Interview mit Nick Hornby Fußball in den Zeiten des Krieges

Gegenüber SPIEGEL ONLINE spricht der englische Autor Nick Hornby ("Fever Pitch") über die Veränderungen in seinem Lieblingssport seit den Terrorschlägen gegen die USA und das Verhältnis des englischen zum deutschen Fußballfan.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Hornby, in einer Episode Ihres Romans "Fever Pitch" erzählen Sie, wie Sie ein Heimspiel Ihres Lieblingsclubs Arsenal London kurz nach dem Ausbruch des Golf-Krieges 1991 erlebten. "Nach dem Treffer wurde Highbury (Stadion von Arsenal, d. Red.) ganz leicht wieder zum Mittelpunkt des Universums, während sich eine Million Männer einige tausend Meilen entfernt für den Krieg bereit machten", schreiben Sie. Empfinden Sie im Moment auch so?

Nick Hornby: Als ich wenige Tage nach dem 11. September ein Heimspiel von Arsenal besuchte, war Highbury ganz sicher nicht der Mittelpunkt des Universums. Aber diesmal ist es ohnehin anders. Das hat in erster Linie damit zu tun, dass die Menschen den invasiven Charakter des Konflikts wahrnehmen. Weil es in New York passierte, sind sie viel betroffener.

SPIEGEL ONLINE: Am Abend nach den Terroranschlägen gegen die USA musste Arsenal in der Champions League bei Real Mallorca spielen. Wie wichtig war das Ergebnis für Sie?

Hornby: So wie für jeden anderen, nicht besonders wichtig. Ich wünschte, sie hätten nicht spielen müssen. Es war eine dumme Entscheidung der Uefa. Sie hätten die Spiele am Abend des 11. September absagen müssen, nicht erst die Partien am Tag darauf.

SPIEGEL ONLINE: In den Stadien Europas wurde der Opfer der Terrorangriffe eine Zeit lang mit Schweigeminuten gedacht. An was haben Sie während dieser sechzig Sekunden gedacht?

Hornby: Ich habe mich gefragt, wie viele Schweigeminuten wir beim Fußball mittlerweile eigentlich haben. In den vergangenen Monaten sind einige ehemalige Arsenal-Spieler und -Trainer verschieden. Für jeden hatten wir eine Schweigeminute, dann eine für die USA und dann eine für einen Linienrichter, der während eines Spiels verstorben ist. Es kommt einem schon vor, als würde das dazu gehören. Bis zu welchem Punkt sind Schweigeminuten im Fußball angemessen? Werden wir im Stadion auch schweigen müssen, wenn der italienische Staatspräsident stirbt?

SPIEGEL ONLINE: Ist Fußball noch immer Ihre große Leidenschaft?

Hornby: Seit ich "Fever Pitch" vor zehn Jahren geschrieben habe, hat sich vieles verändert, für mich persönlich und im Fußball. Ich habe ein behindertes Kind (Hornbys Sohn ist Autist, d. Red.). Und die Probleme, die das mit sich bringt, sind wichtiger als alles, was mit Arsenal zu tun hat. Ich gehe zwar noch immer zu jedem Heimspiel, aber die Bindung zwischen Club und Fan ist zerbrochen.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Hornby: Jedes Jahr ändert sich die Mannschaft. Man weiß nie, wie lange ein Spieler bleibt. Fußball ist ein Geschäft geworden. Der Fan ist nur noch Betrachter, nicht mehr Teilnehmer wie früher. Der aktuelle Fußball ist zwar 20-mal besser, aber er ist mehr Entertainment und weniger Leidenschaft. Ins Stadion zu gehen ist heutzutage vergleichbar mit einem Kinobesuch. Am meisten beunruhigt mich, dass sich vier oder fünf Superclubs herausgebildet haben. In England etwa sehe ich niemanden, der Manchester United besiegen kann. Das führt dazu, dass deren Hauptinteresse Real Madrid oder Juventus Turin gilt, aber nicht mehr Arsenal.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von der Champions League?

