Initiative: Warum der Fußball eine neue Elfmeterregel braucht

Warum widersprechen sich manche Fußballregeln? Warum machen sie das Spiel langsamer und unattraktiver? Diese Fragen stellte sich Jens Jeep. Herausgekommen sind sechs Änderungsvorschläge. Wir stellen sie vor und fragen: Hat er recht? Diskutieren Sie mit.

Der Ball ist rund und muss ins Tor. Mit diesem Grundsatz ließe sich schon Fußball spielen. Aber dabei belassen wir es nicht. Viele weitere Regeln bestimmen das schönste Spiel der Welt. Ganze 118 Seiten umfasst das Regelwerk des DFB 2008/2009. Und doch regen wir uns oft auf: Über Schwalben im Strafraum, falsch gepfiffene Abseitsstellungen, ewige Spielverzögerungen kurz vor Spielende, taktische Fouls und über viel zu frühe oder viel zu späte Abpfiff durch den Schiedsrichter.

Zweikampf im Strafraum: "Elfmeterreif oder nicht?"
DDP

Zweikampf im Strafraum: "Elfmeterreif oder nicht?"

Muss das so sein? Gehört das zum Spiel? Mit sechs Vorschlägen könnte man unser aller Lieblingsspiel noch spannender machen. Im ersten Teil unserer Serie: das Dogma vom Elfmeter.

Paradox ist, wenn man X will, aber Y bekommt. So funktioniert jedoch die Strafstoßanordnung in Regel Nr. 12 des DFB. Sie baut auf dem direkten Freistoß auf und klingt plausibel:

Ein Spieler verursacht einen direkten Freistoß für das gegnerische Team, wenn er eines der nachfolgend aufgeführten sieben Vergehen nach Einschätzung des Schiedsrichters fahrlässig, rücksichtslos oder mit unverhältnismäßigem Körperseinsatz begeht:

  • einen Gegner tritt oder versucht, ihn zu treten,
  • einem Gegner das Bein stellt oder es versucht,
  • einen Gegner anspringt,
  • einen Gegner rempelt,
  • einen Gegner schlägt oder versucht, ihn zu schlagen,
  • einen Gegner stößt,
  • einen Gegner bedrängt.

Dem gegnerischen Team wird ebenfalls ein direkter Freistoß zugesprochen, wenn ein Spieler eines der nachfolgenden drei Vergehen begeht:

  • einen Gegner hält,
  • einen Gegner anspuckt,
  • den Ball absichtlich mit der Hand spielt (gilt nicht für den Torwart im eigenen Strafraum)."

Der direkte Freistoß wird an der Stelle ausgeführt, an der sich das Vergehen ereignete.

Begeht ein Spieler des verteidigenden Teams eines der genannten zehn Vergehen im eigenen Strafraum, ist dies durch einen Strafstoß zu ahnden, vorausgesetzt, der Ball war im Spiel. Dabei ist unerheblich, wo sich der Ball zum Zeitpunkt des Vergehens befand.

Ziel der Strafstoßregel ist, Fouls im Strafraum zu vermeiden, indem diese besonders hart bestraft werden. Daher auch der Name "Strafraum". Doch was passiert? Hören wir mal in die typische Fernsehberichterstattung rein: "Und da geht Ribéry zu Boden, Mertesacker hat ihn am Schienenbein getroffen, aber nein, der Schiedsrichter pfeift nicht, kein Elfmeter, das Spiel geht weiter, eine vertretbare Entscheidung, meine Damen und Herren, denn das war kein elfmeterreifes Foul."

Es scheint also die Kategorie des "elfmeterreifen" Fouls zu geben. Diese findet sich aber nicht im Regelwerk. Der Tatbestand (Foul) wird also in der Praxis von der Rechtsfolge her eingeschränkt (Elfmeter). Das gleiche Foul außerhalb des Strafraums hingegen führt sehr wohl zur entsprechenden Rechtsfolge (direkter Freistoß). Denn das war schon ein "freistoßreifes" Foul. Und damit sind wird beim Paradox: Die Regel will die Regelwidrigkeit besonders im Strafraum verhindern und führt umgekehrt dazu, dass innerhalb des Strafraums viel öfter ungesühnt gefoult werden darf als außerhalb. Wir müssten also eigentlich vom "Nichtstrafraum" sprechen oder vom "Straffreiraum".

