Interview mit Jürgen Klopp: "Wir sind glückliche Menschen"

Zweitligist Mainz 05 sorgt derzeit für Furore. Am Dienstagabend soll im Pokalspiel gegen Kaiserslautern der nächste Coup des Spitzenreiters glücken. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt FSV-Trainer Jürgen Klopp, wieso er der Partie keine besondere Bedeutung bemisst und auch nicht über den Aufstieg in die Bundesliga reden mag.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Klopp, Ihre Mannschaft steht an der Spitze der 2. Liga und hat derzeit zehn Punkte Vorsprung auf einen Nicht-Aufstiegsplatz. Ist das Pokalspiel heute Abend um 20.20 Uhr gegen den klassenhöheren 1. FC Kaiserslautern ein Test, ob der FSV Mainz 05 schon reif für die Bundesliga ist?

Jürgen Klopp: Um Himmelswillen, nein! Man kann gegen Kaiserslautern im Pokal ausscheiden und trotzdem in der Liga eine gute Rolle spielen. Dieses Spiel ist für mich überhaupt kein Gradmesser, sondern einfach nur die Chance ins Viertelfinale des DFB-Pokals einzuziehen.

SPIEGEL ONLINE: Vergangene Saison wäre der FSV fast abgestiegen, jetzt läuft es bestens. Die "Bild"-Zeitung hat Sie wegen der Erfolgsserie schon zum "Harry Potter" des deutschen Fußballs erklärt. Ist es wirklich ein Fußballwunder in Mainz?

Klopp: Nein, was hier passiert, ist kein Wunder. Weil ich das, was passiert, aber nicht jedem erklären kann, macht die Presse eben ein Wunder daraus. Diese Mannschaft ist zum Großteil schon seit Beginn der vorigen Saison beisammen, und bereits damals habe ich gesagt, dass dieser Kader der beste ist, den Mainz 05 je hatte.

SPIEGEL ONLINE: Soll das als Erklärung reichen, wieso Ihre Mannschaft zu den stärksten der Liga zählt?

Klopp: Die ohnehin schon gute Mannschaft ist durch drei Neuzugänge noch einmal verstärkt worden. Ich verfüge über Spieler, deren individuelle Klasse weit über dem Schnitt der Liga liegt, und war von Anfang an von der Qualität überzeugt. Dieses Gefühl haben wir der Mannschaft auch sehr eindringlich vermittelt. Zum anderen haben wir sehr fleißig gearbeitet. Das alles hat dazu geführt, dass wir das eine oder andere Spiel auch gewonnen haben.

SPIEGEL ONLINE: Das ist wohl stark untertrieben.

Klopp: Mag sein, wir wissen aber, wie schwer es in jedem einzelnen Spiel war, die Punkte zu holen. Vor kurzem haben wir 4:4 gegen Duisburg gespielt, eine Mannschaft, die im Tabellenkeller steht. Das zeigt doch, wie ausgeglichen diese Liga ist. Nur wenn jeder Einzelne sich hundertprozentig einbringt, können wir etwas erreichen. Und weil es auch weiterhin schwer sein wird, sind wir ohne jegliche Illusionen und nehmen die Ergebnisse, wie sie kommen ...

SPIEGEL ONLINE: ... bis der Aufstieg perfekt ist.

Klopp: Nein, ich beschäftige mich überhaupt nicht damit, was möglich sein wird, wie viele Punkte wir vielleicht zu diesem oder jenem Zeitpunkt haben könnten. Wir denken immer nur an das jeweilige Wochenende, denn nur am Wochenende, im Spiel, können wir beweisen, wie gut wir die Woche über gearbeitet haben. Was davor war oder danach sein wird, interessiert uns nicht.

SPIEGEL ONLINE: Schön gesagt. Nur, wie lange kann man von Spiel zu Spiel denken, ohne daran zu denken, dass der ganz große Wurf vielleicht doch gelingen kann?

Klopp: Es ist überhaupt nicht schwierig für eine Mannschaft, immer nur von Spiel zu Spiel zu denken. Schwierig wird es nur, wenn man das der Öffentlichkeit erklären soll. Erst wenn sich ganz deutlich eine Entwicklung abzeichnet, bin ich bereit, über das Thema Aufstieg zu sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie die größten Gefahren, dass es am Ende doch nicht klappen könnte?

Jürgen Klopp als Spieler (l.): "Wir sind Meister der Improvisation"
DPA

Jürgen Klopp als Spieler (l.): "Wir sind Meister der Improvisation"

Klopp: Unsere Schwäche liegt vielleicht darin, dass wir noch nicht in der Lage sind, die Leistung, die theoretisch bei uns möglich ist, auch konstant in jedem Spiel zu bringen. Darin liegt aber auch eine Herausforderung. Würden wir schon jetzt immer auf höchstem Niveau spielen, hätten wir nicht 36, sondern 48 Punkte. Unser Vorteil ist, dass wir keine Stars haben. Ein Star hat schon etwas erreicht, wir haben noch gar nichts erreicht. Aber wir sind gierig darauf, etwas erreichen zu wollen. Deshalb geht es uns gut, deshalb sind wir glückliche Menschen, die in ihrem Beruf Ziele verwirklichen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Ihre beruflichen Ziele?

Klopp: Ich wollte zwar schon immer Trainer werden, dass es aber so schnell gehen würde, hätte ich mir nicht träumen lassen. Zunächst sollte es sich eigentlich nur um zwei Spiele handeln.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt ist mehr daraus geworden. Man ordnet Sie inzwischen der intellektuellen Trainergarde zu. Wie finden Sie es, mit Ralf Rangnick oder Volker Finke in einen Hut geworfen zu werden?

Klopp: Es interessiert mich überhaupt nicht, in was für eine Schublade mich die Leute stecken. Ich kenne Ralf Rangnick persönlich, und er ist mir sehr sympathisch. Ich denke auch, dass wir schon einige Gemeinsamkeiten haben. Ob wir deshalb aber auch gleich Intellektuelle sind, kann ich nicht sagen. Das hängt sicher eher damit zusammen, dass wir Brillenträger sind.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie eigentlich manchmal mit Wehmut an Ihre aktive Zeit zurück? So lange her ist es ja nicht.

Klopp: Für mich aber ist mit dem Trainerberuf endlich ein Traum in Erfüllung gegangen. Das, was ich nun machen darf, empfinde ich als viel schöner, als Samstag für Samstag dem knochenharten Liga-Betrieb ausgesetzt zu sein.

SPIEGEL ONLINE: In der Bundesliga dürfte es nicht weniger anstrengend sein. Ist der Verein überhaupt reif für den Aufstieg? Das Stadion muss etwa dringend modernisiert werden.

Klopp: Das wäre kein Problem, wir sind Meister der Improvisation. Wer hier mal vorbeigeschaut hat, der kann nur staunen. Das Stadion wird für 20 Millionen Mark ausgebaut, und es wird möglich sein, hier jederzeit erfolgreich Fußball zu spielen.

Das Interview führte Andreas Kötter

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