14. Dezember 2012, 14:18 Uhr

DFB-Manager Oliver Bierhoff

Macht mal langsam!

Von Rafael Buschmann, Mike Glindmeier und Christian Gödecke

Das EM-Aus gegen Italien, die WM-Qualifikation, das 4:4 gegen Schweden: Für Oliver Bierhoff war 2012 ein Jahr der Extreme, es gab breites Lob und beißende Kritik. Im Interview hinterfragt der DFB-Teammanager das Fußballgeschäft kritisch wie nie - und fordert Entschleunigung.

Großartiges Jahr! Das werden die Fußballromantiker über dieses Jahr sagen, dieses 4:4 gegen Schweden, spektakulär, wahnsinnig. WM-Qualifikation? Läuft. Das Aus im EM-Halbfinale? Wenn schon scheitern, dann doch gegen den großen Rivalen Italien. Grausam, werden Puristen entgegnen. Wieder kein Titel! Gegen Schweden die schlimmste Nachlässigkeit in der Verbandsgeschichte. Und eine Grundsatzfrage, die uns bis zur WM begleiten wird: Ist in der Spielphilosophie, um die uns die Welt beneidet, etwa zu wenig Raum für die Defensive?

Wie war es denn nun, dieses 2012? Was bleibt?

In einem tiefen, hellbraunen Ledersessel eines Hamburger Hotels sitzt Oliver Bierhoff und spricht über seine Lehren aus dem abgelaufenen Fußballjahr. Es war sein achtes als Manager des DFB-Teams, acht Jahre sind eine sehr lange Zeit in einem sehr exponierten Job. Er sagt: "Es ist wichtig, Pausen zu machen, weil sonst die Qualität leidet." Bierhoff redet viel über Innehalten und Entschleunigung an diesem Morgen in Hamburg, was so gar nicht zu dem rasanten Fußballjahr 2012 zu passen scheint. Aber umso besser zu dem Buch, das vor ihm auf dem Tisch liegt.

"Spielunterbrechung" heißt es, und was darin steht, klingt wie eine Utopie. Das Buch ist ein Mach-mal-Pause-Plädoyer, eine Aufforderung zum Durchatmen - auch und gerade in einem der gnadenlosesten Berufszweige: dem Profifußball. Dass ausgerechnet der Manager des DFB-Teams dieses Plädoyer geschrieben hat, ist schon bemerkenswert. Noch überraschender aber ist das Buch selbst. Denn wer sich darauf einlässt, seine Vorurteile über schreibende Ex-Fußballer im Allgemeinen und Bierhoff im Speziellen zu vergessen, wird belohnt. "Spielunterbrechung" ist manchmal dozierend geschrieben, oft aber erstaunlich kurzweilig und klug. Nur: Bisher blieb es weitgehend unbeachtet.

Gehört wurden andere: Rudi Assauer zum Beispiel. Der legte eine dramatische Autobiografie vor, mit der er seine Alzheimer-Erkrankung öffentlich machte. Der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger legte eine großspurige Autobiografie vor, mit der er peinliche Details aus dem Verband öffentlich machte. Oliver Bierhoff hat keine Dramen parat und keine Interna. Er hat auf seine Karriere zurückgeblickt und daraus Schlüsse gezogen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bierhoff, der Titel Ihres Buches lautet "Spielunterbrechung". Ein Aufruf zum Innehalten?

Bierhoff: Ja, das ist meine feste Überzeugung, die ich seit langem habe, besonders nach diesem Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Was genau hat Sie denn zu dieser Erkenntnis gebracht? Die EM?

Bierhoff: Nein, vor allem die grundsätzliche Einsicht: Es ist sehr wichtig, sich Pausen zu nehmen, weil man sonst an Qualität verliert. Gerade nach dem EM-Aus gegen Italien im Halbfinale hat mir diese Einsicht sehr geholfen. Es gab ja sehr hitzige Diskussionen und heftige Reaktionen. Es war wichtig, da Abstand zu gewinnen und in Pausen alles zu analysieren.

SPIEGEL ONLINE: Die wenigsten Menschen können einfach so Pause machen.

Bierhoff: Es ist schwer, und es gehört viel Mut dazu. Und natürlich hängt die Möglichkeit, Auszeiten zu nehmen, auch von finanziellen Freiheiten oder Hierarchien ab. Aber eine Pause meint doch nicht gleich das Sabbatical. Es hilft schon, dass man nicht rund um die Uhr mit seinem Smartphone erreichbar ist. Mittlerweile ist es schick geworden zu sagen: Ich hab das Ding aus. Und das ist gut. Auch die Unternehmen haben das verstanden und in Gesundheitsprogramme für ihre Mitarbeiter aufgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie rufen zur Entschleunigung auf. Das ist doch unrealistisch für einen Profifußballer mit Mitte 20.

Bierhoff: Es ist aber dennoch möglich. Ein Spieler hat feste Trainingszeiten, über die kann er nicht bestimmen. Aber er kann sein Umfeld anpassen. Wie viele Interviews gibt er? Wie viele Werbetermine nimmt er wahr? Mit wie vielen Freunden umgibt er sich, wie oft geht er aus? Da ist weniger manchmal mehr.

