Interview mit Benno Möhlmann "Das tue ich mir heute nicht mehr an"

Benno Möhlmann ist der Rekordtrainer der 2. Liga und Gründer der Fußballer-Gewerkschaft: Im Interview spricht der 59-Jährige über Scouting auf 400-Euro-Basis, Kondomwerbung als Aufreger und wie ihn einst Uwe Seeler beim HSV feuerte.

Ein Interview von und

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SPIEGEL ONLINE: Herr Möhlmann, Sie arbeiten jetzt seit 40 Jahren im Profifußball, 25 davon als Trainer. Nach über tausend Spielen die Frage: Bereuen Sie irgendwas?

Möhlmann: Nein, ich bin sehr zufrieden. Natürlich habe ich ein paar Fehler gemacht, aber wer macht die nicht in vier Jahrzehnten?

SPIEGEL ONLINE: Welcher Fehler fällt Ihnen ein?

Möhlmann: Am Anfang meiner Karriere bin ich nicht optimal mit Reservespielern umgegangen, das war sicher ein Fehler. Stammspieler sind leicht zu führen, aber man sollte als Trainer auch den Frust, den Ersatzspieler in sich haben, verstehen. Und verstehen wollen.

FSV-Trainer Möhlmann 2013: "Natürlich habe ich ein paar Fehler gemacht"
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FSV-Trainer Möhlmann 2013: "Natürlich habe ich ein paar Fehler gemacht"

SPIEGEL ONLINE: Und Sie wollten nicht?

Möhlmann: Ich konnte mich wohl einfach nicht in sie reindenken. Heute weiß ich: Jeder Spieler sollte die Chance sehen, vom Trainer aufgestellt zu werden. Das Gefühl habe ich nicht jedem gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Was unterscheidet den heutigen Profi von dem von früher?

Möhlmann: Junge Spieler wissen heute weniger über Individualtaktik, Zweikampfverhalten, Überzahlspiel, Unterzahlspiel. Wir hatten das irgendwie drin. Als Kind bin ich auf dem Bolzplatz groß geworden, da gab es oft ungerade Partien wie zwei gegen drei, bei denen man sich taktisch eben anders verhalten musste.

SPIEGEL ONLINE: Und diese Geschichten erzählen Sie heute Ihren Spielern?

Möhlmann: Aber ja! Am Anfang meiner Karriere habe ich nicht so viel drüber gesprochen, sehen Sie, wieder so ein Fehler. (lacht)

SPIEGEL ONLINE: Was können Ihre Profis lernen, wenn Sie von früher erzählen?

Möhlmann: Die Profis von heute spielen schon seit der Jugend in geordneten Systemen mit klaren Abläufen, das hatten wir früher nicht. Wir waren nicht so organisiert, aber dafür eigenverantwortlich und konnten ganz anders auf bestimmte Situationen reagieren. Die Individualität war ausgeprägter, in anderen Bereichen sind sie heute aber natürlich deutlich weiter.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Möhlmann: Über Trainingsgestaltung, den sportmedizinischen Hintergrund und Essverhalten wissen sie viel besser Bescheid. Darüber haben wir uns früher keine Gedanken gemacht. Auch technisch ist das Niveau um Längen besser. Gelitten hat aber eben das Individuelle, weil alles irgendwie in Systeme gepresst und organisiert wird.

SPIEGEL ONLINE: Je moderner der Fußball, desto weniger kreativ?

Möhlmann: Das liegt am Charakter und an der Persönlichkeit des Trainers, was er zulassen will, kann. Aber dass es möglich ist, innerhalb fester Systeme flexibel zu bleiben, zeigt die Ajax-Schule. Da haben alle Jugendmannschaften im gleichen System gespielt, aber die jungen Spieler wurden vielseitig geschult - ein halbes Jahr offensiv, ein halbes defensiv, mal diese Seite, mal die andere. Das ist noch heute Club-Philosophie.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten den Rekord mit 435 Spielen als Trainer in der zweiten Liga, trotzdem fragt man sich: Für welche Philosophie steht Benno Möhlmann eigentlich?

