Großartiges Jahr! Das werden die Fußballromantiker über dieses Jahr sagen, dieses 4:4 gegen Schweden, spektakulär, wahnsinnig. WM-Qualifikation? Läuft. Das Aus im EM-Halbfinale? Wenn schon scheitern, dann doch gegen den großen Rivalen Italien. Grausam, werden Puristen entgegnen. Wieder kein Titel! Gegen Schweden die schlimmste Nachlässigkeit in der Verbandsgeschichte. Und eine Grundsatzfrage, die uns bis zur WM begleiten wird: Ist in der Spielphilosophie, um die uns die Welt beneidet, etwa zu wenig Raum für die Defensive?
Wie war es denn nun, dieses 2012? Was bleibt?
In einem tiefen, hellbraunen Ledersessel eines Hamburger Hotels sitzt Oliver Bierhoff und spricht über seine Lehren aus dem abgelaufenen Fußballjahr. Es war sein achtes als Manager des DFB-Teams, acht Jahre sind eine sehr lange Zeit in einem sehr exponierten Job. Er sagt: "Es ist wichtig, Pausen zu machen, weil sonst die Qualität leidet." Bierhoff redet viel über Innehalten und Entschleunigung an diesem Morgen in Hamburg, was so gar nicht zu dem rasanten Fußballjahr 2012 zu passen scheint. Aber umso besser zu dem Buch, das vor ihm auf dem Tisch liegt.
"Spielunterbrechung" heißt es, und was darin steht, klingt wie eine Utopie. Das Buch ist ein Mach-mal-Pause-Plädoyer, eine Aufforderung zum Durchatmen - auch und gerade in einem der gnadenlosesten Berufszweige: dem Profifußball. Dass ausgerechnet der Manager des DFB-Teams dieses Plädoyer geschrieben hat, ist schon bemerkenswert. Noch überraschender aber ist das Buch selbst. Denn wer sich darauf einlässt, seine Vorurteile über schreibende Ex-Fußballer im Allgemeinen und Bierhoff im Speziellen zu vergessen, wird belohnt. "Spielunterbrechung" ist manchmal dozierend geschrieben, oft aber erstaunlich kurzweilig und klug. Nur: Bisher blieb es weitgehend unbeachtet.
Gehört wurden andere: Rudi Assauer zum Beispiel. Der legte eine dramatische Autobiografie vor, mit der er seine Alzheimer-Erkrankung öffentlich machte. Der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger legte eine großspurige Autobiografie vor, mit der er peinliche Details aus dem Verband öffentlich machte. Oliver Bierhoff hat keine Dramen parat und keine Interna. Er hat auf seine Karriere zurückgeblickt und daraus Schlüsse gezogen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Bierhoff, der Titel Ihres Buches lautet "Spielunterbrechung". Ein Aufruf zum Innehalten?
Bierhoff: Ja, das ist meine feste Überzeugung, die ich seit langem habe, besonders nach diesem Jahr.
SPIEGEL ONLINE: Was genau hat Sie denn zu dieser Erkenntnis gebracht? Die EM?
Bierhoff: Nein, vor allem die grundsätzliche Einsicht: Es ist sehr wichtig, sich Pausen zu nehmen, weil man sonst an Qualität verliert. Gerade nach dem EM-Aus gegen Italien im Halbfinale hat mir diese Einsicht sehr geholfen. Es gab ja sehr hitzige Diskussionen und heftige Reaktionen. Es war wichtig, da Abstand zu gewinnen und in Pausen alles zu analysieren.
SPIEGEL ONLINE: Die wenigsten Menschen können einfach so Pause machen.
Bierhoff: Es ist schwer, und es gehört viel Mut dazu. Und natürlich hängt die Möglichkeit, Auszeiten zu nehmen, auch von finanziellen Freiheiten oder Hierarchien ab. Aber eine Pause meint doch nicht gleich das Sabbatical. Es hilft schon, dass man nicht rund um die Uhr mit seinem Smartphone erreichbar ist. Mittlerweile ist es schick geworden zu sagen: Ich hab das Ding aus. Und das ist gut. Auch die Unternehmen haben das verstanden und in Gesundheitsprogramme für ihre Mitarbeiter aufgenommen.
SPIEGEL ONLINE: Sie rufen zur Entschleunigung auf. Das ist doch unrealistisch für einen Profifußballer mit Mitte 20.
Bierhoff: Es ist aber dennoch möglich. Ein Spieler hat feste Trainingszeiten, über die kann er nicht bestimmen. Aber er kann sein Umfeld anpassen. Wie viele Interviews gibt er? Wie viele Werbetermine nimmt er wahr? Mit wie vielen Freunden umgibt er sich, wie oft geht er aus? Da ist weniger manchmal mehr.
SPIEGEL ONLINE: Die Spieler sollen Fehler machen dürfen, auch das empfehlen Sie in Ihrem Buch. Die Realität ist doch aber: Der Profifußball ist eine extrem darwinistische Veranstaltung.
Bierhoff: Als Spieler stand ich lange im Rampenlicht, wurde auch sehr oft kritisiert. Da ist man nach der aktiven Karriere natürlich entspannter. Aber ja, ich will, dass Spieler Fehler machen können, Statements setzen, Positionen beziehen. Nur ist es mir lieber, sie machen das alles bewusst und übernehmen dann auch die Verantwortung dafür.
SPIEGEL ONLINE: Wie soll das konkret aussehen?
Bierhoff: Nehmen wir das 4:4 gegen Schweden. Mit etwas Abstand wirkt es nicht mehr ganz so dramatisch. Aber was war nach diesem Spiel los! Da wäre meine Idealvorstellung gewesen: Die Spieler gehen mit Selbstbewusstsein raus zu den Journalisten, geben ihre Fehler zu und lassen sich auch auf eine Diskussion ein. Wer gar nicht will, kann ja nett nein sagen. Aber sagen sollte man etwas. Gar nicht gut kommt hingegen, wenn ein 20-Jähriger wortlos an den wartenden Journalisten vorbeiläuft.
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