Interview mit Dedé "Ich habe jeden Tag geweint"

Dedé ist einer der besten Linksverteidiger der Bundesliga. Seit fast neun Jahren spielt der Brasilianer bei Borussia Dortmund. Im RUND-Interview erzählt er über seine Freundschaft zu Lincoln, seine legendäre Samba-WG und über Deutschland als große Schule.


Frage: Dedé, stimmt es, dass Sie als Kind gemeinsam mit Lincoln von Schalke 04 Eis verkaufen mussten, damit die Familien überleben konnten?

Dedé: Ja, das stimmt. Wir kommen aus den Favelas der Millionenstadt Belo Horizonte, und Lincoln ist seit unserer Kindheit mein bester Freund. Wenn es mir nicht gutgeht, kommt er, um mir zu helfen. Wenn es ihm nicht gut geht, fahre ich zu ihm.

Dortmunder Dedé (r.): "Wenn ich ihn umhauen muss, haue ich ihn um"
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Dortmunder Dedé (r.): "Wenn ich ihn umhauen muss, haue ich ihn um"

Frage: Wie haben Sie sich kennen gelernt?

Dedé: Als wir acht Jahre alt waren, haben wir ein gemeinsames Probetraining bei Atlético Mineiro gemacht. Wir waren beide richtig arm und hatten nicht das Geld, um die Tickets für die Fahrt zum Training zu zahlen. In Brasilien geben die Fußballclubs Kindern unter zehn normalerweise kein Geld. Aber bei mir, Lincoln und meinem Bruder Leandro haben sie eine Ausnahme gemacht. So kamen wir zusammen. Jetzt sind wir nicht nur Freunde, wir sind – so kann man das wirklich nennen – Brüder.

Frage: Kurios, dass Sie beide jetzt ausgerechnet bei den Klubs spielen, die die inbrünstigste Feindschaft des deutschen Fußballs pflegen.

Dedé: Ja, aber es wäre ein Traum, eines Tages mit Lincoln zusammenzuspielen. Derzeit sind wir auf dem Platz aber Gegner, und wenn ich ihn umhauen muss, dann haue ich ihn um.

Frage: Ist das besonders schwierig?

Dedé: Das muss man. Ich foule niemanden gern, aber wenn ich muss, mache ich das bei ihm genauso wie bei jedem anderen Spieler. Und er auch. Das ist auch schon passiert.

Frage: Danach tauschen Sie Trikots, und alles ist vergessen?

Dedé: Wir sind Freunde. Wir haben nie Streit gehabt, haben die gleiche Meinung über viele Dinge. Außerhalb des Platzes haben wir genügend anderes zu tun, da sprechen wir auch kaum über Borussia oder über Schalke.

Frage: Vor Weihnachten gewann Schalke ohne Lincoln ein Spiel nach dem anderen. Ihm wurden Probleme im Team nachgesagt. Sucht er da keinen Trost bei seinem besten Freund?

Dedé: Doch, klar. Da mache ich dann einen kleinen Spaß mit ihm und sage: Mach dir keine Sorgen, es gibt viele Clubs, die dich gerne hätten. Du kannst gern zur Borussia kommen. Ein guter Mensch lernt in schlechten Zeiten besonders viel.

Frage: Zuvor war Lincoln in Kaiserslautern, niemand hielt ihn für einen großen Spieler, bis er in Ihre Nähe zog. Gibt es da einen Zusammenhang?

Dedé: Vielleicht hat das mit dem Kopf zu tun. Er hatte ja auch einmal ein Angebot von Bayern, aber hier sind wir immer zusammen. Bei mir zu Hause gibt es immer jemanden, mit dem man über ein anderes Thema sprechen kann, um den Kopf ein bisschen frei zu bekommen. Wenn es dir mal nicht gutgeht, kann dir immer einer helfen.

Frage: Ihr Haus hat einen legendären Ruf als "Samba-WG". So heißt sogar Ihre Internetseite. Gehen auch die anderen Brasilianer vom BVB und von Schalke bei Ihnen ein und aus?

Dedé: Ja. Wir sind alle gut befreundet. Ein normaler Brasilianer, der nach Deutschland kommt, sagt: Oh, mein Gott, was ist das hier? Ich habe am Anfang jeden Tag geweint, es war so schlimm, mein Leben war so teuer, keiner half mir. Ich musste fünfmal am Tag meine Mama anrufen und habe viele Fehler gemacht. Aber ich habe daraus gelernt, und als dann die anderen Brasilianer hierher kamen, konnte ich ihnen bestimmte Dinge erklären. Ewerthon zum Beispiel hat die ersten sechs Monate bei mir zu Hause gewohnt. Der hatte zwar ein Hotelzimmer, aber er schlief jeden Tag bei mir.

Frage: Und den Schalkern schenken Sie auch dieses Gefühl von Heimat?

Dedé: Auf jeden Fall. Das ist genial mit den Jungs. Rafinha ist ein cooler Typ, auch Kevin Kuranyi. Er hat zwar einen deutschen Pass, ist aber auch sehr lustig.

Frage: Kuranyi zählen Sie zu den Brasilianern?

Dedé: Ja.

Frage: Interessant. Sie gelten dagegen als brasilianischer Preuße. Erklären Sie das doch einmal.

Dedé: Ich musste mit acht schon im Supermarkt arbeiten, Autos putzen, die Straße säubern, um Geld für die Familie zu verdienen. Das hat mich Disziplin gelehrt. In Deutschland habe ich viele andere Sachen gelernt. Deutschland war eine sehr große Schule für mich, hier bin ich zu einem richtigen Mann geworden.