Möhlmann: Ende der Neunziger, zu meiner Zeit in Fürth, stand mein Name für Ordnung, Disziplin und Abwehrarbeit. Trotzdem haben wir auch damals attraktiven Fußball gespielt. Heute stecke ich mehr Arbeit in die Offensivabläufe. Defensive Ordnung ist die Basis, aber der Fußballspaß beginnt mit dem Ballbesitz und offensiven Angriffsvariationen.

Trainer Möhlmann 1998 in Fürth: "Haben attraktiven Fußball gespielt"
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Trainer Möhlmann 1998 in Fürth: "Haben attraktiven Fußball gespielt"

SPIEGEL ONLINE: Sie mögen solche Parallelen nicht, aber: Taugt Fürth als Vergleich zum FSV Frankfurt? Bei beiden Vereinen haben Sie mit wenigen Mitteln Teams geformt, die sogar um den Aufstieg mitgespielt haben.

Möhlmann: Man kann das in einigen Punkten durchaus vergleichen. Beide Vereine hatten wenig Geld, deshalb konnte ich die Mannschaft nicht immer nur nach sportlichen Gesichtspunkten aufbauen. Wir haben in Fürth bewusst Verträge mit den besten Spielern vorzeitig verlängert oder…

SPIEGEL ONLINE: … sie ein Jahr vor Vertragsende verkauft.

Möhlmann: Richtig. So gezielt machen wir es beim FSV noch nicht, aber die Vertragslängen nehmen zu.

SPIEGEL ONLINE: Wie scoutet ein kleiner Verein wie der FSV seine Spieler?

Möhlmann: Ich habe Uwe Stöver (Geschäftsführer Sport beim FSV Frankfurt - d. Red.), der macht das für mich (lacht). Ich kümmere mich darum heute weniger als früher. In Fürth haben wir für die wenigen finanziellen Mittel fast zu oft im Ausland nach neuen Spielern gesucht. Auch dort gilt am Ende dasselbe wie in der Bundesliga: Gute Spieler sind teuer. Da waren viele Fahrten umsonst, das tue ich mir heute nicht mehr an.

SPIEGEL ONLINE: Klingt sehr untypisch für einen Profifußballverein im Jahr 2014.

Möhlmann: Unser Scoutingchef Carsten Hennig ist Lehrer, der muss bis 16, 17 Uhr arbeiten, da kann er nicht dauernd in der Weltgeschichte herumfahren. Zusätzlich beschäftigen wir noch zwei Scouts auf 400-Euro-Basis. Bevor ich durch Europa reise, rufe ich lieber alte Freunde in den Scoutingabteilungen der Erstligisten an und hole mir einen Rat. Oder schaue in der dritten Liga.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst galten zu Ihrer aktiven Zeit als Teamspieler. 1986 haben Sie die Spielergewerkschaft VdV mitgegründet, deren Ziel es unter anderem war, Spielerberater überflüssig zu machen. Dieses Vorhaben ist wohl gescheitert.

Möhlmann: Der Grundgedanke war völlig okay. So wie das ganze Geschäft aufgebaut ist, geht es nicht mehr weiter. Ich bin überzeugt, das System kippt in zwei, drei Jahren, wenn nicht bald etwas passiert.

Bremen-Spieler Möhlmann 1986: Radikale Forderungen mit dem VdV
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Bremen-Spieler Möhlmann 1986: Radikale Forderungen mit dem VdV

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Möhlmann: Die Berater ziehen sehr viel Geld aus dem Kreislauf, was einfach unnötig ist. Da muss sich was ändern. Ich bin ein Verfechter davon, und das war ich auch schon als Spieler, meine Berater selbst zu bezahlen. Mir fehlt das Verständnis, dass die Vereine am Ende die Beraterhonorare zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten damals recht radikale Forderungen. Spielsperren sollten abgeschafft werden, weil sie einem Berufsverbot gleichkämen.

