Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Interview mit André Heller: "Das wird nicht billig für die Fifa"

Sein Traum ist zerplatzt: André Heller hat heute von der Fifa erfahren, dass seine geplante Gala zur Eröffnung der Fußball-WM 2006 nicht stattfinden wird. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Künstler über die Gründe, seine tiefe Enttäuschung und die Folgen für die Freiwilligen.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Heller, die Fifa hat gerade die Gala abgesagt, mit der die Fußball-WM in Deutschland am 7. Juni im Olympiastadion starten sollte. Warum jetzt die Absage?

Künstler Heller: "Offenbar neue Bedenken"
DDP

Künstler Heller: "Offenbar neue Bedenken"

Heller: Mein Team und mich traf die Absage völlig unerwartet und wir müssen jetzt hinnehmen, dass sportliche Erwägungen bei der WM absoluten Vorrang vor Künstlerischem haben. Ich glaubte, dass die Rasenfrage endgültig gelöst sei; dass das Zeitfenster 8. bis 12. Juni für die Verlegung eines neuen Rasens bis zum ersten Training der Brasilianer ausreichend sei. Jetzt kamen offenbar auf Seiten der Fifa, vielleicht auch bei den Brasilianern, erneut große Bedenken auf, dass der Rasen beim Spiel im Olympiastadion am 13. Juni nicht optimale Bedingungen bieten würde. Ich bedauere diese Entwicklung um so mehr, da zum jetzigen Zeitpunkt bereits das außergewöhnliche Ergebnis, das hohe künstlerische Niveau der Arbeit von Regisseur Philippe Decouflé, der Musiker und Komponisten Peter Gabriel und Brian Eno und des Bühnenbildners Mark Fischer klar zu erkennen ist. Ich bin ohne Übertreibung davon überzeugt, dass wir das Genre der Eröffnungsveranstaltungen von sportlichen Großereignissen auf ein bisher nicht gekanntes Qualitäts-Niveau gehoben hätten.

SPIEGEL ONLINE: Ist das auch eine persönliche Niederlage für Sie?

Heller: Jetzt nützt kein Jammern. Ich bin es gewohnt, mich lernend zu verwandeln, auch das soeben Erlebte ist wieder ein interessantes Lehrstück. Jetzt konzentriere ich mich auf die 20-minütige Eröffnungsfeier in München und die Schlußfeier in Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Was wird nun aus den Künstlern, den Tausenden Freiwilligen die schon seit Monaten an der Gala arbeiten?

Heller: Die Fifa hat zugesagt, die vertraglichen Verpflichtungen zu erfüllen.

SPIEGEL ONLINE: Die Show sollte 25 Millionen kosten, viel Geld für ein Fest, das nicht stattfindet.

Heller: Ich bin fürs Künstlerische zuständig, nicht für die Finanzen. Aber billig wird der Spaß für die Fifa sicher nicht. Immerhin wird seit zwei Jahren daran gearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist das Trostpflaster für die Freiwilligen?

Heller: Den Freiwilligen gegenüber will sich die Fifa erkenntlich zeigen, wie steht noch nicht fest. Ich möchte alle Freiwilligen einladen, wenn im Juni mein Projekt "Afrika! Afrika!" in Berlin gastiert. Dann feiern wir gemeinsam ein schönes Fest.

SPIEGEL ONLINE: Was ist aus heutiger Sicht schief gelaufen?

Heller: Es war problematisch, an der Entscheidung festzuhalten, die Gala im Berliner Olympiastadion zu machen, da man derart große Veranstaltungen mit derart großen Umbauten nur an einem Ort durchführen kann, der nicht unmittelbar für ein WM-Spiel gebraucht wird. Es gab Fachleute, die die Rückbauzeit im Stadion auf einen Normalzustand und die Verlegung eines komplett neuen Rasens, unter Berücksichtigung der Anwachszeit, für ausreichend hielten. Und es gab andere, die äußerst skeptisch waren. Ich kann nicht beurteilen, welche der Fraktionen Recht hat. Diese Thematik lag zu keinem Zeitpunkt in meinem Aufgabenbereich.

SPIEGEL ONLINE: Warum kann man nicht in ein anderes Stadion ausweichen?

Heller: Die Show ist inhaltlich und technisch an den Ort des Berliner Olympiastadions angepasst, setzt sich auch in kritischer Weise mit dessen Geschichte auseinander. Sie ist bühnenarchitektonisch auf die Architektur des Stadions ausgerichtet, unsere Freiwilligen, ein Kernbereich der Show, kommen aus Berlin und der Umgebung. Wir müssten bei Null anfangen, organisatorisch und inhaltlich, das ist in einer so kurzen Zeit vollkommen unmöglich und wäre auch nicht im Rahmen der Qualitätskriterien meines Teams zu leisten. Wir arbeiten seit zwei Jahren an der Show und können so etwas nicht in zwei Monaten völlig neu erfinden.

SPIEGEL ONLINE: Die Fifa möchte unter Ihrer künstlerischen Leitung die WM-Eröffnung in Südafrika 2010 machen. Werden Sie das tun?

Heller: Das ist viel zu früh darüber zu sprechen. Schauen Sie, ich bin gerade auf dem Weg nach Paris, wollte mit Peter Gabriel und Philippe Decouflé an der Berliner Gala arbeiten und muss jetzt ihnen und Hunderten Tänzern die Absagesituation erläutern. Das letzte, worüber ich im Augenblick nachdenke, sind neue Pläne in Bezug auf Fußball-Eröffnungen, und ich habe mit Sicherheit nicht die Absicht zum Spezialisten für sportliche Eröffnungsveranstaltungen zu mutieren.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: