Interview mit Ansgar Brinkmann "Oft habe ich auch zu Recht auf die Fresse bekommen"

Der Bielefelder Ansgar Brinkmann, Spitzname "der weiße Brasilianer", ist eine der schillerndsten Figuren der deutschen Fußballszene. Vor der Bundesligapartie gegen Bayern München spricht der 33-jährige Offensivakteur über Marius Müller-Westernhagen, sein soziales Engagement und seinen Karriereverlauf.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Brinkmann, in Bielefeld standen Sie nach Kritik an Trainer Benno Möhlmann zu Saisonbeginn kurz vor dem Rauswurf ...

Ansgar Brinkmann: ... ich stand nie vor dem Rauswurf. Nie!

SPIEGEL ONLINE: Nun gut, inzwischen hat sich die Lage auf der Alm ja wohl beruhigt. Sie haben diese Spielzeit bislang 16 von 18 Bundesligapartien der Arminen mitgemacht. Am vergangenen Wochenende boten Sie in Bremen eine herausragende Leistung. Woran liegt das?

Brinkmann: An meinem Talent. Was soll ich jetzt groß sagen? Wir in Bielefeld halten zusammen. Nur dann kann man gut spielen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, mit Ihren Abmahnungen könnten Sie ein Wohnzimmer tapezieren. Hatten Sie in der Vergangenheit eine zu große Klappe?

Brinkmann: Worauf wollen Sie hinaus? Wie wollen Sie mich darstellen?

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie "Theo gegen den Rest der Welt"?

Brinkmann: Das war ein Film mit Marius Müller-Westernhagen, wo ihm der Laster geklaut wird. (lacht)

SPIEGEL ONLINE: Theo ist ein Großmaul, fällt häufig auf die Schnauze und kommt doch sympathisch rüber. Sehen Sie, der Publikumsliebling auf der Alm, da nicht auch Parallelen zu sich selbst?

Brinkmann: Ja. Denn das war ein sehr unterhaltsamer Film. Und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass auch ich viele Menschen unterhalten habe - auf dem Platz und auch daneben.

SPIEGEL ONLINE: Das Enfant terrible Ansgar Brinkmann hat aber auch eine andere Seite. Sie engagieren sich für Kriegsopfer.

Brinkmann: Ich setze mich seit mehreren Jahren für Organisationen wie "Help" und "Kinderträume" ein. Es kann niemandem schaden zu helfen. Zum Beispiel Kindern aus Sarajewo, die auf Minen getreten sind. Kinder können sich nicht wehren. Wir haben einige nach Deutschland geholt und ihnen eine schöne Zeit beschert. Dass Sie mich auch darauf ansprechen, finde ich wirklich fair.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich von den Medien falsch dargestellt?

Ansgar Brinkmann (r.) vor Gericht: "Werde den Friedensnobelpreis nicht bekommen"
DPA

Ansgar Brinkmann (r.) vor Gericht: "Werde den Friedensnobelpreis nicht bekommen"

Brinkmann: Bei dieser einen Sache, die da passiert ist (Brinkmann stand wegen Körperverletzung in fünf Fällen vor Gericht, Anm. d. Red.), haben gewisse Leute von den Medien ein Podium bekommen, das seinesgleichen sucht. Aber meine Güte, ich bin ja kein Engel. Ich werde den Friedensnobelpreis auch nicht mehr bekommen. Oft genug habe ich auch zu Recht auf die Fresse bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Brinkmann: Ich habe mich nie verbiegen lassen. Ich bin kein Spieler, den man in eine Uniform stecken kann und der immer ja sagt. Ich gehe meinen eigenen Weg. Das war nicht immer von Vorteil - keine Frage.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem Platz werden Sie an guten Tagen als "weißer Brasilianer" gefeiert. Woher stammt dieser Spitzname?

Brinkmann: Meine Art Fußball zu spielen ist nicht typisch deutsch. Es gibt nicht mehr viele, die eins gegen eins spielen können. Spieler wie Overmars, Giggs oder Stoitschkow können das. Die haben zwar mehr erreicht als ich, aber ich habe mir diesen Spitznamen hart erarbeitet. Als ich damals beim VfL Osnabrück war, hat mein damaliger Coach Rolf Schafstall geurteilt: Der Junge spielt wie ein weißer Brasilianer. Er war der Erste, der das gesagt hat.

SPIEGEL ONLINE: Mit Bayer Uerdingen wurden Sie deutscher A-Jugend-Meister. Sind Sie enttäuscht darüber, dass Sie in Ihrer langen Profikarriere keinen Titel gewonnen haben?

Brinkmann: Ich bin mit 15 Jahren von zu Hause weg und hatte ein großes Ziel: Fußballprofi werden. Diesen Traum darf ich leben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben aber eingangs des Gesprächs selbst von Ihrem Talent gesprochen. Hätten Sie nicht mehr daraus machen können?

Ansgar Brinkmann: "Weißer Brasilianer"
DDP

Ansgar Brinkmann: "Weißer Brasilianer"

Brinkmann: Natürlich hätte ich gerne mal in einer Topmannschaft gespielt. Als 21-Jähriger hatte ich in der Zweiten Liga alle 38 Saisonspiele gemacht und stand vor dem Sprung in die Bundesliga. Dann aber erlitt ich einen Wadenbeinbruch und fiel längere Zeit aus. Doch letztlich lag es an mir selbst. Wenn ich akribischer gewesen wäre und mich mehr angepasst hätte, dann wäre ich vielleicht eher von einem Bundesligisten verpflichtet worden. Aber ich bereue nichts.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben häufig den Verein gewechselt. Bei Eintracht Frankfurt feierten Sie 1998 Ihr Bundesliga-Debüt. War das die schönste Zeit Ihrer Karriere?

Brinkmann: Frankfurt war eine legendäre Zeit. Der Zusammenhalt in der Mannschaft war bombastisch. Wir waren aufgestiegen und hielten am letzten Spieltag durch das 5:1 gegen Kaiserslautern die Klasse. Und das mit einer Freizeitmannschaft. Sonst hatte Frankfurt immer hochbezahlte Stars. Aber wir haben durch unsere Art viele Fans zurückgewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Arminia Bielefeld ist als Tabellenzehnter sechs Punkte von den Abstiegsrängen entfernt und liegt sieben Zähler hinter einem Uefa-Cup-Platz. Was ist in dieser Saison noch drin für den Aufsteiger?

Brinkmann: Wir wollen unser Ziel erreichen und drei Mannschaften hinter uns lassen, um die Klasse zu halten.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen noch zwei, drei Jahre spielen. Was haben Sie sich dafür vorgenommen?

Ansgar Brinkmann: Keine Angst vor den Bayern
DDP

Ansgar Brinkmann: Keine Angst vor den Bayern

Brinkmann: Ich will dazu beitragen, dass Bielefeld in der Bundesliga bleibt und auf einen guten Weg kommt. Im übrigen spiele ich auch um Respekt, nicht nur für Zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Am Samstag guckt die ganze Bundesliga auf die Bielefelder Alm. Kann Ihr Team dem FC Bayern ein Bein stellen?

Brinkmann: Alles andere als eine Niederlage von uns wäre eine Sensation. Doch die spielen zu elft, wir spielen zu elft. Da wollen wir mal sehen, wer besser ist. Ich habe einen Riesenrespekt vorm FC Bayern, aber keine Angst.

Das Interview führte Till Schwertfeger



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