Exemplarisch müssen wir nur die Situation vorm Tor kurz vor einem Eckball betrachten: Hier wird gezogen, geklammert, geschubst, als würde beim Kindergeburtstag der letzte Schokokuss verteilt. Und warum? Weil alle wissen, dass hier nie gepfiffen, allenfalls gemahnt wird. Denn das ist ja alles nicht "elfmeterreif". Stimmt natürlich. Ein Elfmeter ist ja auch gar nicht möglich, denn der Ball liegt schließlich noch an der Eckfahne und befindet sich nicht im Spiel. Aber das ändert nichts am Vorliegen eines Fouls, das wir so nicht sehen wollen, weil es das Spiel verfälscht, dem besseren Spieler die Chance zum Tor nimmt.

Daher folgender Regelvorschlag:

Begeht ein Spieler des verteidigenden Teams eines der genannten zehn Vergehen im eigenen Strafraum, ist dies durch einen direkten Freistoß aus 20 Metern Entfernung einer gedachten Linie zwischen Tormitte und Ort des Fouls zu ahnden. Dabei ist unerheblich, wo sich der Ball zum Zeitpunkt des Vergehens befand. Wurde durch das Vergehen nach Auffassung des Schiedsrichters eine konkrete Torchance verhindert, ist dies durch einen Strafstoß zu ahnden.

Eine ähnliche Regel gibt es im Handball. Ein Siebenmeter wird nur gepfiffen, wenn ein Torwurf regelwidrig verhindert wurde. Andere Fouls im Neun-Meter-Raum werden mit einem Freiwurf aus neun Metern geahndet. Das ist sinnvoll. Und die obige Regel würde dazu führen, dass nicht jedes Foul am Strafraumrand, das keine echte Torchance verhindert hat, zu einem Elfmeter führt.

Der Schiedsrichter hätte es leicht: Er kann jedes Foul pfeifen und die Sanktion an die Situation anpassen. Und für die Fernsehmoderatoren würde sich nichts ändern. Sie können weiter in der Kategorie der "Elfmeterreife" denken: "Foul! Aber der Schiedsrichter gibt Freistoß aus 20 Metern! Eine richtige Entscheidung, denn das war niemals elfmeterreif, der Stürmer hatte sich den Ball viel zu weit vorgelegt und wäre gar nicht mehr an diesen rangekommen."

Wir Fans können uns auf mehr Fairness im Strafraum und mehr Freistoßtore freuen. Und damit es nicht ganz langweilig wird, dürfen wir uns weiter über die Frage der "Elfmeterwürdigkeit" streiten.

Lesen Sie im zweiten Teil: Schluss mit dem Ententanz - neue Einwurf- und Eckball-Regeln beim Sperren mit Ball.

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Forum - Braucht der Fußball Regeländerungen?
insgesamt 541 Beiträge
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    Seite 1    
1.
DJ Doena 07.04.2009
Man könnte ja das Spielfeld 30 Meter kürzer und 10 Meter schmaler machen. Oder was meint der Herr Sysop?
2. ..
tschoemitoe 07.04.2009
1. Abseits abschaffen! 2. TV-Beweis am Spielfeldrand einführen! 3. Unberechtigte Karten dürfen zu keiner Sperre führen! 4. Schauspieleinlagen sofort mit Platzverweis ahnden! 5. 50+1 Regelung zementieren! 6. Gehaltsobergrenze für Spieler einführen. 7. Zwangsweiterbildungen für Spieler (v.a. in Sachen Vertragsrecht), so dass Spielerberater verboten werden können! 8. Einheitliches europäisches Lizensierungsverfahren 9. 5 oder mehr Auswechslungen zulassen 10. Zeitstrafen einführen Das wären mal spontan 10 Vorschläge...;-)
3.
SG Dynamo 07.04.2009
Die Frage ist, was man unter attraktiver versteht. Wenn es nur um mehr Tore geht, dann ganz klar nein! Den das ist genau die Tatsache die mich beim Handball und Basketball annervt. Es fallen viel zu viele Tore und man könnte das ganze Spiel auch auf die letzten 10 Minuten begrenzen.
4.
Fischkopp-Cop 07.04.2009
Zitat von sysopSollte es im Fußball neue Regeln geben, um das Spiel schneller, attraktiver und fairer zu machen? Oder sollte alles beim Alten bleiben?
2 Bälle gleichzeitig im Spiel? Wär doch was...
5.
Christian W. 07.04.2009
Man sollte keine Dopingkontrollen durchführen bzw. es mit der Kontrolle künftig nicht mehr ganz so ernst nehmen, denn so können Fußballer auch in der 90 Minute noch mal zu einem entscheidenden Spurt ansetzen, wo der Reporter dann sagt "Wo hat er nur die Kraft dafür jetzt noch her?" Ach, halt... Neue Regeln? Nein. Besser ausgebildete Schiedsrichter, dass ist es, was man braucht. In den letzten Monaten gab es so viele haarsträubende Fehlentscheidungen, dass einem schon fast übel wird.
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