Hornby: Sie wurde erfunden, um Geld zu verdienen.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich wenig begeistert an.

Hornby: Nein, nein, ein bisschen mag ich die Champions League schon. Durch sie kann ich mehr Fußball in Highbury sehen als früher. Die Zusammensetzung der Champions League in ihrer jetzigen Form ist eine Mischung aus dem Versuch, demokratisch zu sein, und aus dem Versuch, Geld zu verdienen. Wenn die Uefa ehrlich wäre, dann würde sie sagen, wir wollen die fünf besten Teams aus England, Italien und Spanien und die drei besten aus Deutschland - der Rest interessiert uns nicht. Vielleicht wird es eines Tages so kommen.

SPIEGEL ONLINE: Stört Sie, dass mittlerweile jeden Tag in der Woche Fußball im Fernsehen gezeigt wird?

Hornby: Für mich ist das kein Problem. Ich gucke nicht viel. Kürzlich sagte ein englischer TV-Kommentator allerdings: "Es ist schrecklich, dass man nicht alles gucken kann." Als wenn alles zu gucken die Herausforderung wäre.

SPIEGEL ONLINE: Was lieben Sie am Fußball?

Hornby: Ich liebe dieses Spiel mehr als jede andere Sportart. So was wie Toreschießen gibt es sonst nirgends. Und ich mag dieses Gemeinschaftsgefühl der Fans. Man unterhält sich über irgendwelche Dinge mit Leuten, die man gar nicht kennt.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, Ihre deutschen Leser nehmen es Ihnen übel, dass die englische Nationalmannschaft die deutsche in der WM-Qualifikation bezwungen hat?

Hornby: Das erste, was mir einfiel, als Beckham vergangenen Samstag das 2:2 gegen Griechenland erzielte, war: "Phantastisch, ab Montag bin ich in Deutschland." Ich bin allerdings total überrascht, denn bislang hat mich noch niemand darauf angesprochen. Insofern hatte ich daran bisher auch noch kein Vergnügen.

SPIEGEL ONLINE: Was war aufregender, Englands 5:1-Sieg gegen Deutschland oder das Unentschieden in letzter Minute gegen die Griechen?

Hornby: Es war schwierig, sich an dem Griechenland-Spiel zu erfreuen, denn England war so schlecht. Also war das 5:1 gegen Deutschland aufregender. Um ehrlich zu sein, normalerweise interessiere ich mich nicht für die Nationalmannschaft. Aber ich mag den Trainer (den Schweden Sven-Göran Eriksson, d. Red.), er ist gut für England. Wir waren immer ein bisschen so, wie das deutsche Team heute ist: alt, langsam, ideenlos. Plötzlich sind wir jung, schnell und ziemlich intelligent. Das tut England gut.

SPIEGEL ONLINE: Wie wären die Reaktionen in Ihrer Heimat gewesen, wenn England die direkte WM-Qualifikation noch verpasst hätte?

Hornby: Nicht besonders heftig. Der Schaden war ja bereits entstanden, als England vor einem Jahr in Wembley gegen Deutschland mit 0:1 verloren hatte und Trainer Kevin Keegan gehen musste. Jetzt hätten die meisten wohl gesagt: "Okay, Eriksson hat alles versucht, uns doch zur WM zu bringen. Er muss weiter auf junge Spieler setzen."

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie bitte, was in den Köpfen der englischen Boulevardjournalisten vor sich geht, wenn ein Spiel gegen Deutschland ansteht.

Hornby: Sie wollen lustig sein und versuchen, Witze zu reißen. Die traurige Wahrheit ist, dass die Boulevardzeitungen denken, dass sich die Deutschen immer noch mit dem WM-Finale von 1966 beschäftigen. Sie vergessen, dass Deutschland seitdem noch viermal im Endspiel stand und zweimal Weltmeister wurde. Warum sollten sich die Deutschen ständig an eine Niederlage erinnern, die 35 Jahre zurückliegt? Aber bei uns heißt es immer noch: "Bäh, wir haben Euch 1966 besiegt."

Das Interview führte Till Schwertfeger



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