SPIEGEL ONLINE: Die Spieler sollen Fehler machen dürfen, auch das empfehlen Sie in Ihrem Buch. Die Realität ist doch aber: Der Profifußball ist eine extrem darwinistische Veranstaltung.

Bierhoff: Als Spieler stand ich lange im Rampenlicht, wurde auch sehr oft kritisiert. Da ist man nach der aktiven Karriere natürlich entspannter. Aber ja, ich will, dass Spieler Fehler machen können, Statements setzen, Positionen beziehen. Nur ist es mir lieber, sie machen das alles bewusst und übernehmen dann auch die Verantwortung dafür.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das konkret aussehen?

Bierhoff: Nehmen wir das 4:4 gegen Schweden. Mit etwas Abstand wirkt es nicht mehr ganz so dramatisch. Aber was war nach diesem Spiel los! Da wäre meine Idealvorstellung gewesen: Die Spieler gehen mit Selbstbewusstsein raus zu den Journalisten, geben ihre Fehler zu und lassen sich auch auf eine Diskussion ein. Wer gar nicht will, kann ja nett nein sagen. Aber sagen sollte man etwas. Gar nicht gut kommt hingegen, wenn ein 20-Jähriger wortlos an den wartenden Journalisten vorbeiläuft.

"Da hast du nur Rückpässe gespielt": Bierhoff über Kritik an den Nationalspielern, seine persönliche Zukunft beim DFB und den Druck, endlich einen Titel gewinnen zu müssen


SPIEGEL ONLINE:
Vielleicht war dieses 4:4 einfach zu niederschmetternd, um danach noch professionell und selbstkritisch Interviews zu geben.

Bierhoff: Für mich gehören Interviews fest zu meinem Job. Wir haben ja beim DFB keine Verträge mit den Spielern. Aber wenn es nach mir ginge, würde ich in der Liga alle Spieler nach den Spielen dazu verpflichten.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass man nicht immer gewinnen, aber immer alles geben muss. Nun kommt nach den vier Gegentoren gegen Schweden ein Spieler zu Ihnen und sagt: "Oli, ich hab wirklich alles gegeben!" Was sagen Sie dem?

Bierhoff: In dem konkreten Spiel waren wir am Ende nicht mehr bereit, die nötigen Meter zu gehen. Wir waren weiter weg von den Gegenspielern, wir sind weniger gelaufen. Wir waren oberflächlicher im Passspiel. In so einem Fall ist es unsere Aufgabe, die subjektive Wahrnehmung der Spieler durch statistische Daten, die wir heute glücklicherweise haben, zu widerlegen. Dank der technischen Möglichkeiten kann man genau sagen: Guck hier, in den ersten 60 Minuten bist du hohes Tempo gelaufen, oder es sind 90 Prozent deiner Pässe angekommen. In den letzten 30 Minuten hast du nur noch Rückpässe gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Was ist eigentlich Erfolg für Sie?

Bierhoff: Warum fragen Sie?

SPIEGEL ONLINE: "Titel sind was für Autogrammkarten." Das steht genau so in Ihrem Buch. Die Frage stellt sich also schon, mit welchen Kriterien man in Zukunft beim DFB Erfolg messen will.

Bierhoff: Da muss man differenzieren. Die Fans erwarten einen Titel, das gibt die Definition von Erfolg vor. Deshalb muss man das wohl so nennen: Der große Erfolg nach außen ist ein Titel. Ich behaupte ja auch nirgendwo, dass die unwichtig seien. Das Potential, Weltmeister zu werden, ist auf jeden Fall da. Für die eigene Persönlichkeit ist aber der Weg dahin wichtiger, und jeder einzelne muss den Erfolg unabhängig für sich bestimmen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen - auch mit dem Buch - offenbar bewusst Druck von den oft jungen Nationalspielern nehmen. Erwarten wir in Deutschland zu viel von dieser Mannschaft?

Bierhoff: Ich bin ein Verfechter der Leistungsgesellschaft. Und wir sollen auch viel von der Mannschaft erwarten. Aber dass wir mittlerweile zu Recht auch viel erwarten können, geht manchmal unter in dieser Reduktion auf einen Titel. Dieser Slogan von der Goldenen Generation, die möglicherweise leer ausgehen könnte. Irgendwann ist auch mal gut. Unsere Spieler sind auch nur Menschen und zudem sehr jung.

SPIEGEL ONLINE: Man merkt, wie nahe Ihnen das geht. Ist es eigentlich mehr Lust oder Last, mit einer derart talentierten Truppe erfolgreich sein zu müssen?

Bierhoff: Es ist definitiv Lust. Es macht totalen Spaß. Allein die Trainingseinheiten - diese Ballung an Qualität! Das ist, auch im Vergleich zu 2004, als wir mit Jürgen Klinsmann und Joachim Löw übernommen haben, eine unglaublich beeindruckende Entwicklung. Aber wir Deutsche suchen oft das Haar in der Suppe. Beim Spiel in Irland habe ich mich beim Gegentreffer ertappt, wie ich innerlich einen Spieler für seinen Fehler kritisiert habe.

