Interview mit Ingo Anderbrügge "Da spritzt das Adrenalin nur so durch die Blutbahnen"

Als Kicker für Rhein Fire startet der ehemalige Fußballprofi Ingo Anderbrügge mit 39 Jahren in der NFL Europe eine zweite Karriere. Vor dem Saisonaufakt am Samstag spricht er mit SPIEGEL ONLINE über die Unterschiede zwischen Fieldgoal und Elfmeter, seine Heimkehr nach Schalke und die besondere Atmosphäre in einem Footballteam.


Auch ein Unterschied zum Fußball: Kicker Anderbrügge zwischen den Cheerleadern von Rhein Fire
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Auch ein Unterschied zum Fußball: Kicker Anderbrügge zwischen den Cheerleadern von Rhein Fire

SPIEGEL ONLINE:

Herr Anderbrügge, am Samstag geben Sie Ihr Debüt als Footballer. Haben Sie Lampenfieber?

Ingo Anderbrügge: Ich habe erst kürzlich zu meiner Frau beim Frühstück gesagt: "Also so langsam ..." Wenn ich darüber nachdenke: Den ersten Schuss möchte ich schon reinhauen. Einfach um diesen Druck loszuwerden.

SPIEGEL ONLINE: Es ist Ihre Rückkehr nach Schalke. Sie laufen sogar mit Ihrer alten Rückennummer 8 auf. Sind das Heimatgefühle, wieder da anzufangen, wo Sie Ihre Fußballerkarriere beendet haben?

Anderbrügge: Nach zwölf Jahren Schalke freue ich mich, wieder auf diesem Trainingsgelände zu sein und fünf Spiele in der Arena zu bestreiten. Ich habe dann zwar einen Helm auf, aber einige gute Freunde, Schalke-Anhänger und ein Anderbrügge-Fanclub kommen extra zum ersten Heimspiel. Schalke spielt am selben Tag zwar in Nürnberg, aber sie sagen: "Ingo, wir finden das gut, und in der Arena ist sowieso eine Riesenatmosphäre." Da bin ich schon stolz drauf.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit 20 verwandelten Elfmetern der sicherste Strafstoßschütze in der Vereinsgeschichte des FC Schalke 04 und einer der besten der Bundesliga. Was ist schwieriger: einen Elfmeter zu verwandeln oder ein Fieldgoal?

Anderbrügge: Beim Elfmeter habe ich bis auf den Torwart niemanden, der mich stören kann. Beim Fieldgoal machen die anderen Gegenspieler Druck. Außerdem habe ich nicht so einen langen Anlauf und weniger Zeit als beim Fußball. Und beim Football ist die Fläche des Balls etwas kleiner. Ich habe zwar keinen Torwart zu überwinden, muss aber höher und exakter schießen. Von der körperlichen Anspannung her ist es gleich.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie an Ihrer Schusstechnik ändern müssen?

Anderbrügge: Die neue Schusstechnik habe ich in einem speziellen Kicking-Camp erlernt. Man kann es mit dem Golfspielen vergleichen: Wenn ich da einen Abschlag mache, muss ich den Ball lange ansehen und darf ihm nicht hinterher schauen, weil ich durch das Hochschauen die Hüfte verdrehe und so dem Ball eine andere Richtung gebe. Auch beim Kicken muss ich den Ball genau anvisieren und meine Schusstechnik immer gleich lassen. Das machst du beim Fußball nicht, da kann ich viel mit dem Fuß korrigieren und mache es instinktiv. Der Ball darf auch mal abrutschen, das sind sogar meist die schönsten Tore.

SPIEGEL ONLINE: Wie war denn der Unterricht?

Anderbrügge: Im Trainingslager in Florida waren für eine Woche alle Kicker der sechs NFL-Europe-Teams zusammen und sind erst danach zur Mannschaft gestoßen. Wir hatten immer eine gute Stunde Kicking-Training. Man kann ja nicht am laufenden Band hundert Schuss machen. Irgendwann fliegt einem sonst das Bein weg. Für mich war ja alles ganz neu. Mein früherer Fußballkollege Axel Kruse, der für Berlin Thunder spielt, hat mir sehr geholfen. Man sieht sich nicht in Konkurrenz zueinander. Als ich mein Können dann zum ersten Mal den Jungs und dem Trainer zeigen musste, war schon eine gewisse Anspannung da. Mir kommt aber zu Gute, dass ich über Jahre Elfmeter und Freistöße geschossen habe und daher die psychische Belastung kenne.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie schon ein sicherer Schütze?

