Interview mit Ralf Rangnick "Bin mit meinem Konzept nicht gescheitert"

Nach seiner Entlassung beim VfB Stuttgart spricht Ralf Rangnick im Interview mit SPIEGEL ONLINE erstmals über seine Erfahrungen beim abstiegsgefährdeten Fußball-Bundesligisten und über seine Zukunftspläne.

Von Rainer Schäfer


SPIEGEL ONLINE:

Herr Rangnick, im Februar sind Sie beim VfB Stuttgart zurückgetreten. Sind Sie heute darüber hinweg?

Ralf Rangnick: Ja. Es war insgesamt eine schwierige Zeit mit einigen Enttäuschungen, die ich erst einmal verarbeiten musste. Als ich vor zweieinhalb Jahren von einem aufstrebenden Verein wie dem SSV Ulm zum VfB gegangen bin, hatte ich mir das ganz anders vorgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Die Bundesliga vermissen Sie nicht?

Rangnick: Nein, ich halte es für wichtig, immer wieder einmal ins normale Leben zurückzukehren. Ich bin durch das Rehazentrum, das ich seit 1994 betreibe, nicht vom Fußball abhängig. Darüber hinaus verleiht mir dieser Job seit sieben Jahren eine zweite Identität, die mir hilft, über schwierige Phasen im Fußball hinwegzukommen.

SPIEGEL ONLINE: Am Ende Ihrer Stuttgarter Zeit wirkten Sie teilweise niedergeschlagen, fast depressiv.

Rangnick: Danke für die Blumen. Es stimmt natürlich, dass in den letzten Spielen einiges zusammenkam. Da war zum einen die Atmosphäre im Stadion bei den Heimspielen. Wenn bei der ersten missglückten Aktion eines Spielers sowohl der Spieler als auch der Trainer ausgepfiffen oder mit Schmährufen bedacht wird, ist das im Abstiegskampf nicht förderlich.

SPIEGEL ONLINE: Die Darbietungen waren aber auch nicht immer überzeugend.

Rangnick: Ich kann die Fans auch verstehen, denn sie hatten die falschen Erwartungen, die von der Vereinsführung geweckt wurden, übernommen. Jahr für Jahr wurden beim VfB die besten Spieler verkauft - und trotzdem die Teilnahme an internationalen Wettbewerben als selbstverständlich vorausgesetzt. Mein Fehler war, nicht rechtzeitig und entschieden genug auf diese Diskrepanz hingewiesen zu haben. Hinzu kam, dass in dieser Zeit immer wieder Interna aus Mannschaftsbesprechungen an Teile der Presse weitergegeben wurden. Nach meiner Auffassung von Fußball ist dies der Anfang vom Ende für eine Mannschaft.

SPIEGEL ONLINE: Vier Spieltage vor Saisonende droht dem VfB der Absturz in die Zweitklassigkeit.

Rangnick: So langsam dämmert es den meisten, dass es nicht nur am Trainer Rangnick gelegen hat. Spiele wie gegen Köln, Cottbus oder München mit mir auf der Trainerbank - das hätten die Fans niemals akzeptiert. Aber es ist kein Trost für mich, dass sich der VfB auch unter Felix Magath so schwer tut. Im Gegenteil, ich wollte ja mit meinem Rücktritt noch einmal Kräfte für die Endphase der Meisterschaft freisetzen. Viele meinten ja: Wenn der Rangnick weg ist, gewinnt die Mannschaft wieder.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie und Magath nicht das Problem sind, dann muss es der VfB selbst sein?

Ralf Rangnick: "Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit"
REUTERS

Ralf Rangnick: "Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit"

Rangnick: Einer allein kann nie das Problem sein bei einer solchen Entwicklung, wie sie der VfB seit vielen Jahren genommen hat. Schon in der zweiten Saisonhälfte unter Jogi Löw hatte die Mannschaft die Bilanz eines Absteigers. In der darauffolgenden Saison war ich der vierte Trainer, unter dem dann im letzten Saisonspiel der Klassenerhalt gesichert wurde. Aus dieser Zeit stammt auch das Zitat des Präsidenten: Diese Mannschaft ist untrainierbar. Trotzdem hatten wir uns in der nächsten Saison für den Uefa-Cup qualifiziert. Wir waren auf einem guten Weg und standen auf Platz sechs. Aber selbst in dieser Zeit hat es immer wieder Kritik an der Spielweise gegeben. Denn da war immer die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die beim VfB Stuttgart seit Jahren vorhanden ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie zählen zu den Trainern, die für Visionen im Fußball stehen. Sind Sie mit Ihrem Konzept gescheitert?

Rangnick: Nein. Es hat vielleicht in Stuttgart letztendlich nicht so geklappt, wie ich mir das vorgestellt habe. Aber ich weiß, dass mein System, meine Vorstellung von Fußball funktioniert. Im SPIEGEL stand vor nicht allzu langer Zeit ein Zitat von Uli Stielike: Die Zukunft des deutschen Fußballs ist in Ulm zu besichtigen. Auch in Stuttgart waren wir auf einem guten Weg. Wir haben den UI-Cup gewonnen, waren im Viertelfinale des Uefa-Cups, da war der Verein seit zehn Jahren nicht mehr. Wir standen auch im Halbfinale des DFB-Pokals - und diese Mehrbelastung hat sich auf die Bundesliga ausgewirkt.

