Interne Pyrotechnik-Protokolle DFB verbrennt sich die Finger

Feuer im Stadion? Nein! Pyrotechnik bleibt im deutschen Fußball verboten, so das klare Statement des DFB. Doch SPIEGEL ONLINE liegen Protokolle vor, die zeigen, dass Verbandsvertreter bei Verhandlungen mit den Ultras eine Erlaubnis in Erwägung zogen. Jetzt gerät der Verband in Erklärungsnot.

Ultras (in Hannover): Enttäuschung und Wut
dapd

Ultras (in Hannover): Enttäuschung und Wut

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Der Großteil der Ultra-Szene ist enttäuscht. Enttäuscht und wütend über die gescheiterten Gespräche mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) über das Abbrennen von Pyrotechnik. Nun tauchen Protokolle auf, die die Dialoge der vergangenen Monate zwischen dem DFB und den Hardcore-Fans nachzeichnen. Und sie erklären, warum die Stimmung derzeit so vergiftet ist.

"Der DFB und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) weisen den Vorwurf entschieden zurück, die Faninitiative 'Pyrotechnik legalisieren - Emotionen respektieren' getäuscht und falsche Hoffnungen geweckt zu haben", schrieb der DFB in einer Presseerklärung am 9. September. Damit wehrte sich der Verband gegen die Anschuldigung, er habe die Ultra-Szene belogen. Zudem war es eine Vorbereitung auf das, was nur wenige Wochen später folgen sollte: Der DFB beendete am 2. November den Dialog zum Thema Pyrotechnik und erließ ein Verbot von Brennmaterial und Leuchtfeuern in deutschen Stadien.

Nun kommt jedoch heraus, dass diese Haltung nur wenige Monate zuvor keineswegs absehbar war. Weder von Seiten der Verbände noch von Seiten der Ultras. Im Gegenteil: Am 7. Juni gab es auf einer Sitzung zwischen den Parteien einen Konsens, dass es ab Ende August zu ersten Pyrotechnik-Pilotprojekten kommen könnte. Dies geht aus internen Sitzungsprotokollen hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegen.

Konkrete Regeln für Umgang mit Pyrotechnik

Darin sind Möglichkeiten zur Legalisierung von Pyrotechnik protokolliert, die Helmut Spahn (Ex-Sicherheitschef DFB), Gerald von Gorrisson (Leiter der Fananlaufstelle des DFB) und Thomas Schneider (Fanbeauftragter DFL) gemeinsam mit den Sprechern der Pyrotechnik-Initiative erarbeitet haben. Die Verbände bieten dort an, dass es ein "Treffen mit unseren Vertretern zwecks detaillierter Ausarbeitung der Bedingungen, unter welchen der Abbrand möglich ist", geben wird. Auch soll ein Schreiben an alle Vereine verschickt werden, welches erklärt, dass "sie den Abbrand durch die Szene beantragen können, unter welchen Bedingungen das möglich ist und dass bei einem Abbrand keine Strafen drohen".l

Selbst konkrete Umsetzungsregeln finden sich in den Protokollen: So forderte der DFB eine "Namensliste" derjenigen, die Pyrotechnik im Stadion verwenden dürfen. Genauso wurden der zeitliche und räumliche Rahmen für das kontrollierte Zündeln abgesteckt: "Der Abbrand ist nur nach einer genauen Terminierung möglich. Vorerst: vor dem Spiel, vor Wiederanpfiff oder nach dem Spiel. Abbrand nur in Pyrozonen, wie diese angelegt werden, hängt von Örtlichkeit und Auflagen der Behörden ab." Die DFB-Vertreter kommen zum Ende der Sitzung sogar zu einer verbindlichen Übereinkunft: "Wenn die Einzelfälle funktionieren, soll es in den Richtlinien eine neue Anlage geben, in der das Verfahren, welches für eine Genehmigung von Pyrotechnik in Stadien nötig ist, festgeschrieben wird."

Mit dem Sachverhalt konfrontiert, reagierte der DFB ausweichend: Der Verband verweist auf eine Pressemitteilung, die beschreibt, dass "der auf operativer Ebene nach außen erweckte Eindruck, ein Sportverband könne Pyrotechnik zulassen", im Widerspruch zur Gesetzeslage stehe. Warum dann trotzdem über Monate mit den Ultras verhandelt wurde, wollte die DFB-Spitze genauso wenig beantworten, wie die Frage nach den Kompetenzbereichen des eigenen Sicherheitschefs oder der Fanbetreuer. Mit der Pressemitteilung stellt der Verband die gesetzlichen Kenntnisse von Spahn, Gorrisson und Schneider in Frage. Dies bringt insbesondere die beiden Letztgenannten in eine missliche Position. Denn gerade sie sollen nun in ihren Funktionen als Fanarbeiter die aufgewühlten Ultras wieder besänftigen.

