SPIEGEL ONLINE: Wie sinnvoll ist es aus Ihrer Sicht, einen Gipfel zum Thema Gewalt im Fußball ohne Vertreter der Ultras abzuhalten?
Christian R.*: Das macht überhaupt keinen Sinn. Aber anders ist man es vom DFB, der DFL und der Polizei auch nicht gewohnt. Es ist wie so oft: Die angeblichen Verursacher der Schreckensszenarien haben keine Chance, eine Stellungnahme abzugeben. Am Ende kommt dann wieder ein Sicherheitspaket dabei heraus, das meilenweit von der Realität entfernt ist.
SPIEGEL ONLINE: Dabei war es doch gerade die Ultraszene, die in den vergangenen Wochen für viele negative Schlagzeilen gesorgt. Zu Recht?
Christian R.: Nur zu einem kleinen Teil. Viele Medien tippen doch nur kritiklos Polizeiberichte ab. Da wird mal schnell vom Wiederaufleben der Hooliganszene gesprochen, oder von Hertha-Fans, die mit Eisenstangen auf den Platz rennen.
SPIEGEL ONLINE: Die Bilder vom besagten Spiel gegen Nürnberg zeigen eindeutig, dass Fans mit Fahnenstangen den Platz gestürmt haben.
Christian R.: Aber die waren aus PVC, nicht aus Metall, wie es die Polizei behauptete. Seit wann erlaubt die Polizei, dass man Eisenstangen in Stadien mitnimmt? In Berlin ist auch kein Mensch zu Schaden gekommen, das ging bei der hysterischen Berichterstattung völlig unter. Ich bestreite ja nicht, dass der Platzsturm eine blöde Aktion war. Allein schon deshalb, weil es nach solchen Aktionen mit den Fanrechten weiter bergab geht.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt Forderungen seitens der Verbände und der Polizei, Stehplätze zu verbieten.
Christian R.: Was für ein Unsinn - zumal beispielsweise das Berliner Olympiastadion bekanntlich ein reines Sitzplatzstadion ist. Aber noch mal: Mit solchen Aktionen spielt man denen in die Karten, die Fußballfans sowieso für Verbrecher halten.
SPIEGEL ONLINE: An diesem Bild sind die Ultras maßgeblich mitschuldig. Jedes Wochenende hängen Protestplakate gegen Kommerz in den Ultra-Kurven - nur dann nicht, wenn 17 Fanszenen öffentlich klarmachen könnten, dass sie so etwas wie in Berlin verurteilen.
Christian R.: Es herrscht halt die Überzeugung, dass man als Ultra szeneübergreifend zusammenhalten soll. Ob das immer und überall so geschickt ist, lasse ich jetzt mal dahingestellt. Aber wer weiß, ob wir ein solches Transparent hätten aufhängen dürfen. Zu Beginn der Saison, als die Stimmung in der Allianz Arena besonders mies war, hatten wir ein Transparent "Anfeuern statt pfeifen" - es wurde nicht erlaubt, angeblich wegen des feuergefährlichen Materials. Dabei war es das, was wir immer benutzen.
SPIEGEL ONLINE: Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat der Schickeria jüngst bei einer Podiumsdiskussion ein Angebot gemacht: Weit mehr Kulanz bei Fahnen, Transparenten und ähnlichen Dingen, wenn die Gruppe der "Gewalt abschwört", wie er das nannte. Beim FC Bayern scheint es also Gesprächsbereitschaft zu geben.
Christian R.: Wenn wir Uli Hoeneß nicht hätten, wäre vieles bei uns noch schlechter. Kalle Rummenigge und der offizielle Fanbeauftragte, Ex-Torwart Raimond Aumann, haben überhaupt keinen Draht zu uns Fans. Wenn zum Beispiel die Genehmigung der Fahnenstocklänge von zuvor einem Meter auf 1,50 Meter schon als großes Entgegenkommen bezeichnet wird, sieht man, wie es um Fanrechte steht. Aber in der Gewaltfrage rennt Hoeneß offene Türen bei uns ein. Wir suchen keine Gewalt, das ist absoluter Konsens.
SPIEGEL ONLINE: Die Realität zeigt, dass diese Aussage absoluter Nonsens ist.