Frage: Werfen Ihnen die Leute in der Heimat vor, viel zu ernst, zu ordentlich, zu deutsch zu sein?

Dedé: Nein, nein. Ich habe hier in Deutschland ein zweites Gesicht bekommen, so würde ich das nennen. Trotzdem bin ich immer ein lockerer Typ geblieben. Mein Haus ist voll, da wohnen immer fünf oder sechs Leute, Freunde und Verwandte, die ich aus Brasilien einlade. Wir spielen Karten, Tischtennis und haben viel Spaß. Nur wenn ich zur Arbeit gehe, dann muss ich den Spaß zur Seite legen.

Frage: Das ist Ihr zweites Gesicht, das deutsche?

Dedé: Ja, das kann man deutsches Gesicht nennen. Ich habe durchschaut, wie das hier läuft. Nicht alle, aber viele Deutsche arbeiten von sieben bis 18 Uhr, kommen nach Hause zurück, essen, sehen noch ein bisschen fern oder lesen. Und dann gehen sie um zehn ins Bett.

Frage: Dennoch ist Ihnen dieses für die meisten Brasilianer so unwirtliche Land mit seinen Eigenheiten ans Herz gewachsen?

Dedé: Auf jeden Fall. Dortmund ist meine Familie. Borussia ist wie eine Religion. Ich habe ein großartiges Verhältnis zu den Fans.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil des Interviews, warum Dedé einen deutschen Pass will, er keinen Berater hat und seine Möbel bei Ikea kauft.

Das Interview führten Daniel Theweleit und Peter Unfried.



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Seite 1
elof, 27.11.2006
1.
Das Geld hat den Fussball nicht mehr oder weniger verdorben als irgendeinen anderen Bereich des Lebens. Wo professionell gearbeitet (und natürlich bezahlt) wird, ist es entsprechend normal, dass Spieler ihr finanzielles Glück suchen. Dass es oft moralisch fragwürdig scheint, wenn ein Spieler dem Ruf des Geldes folgt, hat wohl eher damit zu tun, dass wir als Fans über viele Jahre hinweg meist einen viel größeren Identifizierungsprozess mit einem Verein durchleben als ein Spieler dieses in wenigen Spielzeiten seines "Söldnerdaseins" tun kann.
Schlagwort, 27.11.2006
2. Money makes the ball go round
Geld regiert die Welt. Also auch den Fußball. Was sind denn die Spieler anderes als Dienstleister, Angestellte der Vereine? Vielleicht war das früher mal anders aber da war der Fußball noch weniger eine globale, mehr eine nationale und regionale Sache. Jeder hatte seinen festen Verein bei dem er die ganze Karriere lang spielte. Transfers, vor allem ins Ausland, waren unüblich. Was blieb einem da anderes übrig als treu zu sein. Heute träumt doch jeder Nachwuchsspieler davon steinreich zu sein und bei Clubs wie Barca oder Chelsea zu spielen. Das ist aber nicht negativ zu sehen. Denn tatsächlich kann man bei solchen reichen Vereinen auch regelmäßig Weltklassefußball bewundern. Das ist vor allem den Ausländern zu verdanken.(Was wäre Chelsea ohne Drogba, Barcelona ohne Ronaldinho; und bei Arsenal ist die ganze Stammelf mit Ausländern besetzt). Sieggarantien für die ,mit teuren Stars besetzten, Teams gibt es aber nicht. Also bedeutet Geld vielleicht viel aber noch lange nicht alles. Jedenfalls nicht im Fußball.
DJ2002dede, 28.11.2006
3.
Der Hamburger SV wollte vor der Saison Peter Otte verpflichten. Borussia Dortmund wollte vor der Saison Christopher Kullmann verpflichten. Der VfL Wolfsburg wollte vor der Saison Andy Müller verpflichten. Alle drei Spieler spielen heute noch beim 1. FC Magdeburg. Maik Franz hatte in seinen 5 Jahren beim VfL Wolfsburg auf der offiziellen Wölfe-Homepage stehen: "Dein schönstes sportliches Erlebnis: Meine Zeit beim 1. FC Magdeburg und mein erstes Bundesligaspiel" Marcel Maltritz - damals noch beim Hamburger SV - versteigerte ein Trikot mit den Unterschriften aller HSV-Kicker zu Gunsten des damals insolvenzbedrohten 1. FC Magdeburg. Sicherlich hat Geld vieles verdorben, aber man kann zumindest noch ein paar Lichtblicke finden. Schön das es bei meinem Verein ist, und so weit sind wir ja auch nicht vom Aufstieg in die Bundesliga entfernt...
Reziprozität 29.11.2006
4.
---Zitat von DJ2002dede--- ... Schön das es bei meinem Verein ist, und so weit sind wir ja auch nicht vom Aufstieg in die Bundesliga entfernt... ---Zitatende--- Minimal 1.5 Jahre und immer den Atem der "Eisernen" im Nacken... ;-)))) (Und immer schoen dran denken: im Rueckspiel sind Patsche und Texas wieder dabei, also warm anziehen!) ;-)
DJ Doena 29.11.2006
5.
Halten denn die Vereine Treue? Sobald mal ein Spieler oder ein Trainer einen Hänger hat, wird er doch auch ratzfatz "beurlaubt".
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