Inter-Trainer Mourinho Der Kaputtmacher

Seine Spieler verehren ihn als Genie, Gegner fürchten seine gnadenlose Fehleranalyse: José Mourinho ist das Enfant terrible unter Europas Trainern. Im Champions-League-Finale trifft er mit Inter Mailand auf seinen alten Lehrmeister Louis van Gaal - seine Taktik gegen die Bayern wird radikal sein.

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Von Christoph Biermann


Er wird es lieben, wenn am Samstagabend ganz Europa gegen ihn ist. Denn wer drückt im Finale der Champions League (20.45 Uhr, Liveticker auf SPIEGEL ONLINE) schon den Defensivkünstlern von Inter Mailand die Daumen, wo der FC Bayern sich doch durch mitreißenden Fußball überraschenderweise die Zuneigung fast aller Fans zwischen dem Nordkap und Sizilien erspielt hat? Also wird José Mourinho, 47, mit wieder einmal kunstvoll verrutschter Krawatte am Spielfeldrand Platz nehmen und mit verächtlicher Geste so tun, als ob ihn die ganze Aufregung um das größte Spiel des Jahres nicht tangiere. Der Coach von Inter Mailand wird sich auf seinem Platz fläzen, als sei er der Lümmel von der Trainerbank, und die Aversionen gegen sich genüsslich einsaugen. Denn wie hat er mal gesagt: "Jesus wurde auch nicht von allen geliebt."

Dabei ist der Portugiese, wenn man schon in christlichen Begrifflichkeiten bleiben möchte, eher der Antichrist. Selbst wenn er im Estadio Santiago Bernabéu plötzlich ganz freundlich daher kommen und verbindlich lächeln sollte, würde das den Verdacht nur noch größer werden lassen, dass er diesmal einen besonders satanischen Plan in der Tasche hat. Auf jeden Fall ist er der Geist, der stets verneint, wie Louis van Gaal ganz genau weiß: "Er will das Spiel des Gegners kaputtmachen", hat der Trainer des FC Bayern gesagt. Das ist kein Vorwurf, denn beide kennen und schätzen sich seit ihrer Zusammenarbeit beim FC Barcelona, es ist eine Feststellung.

Zahnräder finden und blockieren

Mourinho ist mehr als ein Mann der sinistren Selbstinszenierung, der exzentrischen Marotten oder "emotional wie ein Vulkan", wie Inters Präsident Massimo Moratti gesagt hat. Vor allem ist er einer der schärfsten Analytiker, die es im Weltfußball gibt. Mourinho taucht so tief wie wenige seiner Kollegen in den Maschinenraum der gegnerischen Mannschaften ab, um zu sehen, wie deren Räderwerk funktioniert.

Sein Plan ist dabei immer ein zerstörerischer, denn es geht ihm darum, die Zahnräder im Spiel der anderen zu identifizieren, deren Blockade am wichtigsten ist. So wird er schon jetzt darüber nachsinnen, wie man das Laufwunder Ivica Olic ins Leere rennen lassen kann, wie Arjen Robben aus dem Spiel zu nehmen und wie die Zufuhr von Bastian Schweinsteigers Pässen zu stoppen ist.

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Finale in Madrid: Bayern und Inter im direkten Vergleich
Zu Mourinhos größten Meisterstücken kreativer Destruktion gehörten die beiden Spiele von Inter Mailand im Halbfinale der diesjährigen Champions League gegen den FC Barcelona. Niemand hatte zuvor ernsthaft die Kombinationen der Katalanen unterbinden können, doch er stoppte Messi und Co. und überwältigte den Gegner beim 3:1-Sieg im eigenen Stadion auch noch.

Im Rückspiel verteidigte sein Team 70 Minuten lang in Unterzahl gegen die immer noch beste Vereinsmannschaft Europas. Das war grausam anzuschauen, aber zugleich auch faszinierend, denn Inter gelang eine der radikalsten Defensivleistungen, die man auf diesem Niveau wohl jemals gesehen hat. Die Mailänder gaben den Ballbesitz komplett auf und machten das Spiel von Barça nur noch kaputt.

Kontertaktik statt Neo-Catenaccio

Man sollte sich jedoch nicht vertun, denn Mourinhos Fußball ist komplexer als nur ein Neo-Catenaccio. Inter hat in der Serie A zwar die wenigsten Tore kassiert, aber auch die meisten geschossen. Bei Chelsea und zuvor beim FC Porto war das ähnlich, Mourinho ist kein reiner Betonierer, sondern ein Prophet des Konterfußballs. Seine Mannschaften lauern auf die Momente des Umschaltens, wenn der Gegner nach einem Ballverlust noch ungeordnet ist.

