Indische Fußballer 1952 Barfuß ins Glück

1952 gastierte die indische Fußball-Nationalmannschaft in Hamburg. Als ob das nicht schon exotisch genug gewesen wäre, liefen fünf der Asia-Kicker barfuß auf. HSV-Spieler Jochenfritz Meinke erinnert sich im Magazin "11FREUNDE" an die legendäre Partie.

Barfuß-Fan: Sehr naturverbundene Variante der Fortbewegung
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Barfuß-Fan: Sehr naturverbundene Variante der Fortbewegung


Es gab ungläubige Gesichter in der Kabine. Nur Trainer Georg Knöpfle verzog keine Miene. "Einige Spieler der indischen Nationalelf werden am kommenden Sonntag ohne Schuhe antreten", wiederholte er. Bei vielen Indern sei das so üblich, sagte er, zumindest waren sie so zwei Wochen zuvor bei den Olympischen Sommerspielen in Helsinki angetreten und hatten 1:10 gegen das damalige Jugoslawien verloren.

Beinahe hätten sie sogar barfuß an der WM 1950 teilgenommen. Doch der Weltverband Fifa erlaubte schuhloses Spiel nicht. Und mal ehrlich: Wie sollte das auch gehen? Ich stellte mir vor, wie die Inder miteinander auf einer Wiese barfuß kickten, doch wie sie gegen eine Mannschaft mit echten Lederschuhen und Stollen bestehen wollten, war mir unbegreiflich. Zumal unser Spiel nicht am Rothenbaum, sondern im Billtalstadion im östlichen Hamburger Stadtteil Bergedorf stattfand - auf einem Grandplatz.

Wir kannten keinen einzigen indischen Spieler. Die internationale Presse schrieb von einem Halbstürmer, Ahmed Khan, den sie als Ballvirtuosen bezeichneten. Auch er sollte barfuß spielen. Die Hamburger Zeitungen machten derweil ordentlich Werbung für das Spiel. Man hoffte auf Schaulustige, auf ein Spektakel, sie inszenierten das Duell - der große HSV gegen die Exoten aus der fernen Welt. Denn wer kannte damals schon Indien? Wir wussten, dass Indien eine Hockeynation war, dass man dort auch gerne Cricket spielte. Aber Fußball? Unvorstellbar.

Das Trommeln half, denn es strömten mehr als 15.000 Interessierte ins Billtalstadion. Das war dort eine durchaus beachtliche Zahl, denn normalerweise verirrten sich nie mehr als 3000 Fans zu den Spielen des ASV Bergedorf 85. Auch wenn es nur ein Freundschaftsspiel war, wollten wir uns natürlich keine Blöße geben. Wir wollten den Fans was bieten. Doch ehe wir uns versahen, stand es 1:3.

Es war nicht so, dass wir die Inder unterschätzten. Wir hatten schon beim Einspielen gesehen, wie die Jungs mit dem Ball umgehen konnten, wie filigran sie sich bewegten, wie fünf oder sechs von ihnen mit bandagierten Füßen über den Grandacker schwebten. Es war zum einen die Umstellung, plötzlich auf Asche spielen zu müssen - der Ball springt ja ganz anders als auf einem Rasenplatz; zum anderen trauten wir uns anfangs nicht, richtig in die Zweikämpfe zu gehen.

Gerade für mich als Abwehrspieler war es schwierig, die wieselflinken Angreifer zu stoppen. Zudem waren die Inder auch taktisch auf der Höhe der Zeit, Indien spielte klassisch mit vier Stürmern, dahinter mit Halbstürmer, einem offensiven und einem defensiven Außenläufer. Alleine, sie waren uns körperlich eigentlich unterlegen.

Einige konnten ihre Schadenfreude natürlich nicht verbergen. Schließlich waren wir der große HSV. Doch in der zweiten Hälfte mussten wir die Schaulustigen enttäuschen. Kurz nach dem Wiederanpfiff machte Walter Schemel das 2:3, dann drehte Herbert Wojtkowiak mit einem Doppelpack die Partie. Und kurz vor Schluss schoss Werner Harden noch zum 5:3 ein. Ich stand mittlerweile im Tor, denn Keeper Otto Globisch hatte sich an der Schulter verletzt, und wir waren ohne Ersatztorwart nach Bergedorf gefahren.

Nach dem Spiel ging es für uns rasch nach Hause, denn viele von uns mussten am nächsten Tag zur Arbeit. Ich betrieb damals mit meinem alten Herrn eine Tankstelle an der Süderstraße in Hamburg-Hammerbrook. Wie absurd das heute alles klingt - eine Nationalelf ohne Schuhe und HSV-Fußballer, die tagsüber an der Zapfsäule stehen.

Protokoll: Andreas Bock



insgesamt 3 Beiträge
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wrsc 11.10.2010
1. Barfuß ins Glück
Mein erstes selbst erlebtes HSV-Spiel. Hätte nie geglaubt, von diesem Spiel noch mal etwas zu lesen.
Haio Forler 11.10.2010
2. .
Zitat von sysop1952 gastierte die indische Fußball-Nationalmannschaft*in Hamburg. Als ob das nicht schon exotisch genug gewesen wäre, liefen fünf der Asia-Kicker barfuß auf. HSV-Spieler Jochenfritz Meinke erinnert sich*im Magazin "11FREUNDE" an die legendäre Partie. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,717303,00.html
Heute würde man gegen Materazzi aber nicht mehr barfuß spielen. Da bekommt das Wort "Nirwana" plötzlich einhe existenzielle Bedeutung.
brenfan 12.10.2010
3. Legenden
Meine indischen Kollegen berichten, dass die Jungs noch heute eine Legende in Indien sind.
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