Möhlmann: Das stimmt, aber wir hatten diese Überlegungen nicht ganz zu Ende gedacht. Ich empfinde es zwar nach wie vor so, dass Spielsperren temporäre Berufsverbote sind. Ganz stimmt es aber eben nicht, weil keiner das Anrecht hat zu spielen. Das entscheidet der Trainer.

SPIEGEL ONLINE: Welche Sorgen trieben die Spieler Ende der achtziger Jahre noch um?

Möhlmann: Spieler des FC Homburg beschwerten sich über den damaligen Trikotsponsor, den Kondomhersteller London. Sie fanden es unzumutbar, mit diesen Trikots aufzulaufen. Das war damals eben noch nicht ganz so selbstverständlich.

SPIEGEL ONLINE: Ihre erste Trainerstation war der Hamburger SV. Haben sie sich damals gut genug vorbereitet gefühlt auf den Job des Trainers?

Möhlmann: Nein. Als ich 1992 beim HSV vom Co- zum Cheftrainer befördert wurde, war ich natürlich nicht optimal vorbereitet. Ich habe aber versucht, alles nach besten Kräften zu machen, und das hat ganz gut geklappt.

HSV-Trainer Möhlmann 1994: "Ich war nicht optimal vorbereitet"
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HSV-Trainer Möhlmann 1994: "Ich war nicht optimal vorbereitet"

SPIEGEL ONLINE: Bis Sie 1995 ziemlich unwürdig entlassen wurden.

Möhlmann: Als meine Trainerzeit beim HSV zu Ende ging, habe ich Fehler gemacht, auch im Umgang mit der Presse. Wenn die Ergebnisse nicht stimmen, hilft es dir allerdings auch nicht, wenn du immer verständnisvoll mit den Journalisten redest. Ich hätte einfach etwas cleverer sein können. Obwohl man darüber heute eigentlich nur noch lachen kann.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie falsch gemacht?

Möhlmann: Früher war es in Hamburg so: Wenn man einen Freistoßtrick einstudiert hat, war dieser am nächsten Tag mit Skizzen in der "Bild" abgelichtet. Die mussten eben jeden Tag zwei Seiten füllen. Und was machte ich? Zum Ende meiner Amtszeit habe ich am Trainingsgelände einen Zaun bauen lassen, damit wir mal ungestört Sachen einstudieren konnten. Ich hatte noch gar nicht mit der Saisonvorbereitung angefangen, da gab es schon den ersten Bericht. Der Zaun wurde abgebildet, dazu die Schlagzeile: "Jetzt dreht Benno ganz durch - Möhlmann sperrt HSV-Fans aus".

SPIEGEL ONLINE: Was heutzutage normal ist.

Möhlmann: Ja eben. Bei Barcelona kommt man gar nicht mehr aufs Trainingsgelände.

SPIEGEL ONLINE: Nach der turbulenten Zeit beim HSV trainierten Sie Clubs wie Braunschweig, Fürth, Ingolstadt und nun den FSV. Haben Sie es gerne ruhig?

Möhlmann: Ich hätte keine Sorge, einen großen Verein zu trainieren. Ich habe auch beim HSV eine vernünftige Arbeit abgeliefert. Dennoch kam am Ende der dritten Saison der damalige "Bild"-Sportchef und sagte zu mir: "Benno, sieh zu, dass du deinen Vertrag auflöst, sonst müssen wir dich rausschreiben." Da bin ich zu unserem Präsidenten Ronny Wulff gegangen und habe gesagt, lass uns das machen.

SPIEGEL ONLINE: Entlassen hat Sie dann aber Uwe Seeler.

Möhlmann: Richtig. Ich hatte mich breitschlagen lassen und den Saisonstart noch als Trainer mitgemacht. Dann löste Uwe Seeler im Oktober 1995 Wulff ab. Uwe war kaum eine Stunde Präsident, da hatte ich meine Papiere. Es war seine erste Amtshandlung.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie noch sauer auf Seeler?

Möhlmann: Nein, überhaupt nicht. Das ist längst geklärt. Auch zu meinem damaligen Nachfolger Felix Magath habe ich ein gutes Verhältnis.

Das Interview führten Mike Glindmeier und Christian Gödecke

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