Anderbrügge: Ich habe jetzt in vier "Scrimmages", also in Freundschaftsspielen, im Schnitt viermal geschossen und jedes Mal verwandelt. Im Training mit 20 bis 25 Schuss am Tag habe ich so zwei bis vier Fehlschüsse. Das ist einfach so. Man probiert eben auch ein bisschen aus. Aber die Leute waren zufrieden, und ich bin es auch.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben "die Jungs" erwähnt. Wie ist der Umgangston unter Footballer im Vergleich zu Fußballern?

Anderbrügge in alten Zeiten: Der Schalker Mittelfeldspieler im Zweikampf um den Ball
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Anderbrügge in alten Zeiten: Der Schalker Mittelfeldspieler im Zweikampf um den Ball

Anderbrügge: Fußballer sind ja schon locker. Aber Footballer, zumal es ja auch eine typisch amerikanische Sportart ist und die Mannschaften zu 90 Prozent aus Amis bestehen, sind obercool drauf. Die haben keine Walkmen, die haben Lautsprecher an den Ohren. Und die singen, machen, tun, lachen und klatschen sich ab. Das Klima war sehr angenehm. Dann kommt noch die körperliche Belastung dazu, da spritzt das Adrenalin nur so durch die Blutbahnen. Dann gehen sie sich schon mal an die Wäsche und hauen sofort raus, was sie sagen wollen. Aber nachher ist alles wieder vergessen. Das ist anders als beim Fußball, wo man ein bisschen vorsichtiger miteinander umgeht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn so ein Zwei-Meter-Mann in voller Montur auf Sie zu stürmt, bekommen Sie es nicht mit der Angst zu tun?

Anderbrügge: Ich hatte sehr viel Respekt in der ersten Woche, auch weil ich nicht wusste, ob mir was passieren kann. Ich hab mich damit getröstet, dass Manni Burgsmüller immerhin schon 52 Jahre alt ist. Ich sagte mir, du wirst das schon hinkriegen. Und außerdem darf mein Schuss ja nur geblockt, aber der Kicker nicht angegriffen werden. Die dürfen mir also nicht an die Beine oder den Körper fliegen. Vorher hatte ich ja kaum eine Vorstellung von Football. Aber jetzt muss ich sagen: Hut ab vor dieser Sportart. Die Jungs machen harte Arbeit, die geben richtig Gas. Sie hätten auch hier in Deutschland mehr Aufmerksamkeit verdient.

SPIEGEL ONLINE: Die Regeln und die verschiedenen Spielzüge – haben Sie die schon kapiert?

Anderbrügge: Das ist ganz, ganz schwierig. Ich kann noch längst nicht alles. Für mich war erst einmal wichtig, das Schießen zu lernen und zu wissen, wann ich dran bin. Aber wenn da ein Schiedsrichter oder eigentlich ja acht Schiris rumrennen, dann wissen selbst die Spieler teilweise nicht, was los ist. Alle elf Spieler sind in einen Spielzug eingebunden, egal ob einer den Ball kriegt oder nicht. Alles muss abgestimmt sein. Es ist kaum zu glauben, die müssen abends nach zwei harten Trainingseinheiten noch 60 bis 80 Spielzüge lernen. Sie rennen dann mit ihren Ordnern rum und büffeln noch eine Stunde. In dieser Sportart wird nicht nur mit den Köpfen zusammengehauen, sondern die Spieler müssen lernen und eine gewisse Intelligenz mitbringen - auch wenn man das manchmal nicht glaubt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich irgendeinen Rat Ihrer ehemaligen Fußballkollegen Burgsmüller und Kruse besonders zu Herzen genommen?

Anderbrügge: Vor allem Geduld haben. Ich hatte beim Training oft das Gefühl, dass ich viel zu wenig mache und habe mich überflüssig gefühlt. Ich schieße zweimal und muss dann erstmal warten, weil es eine Stunde dauern kann, bis ich wieder dran bin. Man steht lange nur am Rand, kriegt wie jetzt in Florida ein bisschen Sonne ab. Das kann langweilig werden, aber das ist halt so, und der Kicker ist immens wichtig für das Team.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie überhaupt zum Football gekommen? Haben Sie sich durch Ihre berühmte linke Klebe als Kicker empfohlen?

Anderbrügge: Es lag doch auf der Hand: Die Mannschaft von Rhein Fire musste aus dem Düsseldorfer Stadion raus und ist in die Arena "Auf Schalke" gezogen. Und Manni Burgsmüller beendete seine Laufbahn. Rheinfire und Schalke 04, auch Rudi Assauer, haben zu mir gesagt: "Ingo, wir brauchen einen Kicker und du bist der einzige, der in Frage kommt." Das hat mich schon ein bisschen stolz gemacht. Außerdem hat es mich gereizt, eine zweite Sportart zu betreiben. Außerdem dauert die Saison nur drei Monate, und ich muss mein Leben nicht großartig umkrempeln. Da habe ich gesagt, ich mache das mal ein Jahr.

Das Interview führte Sabrina Ebitsch



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