Interview mit Lars Ricken "Man hat zu viel von mir erwartet"

Lars Ricken ist mit Borussia Dortmund wieder da, wo er am Anfang seiner Karriere stand: ganz oben in der Tabelle. Vor dem Bundesligaspiel in Freiburg erzählt der 24-Jährige im Interview mit SPIEGEL ONLINE, wie er seine zwischenzeitliche Krise gemeistert hat.

Von Andreas Kötter


SPIEGEL ONLINE:

Herr Ricken, mit 18 Jahren waren Sie Deutscher Meister, mit 20 Champions-League-Sieger und mit 22 gebrandmarkt als ewiges Talent. Hatten Sie vom Fußball zwischenzeitlich genug?


Lars Ricken: Das hat es bei mir noch nicht gegeben. Mir war immer klar, wie schnell die Euphorie umschlagen kann; die Superlative zu Beginn meiner Karriere waren genauso überzogen wie die maßlose Kritik, die später folgte. Ich konnte das immer sehr gut relativieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Medien sind in schlechten Phasen nicht gerade sanft mit Ihnen umgesprungen.

Ricken: Seltsamerweise haben die Medien bei mir nie einen vernünftigen Mittelweg gefunden. Als ich gerade mal ein paar gute Spiele gemacht hatte, galt ich schon als der Hoffnungsträger des deutschen Fußballs. Als es später nicht mehr so gut lief, haben sie mich als ewiges Talent abgestempelt, obwohl ich gerade mal 22 Jahre alt war. Die sehr frühen Erfolge waren eine Hypothek für mich. Sicherlich hatte ich auch das Pech, dass meine persönliche Krise zusammenfiel mit der Krise von Borussia Dortmund. Während unserer großen Erfolge bin ich natürlich auch mitgezogen worden von der Mannschaft. Als es später nicht mehr so gut lief, hat man dann vielleicht zuviel von mir erwartet. Diesen - meiner Meinung nach auch überzogenen - Erwartungen konnte ich zum damaligen Zeitpunkt gar nicht gerecht werden.

SPIEGEL ONLINE Vielleicht auch deshalb nicht, weil es Ihnen nach all den Erfolgen schwer fiel, sich neu zu motivieren?

Ricken: Nein, im Gegenteil. Die frühen Erfolge haben sogar Hunger auf mehr gemacht. Ich habe gesehen, wie schön es ist, mit Erfolgen und mit Anerkennung zu leben. In keinem anderen Beruf würde ich die Anerkennung bekommen, die mir der Fußball zuteil werden lässt.

SPIEGEL ONLINE: War es für Ihre Entwicklung also sogar gut, ein Tal zu durchlaufen?

Ricken: Natürlich hätte ich einerseits auf die eine oder andere negative Erfahrung oder Schlagzeile gut verzichten können. Andererseits bin ich als Persönlichkeit gereift, gerade weil ich gegen Widerstände, ob in der Öffentlichkeit oder auch im eigenen Verein, ankämpfen musste.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie heutigen Jungstars, wie Michael Ballack oder Miroslav Klose empfehlen?

Ricken: Entscheidend ist, dass man sich ein gutes Maß an gesundem Menschenverstand erhält, dass man lernt, die Dinge zu relativieren und die Mechanismen zu durchschauen.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie Fortschritte in der Jugendförderung?

Lars Ricken: "Superlative waren überzogen"
OnlineSport

Lars Ricken: "Superlative waren überzogen"

Ricken: Nach wie vor haben es diejenigen Spieler, die aus der Jugendmannschaft kommen, brutal schwer. Viele junge Spieler machen zudem den Fehler, nur auf ihre so genannten Berater zu hören. Da entscheidet die schnelle Mark über den Weg des Spielers, nicht die Überlegung, wo er vielleicht am besten gefördert wird.

SPIEGEL ONLINE: Einem Dortmunder Eigengewächs wie Ihnen, dem die "Süddeutsche Zeitung" attestiert, dass er endlich von Woche zu Woche mehr "der Boss der Mannschaft" werde, setzt der BVB mit Thomas Rosicky einen 25-Millionen-Mann vor die Nase.

Ricken: Da macht man sich zwar schon seine Gedanken...

SPIEGEL ONLINE: ...weil einem indirekt das Vertrauen entzogen wird?

Ricken: Nein, ich versuche, das eher pragmatisch zu sehen. Konkurrenz tut der Mannschaft gut. Ich definiere mich immer noch über meine eigene Leistung und ich bin davon überzeugt, dass ich spiele, wenn diese Leistung stimmt. Dann ist es natürlich umso besser, wenn um mich herum Klasseleute wie Rosicky sind. Im übrigen, wer diese Verhältnisse nicht akzeptiert, der ist wohl falsch im Profigeschäft.


SPIEGEL ONLINE: Dieses Geschäft haben Sie vor einigen Jahren in einem Werbespot für "Nike" kritisiert, was Ihnen den Vorwurf der Scheinheiligkeit eingebracht hat. Waren Sie zu naiv?

Ricken: Dieser Spot war für mich sehr wichtig, weil ich dadurch endlich das Image des Heavy Metal hörenden Jungstars abschütteln konnte. Nach diesem Spot wurden mir in Interviews endlich auch andere Fragen gestellt als nach meiner Lieblingsband oder nach kreischenden Teenies. Was mich allerdings ärgert, ist, dass dieser Spot heute noch herangezogen wird, um schlechte Leistungen von mir zu erklären. Ich bin jedenfalls sehr stolz darauf, weil wir schon 1997 vor einer Entwicklung im Profifußball gewarnt haben, die die Fans zu Massenprotesten bewegt. Natürlich weiß ich, dass die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten ist, dass nach Dortmund auch andere Clubs in naher Zukunft sicherlich einen Börsengang wagen. Die Frage ist einfach nur, wie weit sich die Clubs durch solche Aktionen von der Basis, von den Fans entfernen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Politik Ihres eigenen Vereins kritisiert, der beim DFB-Hallenturnier in Dortmund nicht mit der besten Mannschaft angetreten ist.

Ricken: Ich sehe mich bei weitem nicht als Revoluzzer, dennoch bin ich der Ansicht, dass meine Meinung ehrlich und fundiert sein muss. In so einem Fall schauen einen die Kollegen schon ein bisschen komisch an, was mir da aber egal war. Sicherlich kann man den Verein verstehen, der im Hinblick auf den Bundesliga-Rückrundenstart Verletzungen vermeiden wollte. Dennoch fand ich es beschämend, vor heimischen Publikum nicht mit der besten Besetzung anzutreten. Die beiden Top-Mannschaften, Dortmund und Bayern, nicht in Bestbesetzung - da habe ich überlegt, ob ich meinen Eltern überhaupt raten soll, zum Zuschauen zu kommen.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.