Verhältnis zwischen den Lagern zerrüttet

Das dürfte schwierig werden. Der Dialog mit den Ultras, der erste, den es in dieser Form seit etlichen Jahren gab, hatte die Kraft, das traditionell angespannte Verhältnis zwischen den Lagern zu entspannen. Dazu hätte der DFB aber die Wahrheit sagen müssen. "Denn eigentlich waren auch wir davon überrascht, dass die Verbände so schnell zu Kompromissen bereit waren", sagt Jannis Busse, Sprecher der Initiative "Pyrotechnik legalisieren", SPIEGEL ONLINE.

Hätten die Verbände früher erklärt, dass es keine Möglichkeit für das legale Abbrennen der äußerst gefährlichen Pyrotechnik geben kann, wäre es vielleicht nie zu den Vorfällen während der zweiten DFB-Pokal-Runde im Oktober gekommen, als unter anderem Dresdner Ultras beim Auswärtsspiel in Dortmund mehrfach Bengalos abbrannten. Und die Ereignisse hätten nie dazu geführt, dass nun in Deutschland fast nur noch darüber diskutiert wird, wie restriktiv die Strafen für zündelnde Ultras demnächst ausfallen sollen. Dass das Verhältnis zwischen ihnen und dem DFB in naher Zukunft gekittet werden könnte, scheint ausgeschlossen: "Nach den Lügen gibt es für uns keine Gesprächsbasis mehr", sagt ein Münchner Ultra.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Healthman 09.11.2011
1. Warum muss man über sowas diskutieren?
Pyrotechnik ist gefährlich und berechtigterweise verboten. Wer das in Stadien zündet, verstößt gegen das Gesetz und gefährdet sich selbst und vor allem andere. Man muss sich daher fragen weshalb man hier überhaupt diskutieren will seitens des DFB.
Seraphan 09.11.2011
2. Thema vom Tisch
Zitat von sysopFeuer im Stadion? Nein! Pyrotechnik bleibt im deutschen*Fußball*verboten, so das klare Statement des DFB. Doch*SPIEGEL ONLINE liegen*Protokolle vor, die zeigen, dass Verbandsvertreter*bei Verhandlungen mit den*Ultras eine Erlaubnis in Erwägung zogen.*Jetzt gerät der Verband in Erklärungsnot. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,796667,00.html
Gut, dann ist das Thema ja vom Tisch. Keine Ahnung, welches Pferd die DFB-Männer geritten haben, aber das geht ja überhaupt nicht. Daraus ergibt sich aber nicht automatisch eine Pyro-Orgie in allen Stadien. Scheinbar hatte der DFB die Idee, nur bestimmte Leute auf eigens dafür eingerichteten und fern von anderen Zuschauern und zu bestimmten Zeiten zündeln zu lassen. Nun, das ist wie als mein Vater mit uns Silvesterböller und -raketen kaufen ging, und wir nicht eine einzige Raketenlunte hatten zünden dürfen.
franko_potente 09.11.2011
3. -
Zitat von HealthmanPyrotechnik ist gefährlich und berechtigterweise verboten. Wer das in Stadien zündet, verstößt gegen das Gesetz und gefährdet sich selbst und vor allem andere. Man muss sich daher fragen weshalb man hier überhaupt diskutieren will seitens des DFB.
Nun erklären Sie mir mal Sylvester.
Ollie_ 09.11.2011
4. Gegen Titelzwang
Wenn ich sowas schon lese "...Verhandlungen mit den Ultras...". Wie kann man sich nur von solchen Fangruppierungen auf der Nase rumtanzen lassen als DFB, FCB usw.? Lächerlich.
anomie 09.11.2011
5. Gerne
Zitat von franko_potenteNun erklären Sie mir mal Sylvester.
Sylvester ist der letzte tag des jahres. Der nächste tag wird "neujahr" genannt. In der nacht zwischen diesen tagen (und ich glaube auch schon am 30.12.) ist das zünden von zugelassenen feuerwerkskörpern in der öffentlichkeit erlaubt. Sie ahnen es schon: an ALLEN anderen tagen ist es nicht erlaubt.
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