SPIEGEL ONLINE: Auch auf Sie?

Rangnick: Mein Selbstvertrauen hat nicht gelitten, wenn Sie das meinen. In Ulm hatte mein Konzept Erfolg, weil der Club eine deckungsgleiche Philospohie hatte. Das lag ja aber auch nicht nur an mir allein, ebenso wenig, wie die Tabellensituation in Stuttgart nur an mir lag. Was im Endeffekt nicht gelungen ist: Ulm auf höherem Niveau auf Stuttgart zu übertragen. Aber die Erfahrungen, die ich beim VfB machen konnte, werden mich weiterbringen.

SPIEGEL ONLINE: Als da wären?

Rangnick: Ich hätte mit mehr Nachdruck auf die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit hinweisen müssen. Darüber hinaus hätte ich vor zwei Jahren noch massiver auf die Verpflichtung eines Topstürmers wie Pierre van Hooijdonk, Roy Makaay oder Heiko Herrlich drängen müssen. Die drei wären für eine Ablösesumme zwischen acht und 13 Millionen zu haben gewesen, sind von der Vereinsführung aber abgelehnt worden. In einer Liga, in der jeder jeden schlagen kann, muss man den größten Teil des Kapitals in die Offensive investieren. Das sieht man ja an Schalke, wo der Verein in erster Linie dank seiner beiden überragenden Stürmer vielleicht Meister wird.

SPIEGEL ONLINE: Angriff ist die beste Verteidigung?

Rangnick: Die Offensive ist sehr wichtig - den Rest kriegt man durch Ausbildung und Trainingsarbeit hin. Das haben wir in Stuttgart ja auch bewiesen, was leider nicht entsprechend gewürdigt wurde. Es war auch Auftrag des Vereins, die Jugendarbeit entsprechend zu berücksichtigen und Spieler mit einer Identifikation an die Bundesliga heranzuführen. Heute hat der VfB mit Hildebrand, Hinkel, Pinto und Tiffert vier Nachwuchsspieler, um die heute schon fast die ganze Bundesliga den VfB beneidet. Kai Oswald, der unter mir ja seine ersten Bundesligaspiele absolviert hat, gehört im Prinzip ja auch noch dazu. Aber gerade wegen der guten Erfahrungen mit diesen jungen Spielern sage ich: Besser man investiert einmal zwölf und ein weiteres Mal sechs Millionen als sechsmal drei Millionen Mark. Bei meinem nächsten Verein werde ich dies noch stärker berücksichtigen.

Ralf Rangnick (mit Krassimir Balakow): "Nach einer gewissen Zeit hatten alle Trainer ihre Probleme mit Balakow"
AP

Ralf Rangnick (mit Krassimir Balakow): "Nach einer gewissen Zeit hatten alle Trainer ihre Probleme mit Balakow"

SPIEGEL ONLINE: Wie war Ihr Verhältnis zu Krassimir Balakow?

Rangnick: Ich möchte schon darauf hinweisen, dass es sich dabei nicht um ein Problem Rangnick - Balakow, sondern um ein allgemeines Problem Trainer - Balakow gehandelt hat. Dieses Problem hatten alle meine Vorgänger beim VfB, der Coach von Sporting Lissabon und auch der ehemalige Trainer der bulgarischen Nationalmannschaft. Nach einer gewissen Zeit hatten alle ihre Probleme mit Krassimir Balakow.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihr Spielsystem, die Grundordnung mit Raumdeckung und Pressing, immer noch entscheidend?

Rangnick: Dass das Spielsystem wichtig ist, sehen Sie daran, dass alle großen internationalem Mannschaften mit Viererkette und Pressing spielen. Selbst in der Zweiten Bundesliga stehen mit Nürnberg, Mönchengladbach und Waldhof drei Mannschaften auf dem Sprung in die Bundesliga, die dieses System praktizieren. Aber das System lebt davon, wer es mit Leben erfüllt, gerade wenn man Pressing spielt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie Ihre eigene Zukunft?

Rangnick: Für mich gibt es im Prinzip nur zwei Möglichkeiten. Entweder ein Angebot von einem absoluten Spitzenclub, bei dem der Trainer auch die volle Unterstützung der Vereinsführung hat. Nicht von ungefähr haben sich in Deutschland Mannschaften wie Bayern München, Leverkusen, Dortmund, Hertha BSC, Schalke und auch der SC Freiburg oben festgesetzt: Bei allen Vereinen gibt es starke Leute im hauptamtlichen Bereich, die den Trainer unterstützen, während sich die Ehrenamtlichen größtenteils zurückhalten.

SPIEGEL ONLINE: Und die andere Variante?

Rangnick: Man kann sich auch eine Nische schaffen wie Volker Finke in Freiburg, mit einer Mischung aus Druck und Überzeugung, mit einem kleinen Team, das eng und loyal zusammenarbeitet. Jeder im Verein lebt Disziplin vor - das passiert nicht mit Sonntagsreden oder Auftritten in Mannschaftssitzungen, sondern mit täglichem Auftreten. Vor meinem nächsten Engagement muss ich davon überzeugt sein, mit den Verantwortlichen zusammen etwas reißen zu können.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.