Christian R.: Es gibt die Übereinkunft, dass wir uns selbst verteidigen, wenn wir angegriffen werden. Was meiner Meinung nach selbstverständlich ist.
SPIEGEL ONLINE: Die Frau des Fahrers eines Nürnberger Fanbusses hat im Mai 2007 niemanden angegriffen - nach einem Flaschenwurf aus den Reihen der Schickeria ist sie auf einem Auge blind.
Christian R.: Da gab es auch keinerlei Solidarisierung, im Gegenteil. Die Flaschenwürfe waren feige und gefährliche Taten, die allerdings nicht von der Gruppe ausgingen, sondern von wenigen Einzelnen, die damit die eigenen Ideale mit Füßen getreten haben.
SPIEGEL ONLINE: Das ist doch eine Generalausrede: Für populäre Aktionen sorgt stets die ganze Gruppe, Mist bauen immer nur schwarze Schafe.
Christian R.: Wenn wir nach außen hin nicht geschlossen auftreten, schafft es die Polizei noch eher, die Spaltung einer Gruppe voranzutreiben. Wir diskutieren kontrovers, kommen dann aber zu einem Ergebnis, das alle nach außen vertreten.
SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig werfen Sie der Polizei deren angeblichen Corpsgeist vor.
Christian R.: Stimmt ja auch. Wenn es überhaupt mal zu einer Anzeige gegen einen Polizisten kommt, verläuft die fast immer im Sande. Die halten alle zusammen. Und die Beamten tragen nicht mal Dienstnummern, während die Polizei die Anonymität des Einzelnen in der Gruppe anprangert.
SPIEGEL ONLINE: Ein Corpsgeist wie bei den Ultras.
Christian R.: Stimmt. Aber ich kann doch nicht meinen besten Kumpel verpfeifen. Ich kann aber dafür sorgen, dass er sich das nächste Mal benimmt. Und bevor hier ein völlig falsches Bild entsteht: Ich verzichte rein aus Überzeugung auf Gewalt und auch meine Statur bietet sich nicht gerade für Gewaltanwendung an. Trotzdem wurden nach der Sache mit der Busfahrerin 500 Leuten erst mal die Dauerkarte entzogen. Das darf man dann wohl schon als Kollektivstrafe bezeichnen.
SPIEGEL ONLINE: Es scheint, dass sich Ultras gern als verfolgte Unschuld darstellen. Warum sollten Polizeibeamte denn am freien Wochenende friedliebende Fußballfans drangsalieren?
Christian R.: Das fragen wir uns auch. Aber warum passieren dann solche Sachen wie bei der Fahrt zum Spiel in Mainz? In unserem Zug wurden einige Aufkleber ins Klo geklebt, das haben ein paar Beamte der Spezialeinheit mitbekommen. Am nächsten Bahnhof, in Würzburg, wurden dann drei Leute aus dem Zug gezogen.
SPIEGEL ONLINE: Was im Falle von Sachbeschädigung nicht ungewöhnlich ist. Hätten Sie die Dinger nicht einfach wieder entfernen können?
Christian R.: Das haben wir ja sofort angeboten. Aber keine Chance. 10 bis 20 Leute sind dann raus aus dem Zug und haben die drei befreit. Das war dann Widerstand gegen die Staatsgewalt. Alle Bayernfans aus dem Zug, mehrere hundert Leute haben das Spiel verpasst. Und all das wegen ein paar Aufklebern, die ein paar Minuten später weg gewesen wären.
SPIEGEL ONLINE: Ultras und Polizei schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Gibt es überhaupt noch die Möglichkeit, sich zu verständigen?
Christian R.: Zu oft wurde schon im guten Glauben der erste Schritt von Fans beziehungsweise Ultras auf die Polizei zu gemacht, um jedes Mal wieder enttäuscht zu werden. Es muss auch mal ein Entgegenkommen der Polizei zu erkennen sein.
*Der Name wurde von der Redaktion geändert. Christian R. ist Mitglied der Münchner Ultra-Gruppe Schickeria (siehe Infokästen oben links). Er fürchtet bei Nennung seines Namens Repressionen.
Das Interview führte Christoph Ruf
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