfiff ausgiebig Applaus spendete, während auf den Färöern, da war sich Trainer Henrik Larsen ganz sicher, ausgiebig gefeiert wurde.

Spiele, die kein Mensch braucht: Wenn die Uefa wirklich einmal, wie immer wieder diskutiert, für die sogenannten kleinen Nationen eine Vor-Qualifikation einführen sollte, um den Giganten des Fußballs lästige Kicks dieser Art zu ersparen, spätestens dann wird man merken, dass der letzte Rest des Fußballspiels, so wie hoffnungslose Romantiker es schätzen, eliminiert ist. Aber bis dahin dürfen wir an Abenden wie diesen unsere Freude haben. Túsund takk, liebe Färinger.



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