Interview mit Ferydoon Zandi "Will ich überhaupt für Iran spielen?"

Er ist in Emden geboren und trug fünfmal das Trikot des deutschen U21-Nationalteams. In der Winterpause aber entschloss sich Ferydoon Zandi, offensiver Mittelfeldspieler des 1. FC Kaiserslautern, für die iranische Nationalelf zu spielen. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der 25-jährige Deutsch-Iraner über seine Gründe dafür.


Ferydoon Zandi: "Vom Herzen immer voll dafür"
DDP

Ferydoon Zandi: "Vom Herzen immer voll dafür"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Zandi, hat sich der Bundestrainer eigentlich nie bei Ihnen gemeldet?

Zandi: Nein. Es gab kein Gespräch mit Jürgen Klinsmann.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deshalb in der Winterpause entschieden, für das iranische Nationalteam zu spielen?

Zandi: Für mich war es gar nicht die Frage, ob ich für Iran oder für Deutschland antrete. Sondern: Will ich überhaupt für Iran spielen?

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie haben doch schon fünfmal für die deutsche U21-Nationalmannschaft gespielt und hatten eine starke Bundesliga-Hinrunde hinter sich. Haben Sie sich nicht zugetraut, wie ihr FCK-Vereinskollege Marco Engelhardt bald den Sprung in die DFB-Auswahl zu schaffen?

Zandi: Ich glaube zwar, dass Deutschland auf meiner Position schon sehr gute Spieler hat. Doch vielleicht hätte auch ich unter dem neuen Bundestrainer meine Chance bekommen. Aber ich habe gar nicht darauf spekuliert.

Bis vor zwei Jahren hatte ich mir nie Gedanken gemacht, für Iran zu spielen. Deshalb war es ein ganz normaler Verlauf, dass ich für die DFB-Jugendmannschaften gespielt habe. Dann jedoch kam eine Anfrage aus Iran, und ich habe nur noch darüber nachgedacht, ob es richtig ist, für Iran zu spielen, oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Der DFB hat nichts mehr von sich hören lassen?

Zandi: Ich hatte eine Einladung für das Team 2006. Aber ich habe abgesagt, genauso wie ich zunächst alle Anfragen aus Iran abgelehnt habe.

SPIEGEL ONLINE: Was sprach gegen Iran?

Zandi: Vom Herzen war ich immer voll dafür. Aber ich wusste nicht, ob es moralisch die richtige Entscheidung ist.

SPIEGEL ONLINE: Vor einem Dreivierteljahr haben Sie gesagt: Ich glaube nicht, dass ich charakterlich dahin passe. Das sehen Sie jetzt anders?

Zandi: Ja. Ich hatte damals auch Vorurteile, habe aber mittlerweile dazu gelernt. Die Europäer können sich das nicht vorstellen, dass sich in Iran einiges verändert hat und man auch dort ganz normal leben kann.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt diese neue Erkenntnis?

Eleganter Kämpfer Zandi (r.): "Auch ich hatte Vorurteile"
DDP

Eleganter Kämpfer Zandi (r.): "Auch ich hatte Vorurteile"

Zandi: Ich weiß das von Freunden, die wie ich in Deutschland aufgewachsen sind und dann mehrere Wochen in Iran waren. Sie haben mir berichtet, wie schön es dort ist und dass sie immer wieder gerne dort hinfahren. Auch mein Cousin, der in Iran geboren wurde und in Deutschland lebt, hat mir von seinen Reiseerlebnissen berichtet. Ich habe mir zwar Meinungen aus meinem Freundeskreis und meiner Familie eingeholt, aber letztlich selbst frei entschieden. Von meiner Familie hat mich keiner unter Druck gesetzt, für Iran zu spielen.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie denn schon mal in Iran?

Zandi: Nur einmal, als Kleinkind, war ich mal dort. Allerdings kann ich mich an kaum etwas erinnern. Aber ein Großteil meiner Familie lebt im Iran. Meine Eltern bekommen im Jahr zwei-, dreimal Besuch von dort.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in Emden geboren und haben Ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht. Glauben Sie, dass Sie sich in Irans Auswahl radikal umstellen müssen?

Zandi: Ich bin da noch nicht ins Detail gegangen, worauf ich achten muss. Es ist schon ganz schön aufregend, aber ich freue mich darauf.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie überhaupt persisch sprechen?

Zandi: Ja. Nicht perfekt, aber ich kann mich unterhalten. Mit meinem Daddy spreche ich eigentlich fast nur persisch, nur manchmal baue ich zwischendurch etwas auf Deutsch ein. Allerdings kann ich persisch weder lesen noch schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Gehören Sie wie 89 Prozent der Iraner dem schiitischen Glauben an?

Zandi: Nein. Ich bin konfessionslos.

SPIEGEL ONLINE: Befürchten Sie, dass deshalb Probleme auf Sie zukommen?

Zandi: Nein. Ich glaube, der iranische Fußballverband weiß das. Ich wurde gar nicht darauf angesprochen.

Iranische Fußballstars: Mahdavikia (l.) und Hashemian
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Iranische Fußballstars: Mahdavikia (l.) und Hashemian

SPIEGEL ONLINE: Die Bundesliga-Kollegen Mehdi Mahdavikia vom Hamburger SV und Vahid Hashemian von Bayern München sind Stars der iranischen Nationalelf. Haben Sie zu den beiden Kontakt aufgenommen?

Zandi: Ich kenne beide nicht richtig. Bevor ich am Montag nach Teheran fliege, will ich aber mal bei Mehdi anrufen, um mich vorab zu informieren, wie es speziell in der Nationalmannschaft so abläuft.

SPIEGEL ONLINE: Als der FC Bayern in der Champions League gegen Tel Aviv spielte, täuschte Hashemian eine Verletzung vor, weil Iran per Gesetz verbietet, gegen israelische Sportler anzutreten. Wie würden Sie sich in so einer Situation verhalten?

Zandi: Es gibt sicherlich politische Dinge, über die man streiten kann. Aber da will ich lieber nichts groß zu sagen.

SPIEGEL ONLINE: Iran könnte das nächste Kriegsziel der USA sein. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Zandi: Natürlich mache ich mir Sorgen. Dass das eine Katastrophe wäre, weiß doch jeder Mensch. Aber in meinen Überlegungen, ob ich für dieses Land Fußball spiele, hat das keine Rolle gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Empfindungen haben Sie den 2:0-Sieg der deutschen Fußballer gegen Iran in Teheran vergangenen Herbst vorm Fernseher verfolgt?

Zandi: Es war ein komisches Gefühl. Ich habe daran gedacht, dass ich schon hätte dabei sein können. Aber ich hatte noch keine Entscheidung getroffen. Es interessierte mich schon sehr, wie das Spiel ausgehen würde. Die Deutschen waren zwar besser, aber die Iraner haben ganz gut mitgespielt. Das war sehr okay.

SPIEGEL ONLINE: War das mit ausschlaggebend für Ihre Entscheidung?

Zandi: Auf jeden Fall. Die sportliche Perspektive stimmt, und die Euphorie ist riesig, alle sind mit dem ganzen Herzen dabei. Es wird mir riesig Spaß machen, dort zu spielen. Außerdem ist die Chance für Iran, bei der WM 2006 dabei zu sein, sehr groß. Wenn es normal läuft, schaffen wir die Qualifikation. Für einen Fußballer ist es das Schönste, bei einer Weltmeisterschaft zu spielen.

Das Interview führte Till Schwertfeger



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