Bei Chelsea setzte er dabei vor allem auf den Ivorer Didier Drogba, einen von Mourinhos absoluten Lieblingen, der allein eine Abwehr terrorisieren kann. Selten lässt der Portugiese mit mehr als drei Spielern angreifen, attackiert den Gegner aber oft schon früh. Schon beim FC Porto war Costinha als Spieler hinter den beiden Stürmern nicht etwa hängende Spitze oder ein Spielmacher, sondern der erste Defensivspieler. "Ich wollte nicht, dass die Mittelfeldspieler auf den ersten Ball gehen mussten, sondern erst auf den zweiten", sagt Mourinho.

So wird das Finale in Madrid eines der komplett entgegengesetzten Spielideen. Der FC Bayern unter van Gaal will den Ball unbedingt und möglichst oft, um den Gegner müde zu kombinieren. Inter Mailand unter Mourinho hingegen sagt: Nehmt ihn nur, wir warten auf unseren Moment.

Und wenn es nur der entscheidende Moment der Zerstörung ist.

Egal, wie das Finale ausgeht, Mourinho wird sein Werk mit großer Wahrscheinlichkeit am Endspielort fortsetzen. Er will zu Real Madrid, und auch der Club ist bereit zu diesem faustischen Pakt, der nicht unbedingt ein Fußballvergnügen verspricht - aber Titel.

insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
wolltsnursagen 22.05.2010
1. Alllsooo
Ich find Mourinho symphatisch.. oder um es zu relativieren.. symphatischer als die ganze Bayerntruppe zusammen allemal.
Eppelein von Gailingen 22.05.2010
2. Ist dieser Mourinho an Arroganz und Selbstüberschätzung Leidender oder Strotzender?
Zitat von sysopSeine Spieler verehren ihn als Genie, Gegner fürchten seine gnadenlose Fehleranalyse: José Mourinho ist das Enfant terrible unter Europas Trainern. Im Champions-League-Finale trifft er mit Inter Mailand auf seinen alten Lehrmeister Louis van Gaal - seine Taktik gegen die Bayern wird radikal sein. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,696005,00.html
*Mehr Schein als Sein - vielleicht?* Kann er vor lauter Kaputtsein nicht mehr richtig geradeaus laufen? Der Russenzauberer von Chelsea hat ihn offenbar ausgekippt. Spaniaken und Portugiesen sind in der €-Zone nicht populär und eher gegenwärtig die schrägsten Vögel der EU, denen man nicht über den Weg trauen kann. Dem Mourinho kann man wohl auch nicht über den Weg trauen. Es wäre wirklich ein Fest, wenn die Bayern diesen moralinsauren Haufen heute nicht nur besiegen, schöner wäre es, sie zu deklassieren.
Joseph Tura 22.05.2010
3. Is klar
Das ist mal ein sachlicher Beitrag, wenn man > 20 Leute in einen Topf wirft, und pauschal unsympathisch findet. Insbesondere, das unterstelle ich mal, wenn man keinen der Menschen jemals persönlich getroffen hat. Ich kann aber auch verstehen wenn man als Anhänger eines mittelmäßigen Vereins, unterstelle ich jetzt auch mal, auf alles neidisch ist, was mit den Bayern zu tun hat - und deswegen unsympathisch findet. Irgendwie menschlich. Internazionale ist so weit weg, da kann man auch mal gönnen. PS: Unsachlich kann ich auch :D
soliost 22.05.2010
4. Inter deklassieren?
Inter deklassieren? Mit Verlaub, aber das wird wohl selbst den zuletzt glänzend aufgelegten Bayern nicht gelingen. Ich halte José Mourinho schon jetzt für einen der besten Trainer, die der europäische Vereinsfußball je gesehen hat. Eines Tages wird man ihn in einer Reihe mit Trainern wie Bill Shankly, Bob Paisley, Ernst Happel, Béla Guttmann, Rinus Michels, Udo Lattek, Arrigo Sacchi, Alex Ferguson oder auch Nereo Rocco wiederfinden. Wie übrigens auch Carlo Ancelotti und Louis van Gaal. Noch heute bekomme ich Anfälle von Schwärmerei, wenn ich an seine Ajax-Elf der Saison 1994/95 denke ... und dabei vor allem an das große Halbfinale gegen den FC Bayern München.
Boesor 22.05.2010
5. 6
Zitat von soliostInter deklassieren? Mit Verlaub, aber das wird wohl selbst den zuletzt glänzend aufgelegten Bayern nicht gelingen. Ich halte José Mourinho schon jetzt für einen der besten Trainer, die der europäische Vereinsfußball je gesehen hat. Eines Tages wird man ihn in einer Reihe mit Trainern wie Bill Shankly, Bob Paisley, Ernst Happel, Béla Guttmann, Rinus Michels, Udo Lattek, Arrigo Sacchi, Alex Ferguson oder auch Nereo Rocco wiederfinden. Wie übrigens auch Carlo Ancelotti und Louis van Gaal. Noch heute bekomme ich Anfälle von Schwärmerei, wenn ich an seine Ajax-Elf der Saison 1994/95 denke ... und dabei vor allem an das große Halbfinale gegen den FC Bayern München.
Und Otmar Hitzfeld nicht vergessen.
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