Interview mit Otto Addo "Ich werde meist in gebrochenem Deutsch angesprochen"

Nach drei Kreuzbandrissen hatte Otto Addo seine Karriere schon fast abgeschrieben. Durch seinen Wechsel von Dortmund zum FSV Mainz 05 haben sich für den 30-Jährigen neue Perspektiven ergeben. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Stürmer über Trainer Jürgen Klopp, sein Leben nach dem Fußball und rassistische Entgleisungen.


Stürmer Addo: "Klopp ist ein echter Kumpel"
DDP

Stürmer Addo: "Klopp ist ein echter Kumpel"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Addo, wie geht es ihrem Knie?

Otto Addo: Es geht ihm ganz gut, ich fühle mich fit. Es ist ein sehr schönes Gefühl nach drei Kreuzbandrissen zurück in der Bundesliga zu sein, vor allem, weil ich lange Zeit gar nicht sicher war, ob ich überhaupt jemals wieder fit werden würde. Ich freue mich, dass ich es dann doch geworden bin und dass ich wieder die Chance habe, Fußball zu spielen und mich den Fans zu zeigen. Ich genieße jeden Tag, an dem ich gesund bin.

SPIEGEL ONLINE: Zumal Sie das Karriereende vor Augen hatten?

Addo: Natürlich musste ich mich damit befassen. Ich habe viel mit den Ärzten gesprochen, da kamen natürlich Zweifel auf. Ich musste lernen, geduldig zu sein. Aber gerade meine Familie, meine engsten Freunde und meine Freundin haben mir immer gut zugesprochen, das hat mir sehr geholfen und mich aufgebaut.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten viel Zeit nachzudenken.

Addo: Sicherlich. Man lernt viel dazu in dieser Zeit, lernt zu akzeptieren, dass es nicht immer so läuft, wie man es sich vorstellt. Mir wurde durch die Verletzung bewusst, was im Leben wirklich wichtig ist und über wie viele Dinge man sich eigentlich grundlos aufregt.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie bei ihrem Comeback Angst vor dem ersten Zweikampf?

Addo: Nein, eigentlich nicht. Natürlich denke ich abseits des Platzes oft über den ein oder anderen unnötigen Zweikampf nach, den ich bestritten habe. Aber im Training oder im Spiel bin ich so ehrgeizig, dass ich überhaupt nicht über meine Verletzung nachdenke.

SPIEGEL ONLINE: Wohl aber über ihre Zukunft, schließlich haben sie ein Fernstudium im Bereich Sport-Management aufgenommen.

Addo: Der Entschluss stand schon vor der Kniegeschichte. Dass ich das Studium aufgenommen habe, hat hauptsächlich mit meinem Alter zu tun. Ich bin jetzt 30 Jahre alt und spiele vielleicht noch vier, fünf Saisons, und das war's dann. Durch das Studium versuche ich mir etwas aufzubauen, Grundlagen zu schaffen, damit ich auch nach dem aktiven Sport vernünftig unterkomme. Meine Verletzung hat mich in dieser Entscheidung bekräftigt und mir zusätzliche Motivation gegeben.

Addo (r.) im Dortmund-Dress: Drei Kreuzbandrisse gefährdeten seine Karriere
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Addo (r.) im Dortmund-Dress: Drei Kreuzbandrisse gefährdeten seine Karriere

SPIEGEL ONLINE: Am Wochenende kamen Sie in Köln zehn Minuten zum Einsatz, in der Uefa-Cup-Qualifikation am Donnerstag einige Minuten länger. Das dürfte ihren Ansprüchen auf Dauer nicht genügen.

Addo: Mein persönliches Ziel ist es natürlich, gesund zu bleiben. Über kurz oder lang möchte ich aber schon in die erste Elf kommen und mich dort etablieren. Aber ich stelle mir kein Ultimatum. Die Mannschaft spielt sehr ordentlich derzeit. Ich warte auf meine Chance. Die kann in zwei Wochen oder in zwei Monaten kommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie kamen vom "Weltkonzern" Borussia Dortmund ins beschauliche Mainz. Zwei völlig verschiedene Welten?

Addo: Hier ist alles ein bisschen familiärer und kleiner, insbesondere das Stadion. Der Druck ist nicht so hoch wie in Dortmund. Beim BVB ging es immer darum, oben mitzuspielen, Titel zu sammeln. Hier geht es gelassener zu in dieser Hinsicht. Ansonsten wird auch in Mainz sehr professionell gearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Bei Dortmund kamen die Flanken von Rosicky, bei Mainz kommen sie von Babatz?

Addo: Mich stört das nicht so sehr. Natürlich hat Dortmund die besseren Einzelspieler als wir, aber dafür ist Mainz mannschaftlich viel geschlossener und das Zusammenspiel klappt besser als beim BVB. Das sind die Qualitäten, auf die wir uns berufen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deshalb das Angebot von Dortmund abgelehnt oder gab es dafür einen anderen Grund?

Otto Addo: Ausschlaggebend war Jürgen Klopp. Er gab mir in den ersten Gesprächen sofort ein gutes Gefühl. Der Trainer lässt mir Zeit. Wenn ich noch Probleme habe mit dem Knie, wird er nicht ungeduldig. Außerdem plant er mit mir auf einer der zwei Positionen hinter der einzigen Spitze, dort fühle ich mich sehr wohl.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Jürgen Klopp für ein Typ?

Addo (l.), Nationalelf-Manager Bierhoff: Auszeichnung für den Kampf gegen Rassismus
DPA

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Addo: Er ist ein richtiger Kumpel. Wenn das Training gut läuft, ist er natürlich super drauf. Im Spiel fiebert er voll mit. Aber wenn es nicht nach seinen Vorstellungen läuft, kann er schon mal ernster und lauter werden. Menschlich ist er super, jeder Profi kann sich nur wünschen, einen Coach wie ihn zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Über die Mainzer Fans können Sie sich auch nicht beklagen.

Addo: Die sind wirklich super. Sie fragen immer wieder, was mein Knie macht und wünschen mir eine verletzungsfreie Saison. Ein schönes Gefühl, auf das ich lange warten musste. Auch die Mannschaft hat mich toll aufgenommen. Ich fühle mich rundum wohl, obwohl ich noch gar nicht lange hier spiele.

SPIEGEL ONLINE: Gerald Asamoah war ein dicker Kumpel von Ihnen bei Hannover 96. Haben Sie noch Kontakt?

Addo: Ja, wir telefonieren regelmäßig.

SPIEGEL ONLINE: Asamoah spielt für die deutsche Nationalelf, Sie haben sich entschieden, für Ghana zu spielen, obwohl Sie hier aufgewachsen sind. Warum?

Addo: Weil ich mich nicht als Deutscher fühle. Man fühlt sich immer so, wie man gesehen wird. Ich spreche zwar die deutsche Sprache besser als jede andere, aber als Dunkelhäutiger wird man hierzulande als Ausländer wahrgenommen. Ich werde meistens auf Englisch angesprochen oder in gebrochenem Deutsch. So merke ich, dass ich anders bin. Auch einige rassistische Aussagen, die ich erfahren habe, tragen dazu bei. Ich finde solche Entgleisungen generell schade und insgesamt sehr traurig.

Das Interview führte Pavo Prskalo



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