SPIEGEL ONLINE: Das Spiel endete 6:1...

Bierhoff: Eben, 6:1! Im Ausland sagt man deshalb völlig zu Recht: Mensch, haben die Deutschen ein Glück, ist das eine geile Truppe, ist das eine Leichtigkeit. Bei aller Verärgerung über Italien oder das 4:4 sollte man sich auch mal diese ausländische Sicht zu eigen machen.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn Titel unwichtig sind...

Bierhoff: ...was ich nicht gesagt habe.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn Titel nur was für Autogrammkarten sind: Ihnen persönlich droht das Schicksal, als Manager einer der besten Mannschaften ohne Trophäe in die DFB-Geschichte einzugehen. Angst?

Bierhoff: Wer weiß heute schon, wofür man steht, wenn man die Zeit beim DFB beendet hat? Ich hoffe, meine Arbeit wird nicht nur daran gemessen. An sich mache ich mir diese Gedanken nicht, denn dann hätte ich 2004 gar nicht übernehmen dürfen. Wir wussten: Verdammt, wenn das hier in die Hose geht, die WM im eigenen Land, dann kriegen wir richtig Ärger.

SPIEGEL ONLINE: Diese Selbstzweifel sind aus dem kollektiven Gedächtnis schon wieder gelöscht, wenn sie überhaupt damals öffentlich wurden.

Bierhoff: Es war jedenfalls nicht so, dass ich 2004 dachte: Hurra, jetzt habe ich den Traumjob, auf den ich mein Leben lang hingearbeitet habe. Es gab durchaus Bedenken. Immerhin stand ich damals wieder regelmäßig in der Öffentlichkeit, jedes Wort wurde bewertet. Es ist dann zum Glück gut gegangen. Aber um auf die Frage nach dem Titel zurückzukommen: Eine unserer Hauptaufgaben wird sein - und ich weiß nicht, ob uns das gelingen wird -, nach außen zu vermitteln, dass es 2014 nicht einfacher wird als 2012. Da kommen Brasilien und Argentinien hinzu, wir sind auf einem neuen Kontinent. Die Erwartungshaltung auch nach der tollen Qualifikation 2012 war verständlicher als sie für mich jetzt schon für 2014 sein kann.

SPIEGEL ONLINE: Was haben diese acht Jahre seit 2004 mit Ihnen gemacht? Und wo sehen Sie sich auf einer Zeitskala in diesem Projekt?

Bierhoff: In den ersten beiden Jahren habe ich immer gedacht, das ist der bestbezahlte Crashkurs, den man machen kann. Warum? Der Job ist extrem vielfältig, man arbeitet auf höchstem Niveau und kommt mit interessanten Menschen zusammen. Das sieht man schon daran, dass ich es in all den Jahren noch nicht geschafft habe zu vermitteln, was ich eigentlich wirklich mache (lacht). Medien, Marketing, Finanzen, Sportpolitik, Organisation, Logistik - all diese Stränge ziehen an uns, und ich bin mitten drin. Aber man hängt unglaublich an dem sportlichen Erfolg. 2012 habe ich extrem gespürt, wie schnell die Dinge sich ändern können. Bis zum Italienspiel tat die Schulter richtig weh von all den Klopfern. Wie toll das alles organisiert ist und wie schön alles klappt. Nicht nur die Medien - auch beim DFB. Und dann (schnippt mit dem Finger): Ein einziges Spiel, und plötzlich wurde wieder alles in Frage gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Die Zeitskala...

Bierhoff: Wie lange ich das noch mache? Ich weiß es nicht. Mein Vertrag läuft bis 2014 und ich arbeite unheimlich gern in diesem Team, auch die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen im DFB ist sehr gut. Da gibt es noch interessante Aufgaben. Die Konstellation mit Joachim, vorher mit Jürgen Klinsmann, jetzt mit Hansi Flick und Andi Köpke ist einmalig, der Spaß und das Vertrauen. Ich lasse meine Zukunft mittlerweile viel mehr auf mich zukommen als noch mit 20. Heute weiß ich, dass ich auch mal loslassen muss. Aber selbst wenn ich mit diesem Job aufhöre: Ich werde nicht am nächsten Tag bei einem Verein anfangen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch liest sich aber schon so, als würden Sie gerade konkret über eine Auszeit nachdenken.

Bierhoff: Das mache ich nicht. Aber ich denke, es wird wichtig sein, wenn ich dann einmal aufhöre, sich Zeit und Ruhe für neue Entscheidungen zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie 2014 denn auch mit einem prekären Arbeitsverhältnis in die WM gehen?

Bierhoff: Ja, das ist 2010 schon einmal gut ausgegangen. Das beeinträchtigt unsere Arbeit nicht.

Das Interview führten Rafael Buschmann, Mike Glindmeier und Christian Gödecke


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